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Icon   Eine Würdigung Wilhelm Liebknechts

Sozialdemokratie leugnet ihre Geschichte nicht

Horst Heimann • 15. April 2006

Wilhelm Liebknecht hatte schon 1869 in einem Vortrag die "Untrennbarkeit von Sozialismus und Demokratie" wie folgt begründet: "Der Sozialismus ohne Demokratie ist Aftersozialismus, wie die Demokratie ohne Sozialismus Afterdemokratie." Im Sinne dieses Gedankens von Wilhelm Liebknecht betonte Willy Brandt: "Ich halte fest (denn hier ist Geschichtsbewusstsein gefordert): Die Sozialdemokratische Partei hat in ihrer nun 113jährigen Geschichte niemals ihren sozialistischen Ursprung verleugnet, sondern sich stolz zu ihm bekannt in der gleichen Leidenschaft, mit der sie in ungebrochener Tradition für die demokratischen Freiheiten kämpfte. Denn beide, Sozialismus und Demokratie, haben uns seit der Mitte des vorigen Jahrhunderts nicht als Gegensätze begleitet und beschäftigt, ... . Bereits für Wilhelm Liebknecht war die deutsche Sozialdemokratie, was sie geblieben ist: die Partei der Freiheit. Er meinte auch die Freiheit, die nach mehr Gerechtigkeit für die Unterdrückten und Abhängigen seiner Epoche im täglichen Leben verlangte."

Wie ein vorweggenommener Einspruch gegen Angela Merkels Losung "Neue Gerechtigkeit durch mehr Freiheit" klingen folgende Gedanken Willy Brandts: "Freiheit und Gerechtigkeit machen die Substanz des demokratischen, freiheitlichen Sozialismus aus", dem es "um eine soziale Demokratie (geht), die nicht nur ohne Freiheit undenkbar ist, sondern mehr konkrete Freiheit bringt. [...] Es bleibt ganz im Sinne von Bebel und Liebknecht dabei, dass neue konkrete Freiheit nur durch den Fortschritt der Gerechtigkeit geschaffen wird."

In seinem Vortrag "Wissen ist Macht Macht ist Wissen", den Wilhelm Liebknecht 1872 vor einem Arbeiterbildungsverein hielt, wurde auch deutlich, dass die Sozialdemokratie über die rein materielle Interessenvertretung hinaus geistig-kulturelle Ziele verfolgt. Ausgehend von der Einsicht, "Wissen ist Macht", bezeichnete Liebknecht die SPD als "im eminentesten Sinne des Wortes die Partei der Bildung". Dem folgend, hatte Liebknecht selbst 1891 eine "Arbeiterbildungsschule" gegründet.

Im Sinne dieses programmatischen Selbstverständnisses, das weit über eine rein materielle Interessenvertretung hinausreicht, hielt Willy Brandt den konservativen Ideologen entgegen: "Es ist ein Irrtum, wenn sie glauben, der freiheitliche Sozialismus habe allein eine soziale Aufgabe gehabt. [...] Es ist der grundlegende Irrtum jener, die Sozialismus nur als materielle Erfolgsrezeptur verstehen wollen. [...] Für uns war Sozialismus niemals allein eine soziale Frage. Er war schon immer als die Lebensordnung zu verstehen, in der die Entfaltung der Person sich mit sozialer Verpflichtung verbunden sieht."

Die SPD war nicht nur von ihrem programmatischen Selbstverständnis her von Anfang an auch eine "Kultur und Bildungsbewegung", sondern auch in der gesellschaftlichen Wirklichkeit. Zahlreichen kulturellen und publizistischen Institutionen und Aktivitäten, auch sozialistischen Intellektuellen wie Wilhelm Liebknecht, ist es zu verdanken, dass die Sozialdemokratie breiten Bevölkerungsschichten ein kritisches und alternatives Wissen vermittelte. Gegen das Herrschaftswissen der Mächtigen hatte dieses sozialkritische Wissen die Ohnmächtigen zu einem geistigen Machtfaktor gemacht, obwohl sie im Obrigkeitsstaat noch von der direkten politischen Macht ausgeschlossen waren.



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