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"Impfung ist zu empfehlen"

Fréderic Verrycken • 07. November 2009

Foto: Dirk Bleicker
Foto: Dirk Bleicker

Müssen wir uns in Deutschland auf einen schweren Verlauf der Schweinegrippen-Pandemie einstellen?

Das kann niemand vorhersagen. Bei der Schweinegrippe gibt es aber keinerlei Grund zur Entwarnung. Selbst wenn die Befürchtung, dass sich das Virus verändern und an Gefährlichkeit zunehmen könnte, nicht eintreten sollte: Im Winter verlaufen Grippeerkrankungen in aller Regel deutlich schwerer als im Sommer, weil oft zusätzliche bakterielle Infektionen hinzukommen. Das kann, insbesondere bei den Risikogruppen, zu einem viel gefährlicheren Krankheits­verlauf führen. Bereits zu Beginn der Wintersaison sind in den Vereinigten Staaten in kurzer Zeit mehr als zehn Kinder gestorben. Der schnelle Anstieg der Todesfälle ist alarmierend.

Was unterscheidet die Schweinegrippe von der saisonalen Grippe?

Bei der saisonalen Grippe kennt der menschliche Körper das Virus meist recht gut, weil sich die Viren in ihrer Zusammensetzung zwar laufend verändern, aber nur geringfügig. Dadurch besteht auch in der Bevölkerung bereits ein gewisser Immunschutz. Bei der Schweinegrippe handelt es sich jedoch um ein Virus völlig neuen Typs, das durch eine Vermischung von Grippeviren von Schweinen, Menschen und Vögeln entstanden ist und gegen das wir kaum Immunschutz haben. Daher sterben daran auch eher Kinder und junge Erwachsene. Ihr Zustand verschlechtert sich so schnell, dass junge Menschen im Krankenhaus an ein Beatmungsgerät angeschlossen werden müssen.

1976 gab es den ersten Ausbruch in Fort Dix in den USA. Wie kommt es, dass das Virus danach über 30 Jahre schlummerte und jetzt eine weltweite Pandemie erzeugt?

Der Erreger von 1976 war so wie der heutige vom Typ A/H1N1, aber sie sind nicht identisch. Aus wissenschaftlicher Sicht ist es sehr wahrscheinlich, dass beide von dem Erreger abstammen, der 1918 die Spanische Grippe hervorgerufen hat.

Die WHO hat vor Aussprechen der ­Pandemiewarnung die Kriterien ­verändert. Jetzt ist die Gefährlichkeit einer Krankheit nicht mehr unbedingt Voraussetzung für die Warnung. Allein eine weltweite Verbreitung reicht nun als Kriterium, nationale und internationale Notfallpläne in Gang zu ­bringen. Warum wurden die Kriterien plötzlich verändert?

Die Gefährlichkeit des Virus kann sich sprunghaft ändern. Daher war das Vorgehen der WHO richtig und entsprach auch der Phaseneinteilung, die 2005 festgelegt wurde. Auch bei oft mildem Verlauf der Erkrankung sind die weltweite Verbreitung des Erregers und die Verbreitung von Mensch zu Mensch die Bedingungen einer Pandemie. Die Notfallpläne in Gang zu setzen war notwendig, um die rasche Entwicklung von Impfstoffen und die Versorgung der Bevölkerung zu gewährleisten. Das Virus der Schweinegrippe kann sehr schnell gefährlicher werden, als es heute ist, und jeder, der dies ausschließt, verharmlost die Lage, ohne Daten zu haben.

Viele kritisieren die Impfung. Es hätte kaum klinische Tests gegeben, die durch die eingesetzten Wirkverstärker ausgelösten Nebenwirkungen wie Schmerzen an der Einstichstelle sowie Kopf- und Gelenkschmerzen seien ­verbreitet. Im Gegensatz zum normalen Grippeimpfstoff werden keine Einmaldosen verwendet, sondern Injektionsflaschen zur Mehrfachverwendung, die ein quecksilberhaltiges Konservierungsmittel enthalten. Viele reagieren darauf allergisch. Wird von den Ärzten über die Risiken und Nebenwirkungen ausreichend aufgeklärt?

Es hat ausreichend klinische Tests gegeben, wenn man von Schwangeren und kleinen Kindern absieht, wo es leider Defizite gibt. Der Impfstoff wurde nach allen Regeln der internationalen Wissenschaft getestet, auch die Fallzahlen der Studien waren groß genug. Die Quecksilberkonzentration in den Impfflüssigkeiten ist minimal und unbedenklich, lokale Hautreaktionen an der Einstichstelle sind kein Problem, wenn damit eine sehr schwere Infektion mit manchmal bleibenden Schäden oder Todesfolge vermieden werden kann.

Gerade Schwangeren wird empfohlen, sich impfen zu lassen. Zugleich aber liegen mangels fehlender klinischer Tests keine Erkenntnisse zu Nebenwirkungen auf Mutter und Fötus vor. Ist das nicht ein Vabanquespiel?

Die meisten Wissenschaftler, die in diesem Bereich forschen, empfehlen trotzdem die Impfung. Das Risiko für das ungeborene Kind und die Frau ist bei einer ungeschützten Infektion hoch, daher überwiegt in der notwendigen Kosten-Nutzen-Relation der Nutzen.

Besteht nicht die Gefahr, dass sich viele jetzt gegen die Schweinegrippe impfen lassen wollen und dabei den Grippeschutz gegen die herkömmliche Grippe einfach übersehen?

Der übliche Grippeschutz muss für die Risikopatienten natürlich zusätzlich erfolgen. Aber man darf das eine nicht gegen das andere ausspielen. Die Behörden und auch die Ärzte sollten verstärkt darauf aufmerksam machen, dass die jetzige Impfung nicht gegen das saisonale Grippevirus schützt. Gerade bei älteren Menschen und vielen chronisch Kranken bestehen hohe Risiken, die eine Impfung sehr empfehlenswert machen. Jeden Winter sterben einige Tausend an der Grippe.

Würden Sie die Impfung für alle uneingeschränkt empfehlen?

Eine Impfung ist ganz klar zu empfehlen. Wir wissen nicht, wie sich der Erreger weiterentwickelt, und selbst wenn er sich nicht verändern sollte, handelt es sich um eine gefährliche Infektion. Jeden Tag schlucken Menschen in Deutschland Arzneimittel mit gravierenden Nebenwirkungen, die keinen gesicherten Nutzen für sie haben. Daher ist Skepsis gegenüber der Pharmaindustrie immer angebracht. Aber bei diesen Impfungen überwiegt klar der Nutzen die Gefahren.

Seit wann und wo besteht die Möglichkeit, sich impfen zu lassen?

Die Impfstoffe stehen seit dem 26. Oktober zur Verfügung. Über die genauen Abläufe entscheiden die Bundesländer in Eigenregie. Wer sich impfen lassen will, sollte sich an die Gesundheitsbehörden vor Ort wenden. In der Regel impft der Hausarzt.

Was kostet die Impfung gesetzlich und privat Versicherte?

Die Impfung ist für alle Versicherten, gesetzlich wie privat, kostenlos.

Kritiker behaupten, die Impfkampagne helfe in erster Linie den Pharmafirmen. Die beiden Hersteller könnten im globalen Maßstab in kürzester Zeit viel Geld zu Festpreisen verdienen. Und zwar ohne langfristige Studien und ohne die sonst notwendigen teuren Marketingkampagnen. Was ist da aus Ihrer Sicht dran?

Erneut, ich bin ja nicht als Schutzpatron der Pharmabranche bekannt, aber dieser Vorwurf ist wirklich nicht haltbar. Für die Arzneimittelhersteller sind Schutzimpfungen das denkbar schlechteste Geschäft. Viel lukrativer wäre es, ohne Impfstoff auf den massenhaften Ausbruch von Erkrankungen zu warten, um diese dann teuer - und oft nicht sehr wirkungsvoll - mit Medikamenten behandeln zu können.

Interview: Fréderic Verrycken, Fotografie: Dirk Bleicker

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