Artikel (Archiv) > Der Anfang vom Ende

Hauptinhalt

Artikel (Archiv)

Übersicht

Icon   Jochen Böhler: Der Überfall

Der Anfang vom Ende

Edda Neumann • 15. November 2009

Eichborn Verlag
Eichborn Verlag

Wie erlebten die Menschen in beiden Ländern die Monate, in denen sich die Ereignisse überschlugen? Was passierte in den ersten drei Kriegswochen? Und was wussten die Menschen in der Heimat über den Verlauf und die Gräueltaten? Die Antworten auf diese Fragen versammelt der Historiker Jochen Böhler, vom Deutschen Historischen Institut in Warschau, in seinem neuen Buch. Um die Geschehnisse zu rekonstruieren, bezieht sich Böhler vor allem auf Briefe, Tagebücher und Interviews. Diese hauptsächlich auf Quellen basierende Darstellung macht überdeutlich, wie brutal die Deutschen während ihres Vormarschs und des Beginns der Besatzungszeit vorgingen. Ebenso deutlich wird die schwierige Situation der deutschen Minderheit in Polen. Mit "Der Überfall" knüpft an Böhlers 2006 veröffentlichte Dissertation "Auftakt zum Vernichtungskrieg" an, die in Fachkreisen für heftige Diskussionen sorgte.

Verbrechen gegen die Menschlichkeit bereits 1939
Jochen Böhler wertet die Verbrechen der Wehrmacht-, Polizei- und SS-Einheiten in Polen als Wendepunkt von einer "herkömmlichen" zu einer "radikalen" Kriegsführung. Die Einheiten der Wehrmacht hätten sich in einem "Freischärlerwahn" befunden. Dementsprechend reibungslos habe auch die Zusammenarbeit zwischen den mordenden Einsatzgruppen und der Wehrmacht funktioniert. Bisher kaum bekannt ist das, was in Przemysl zwischen dem 16. und 19. September 1939 passierte. Hier führte eine Einsatzgruppe das größte Massaker an Juden vor dem Angriff auf die Sowjetunion durch - fast 500 bis 800 Menschen verloren an diesen zwei Tagen ihr Leben. Die Vermutung Böhlers liegt daher nahe, dass Wehrmachtssoldaten als Täter in nicht geringem Maße darin involviert waren. Sein Fazit angesichts dieser Fakten bricht mit der sich bis in die neunziger Jahre hartnäckig haltenden Vorstellung von der "sauberen" Wehrmacht und der mordenden SS. Die Wehrmachtsführung hätte bewusst über Verbrechen im eigenen Bereich hinweggesehen und ihr Augenmerk auf das Fehlverhalten der mit ihr konkurrierenden SS-Verfügungstruppe, aus der später die Waffen-SS hervorging, gerichtet.

Von guten und schlechten Soldaten
Zu Beginn des Polenfeldzuges regte sich vereinzelt Widerstand gegen die brutale Behandlung von Zivilisten. Einige Offiziere der Wehrmacht protestierten, allerdings vergeblich. Böhlers Recherchen ergaben jedoch auch, dass sich insgesamt nur sehr wenige Mannschaften und Offiziere über Verbrechen in Polen entrüstet und noch weniger sich bei der Rettung von Juden engagiert haben.

Hierzu zitiert Böhler aus einem erst seit 1954 bekannten Brief eines Oberstleutnants vom November 1939 aus Warschau an seine Frau: "Es ist so grausam, dass man keinen Augenblick seines Lebens froh ist, wenn man in dieser Stadt weilt. … Man bewegt sich dort nicht als Sieger, sondern als Schuldbewußter! ...Dazu kommt noch all das Unglaubliche, was dort am Rande passiert und wo wir mit verschränkten Armen zusehen müssen! Die blühendste Phantasie einer Greuelpropaganda ist arm gegen die Dinge, die eine organisierte Mörder-, Räuber- und Plündererbande unter angeblich höchster Duldung dort verbricht… Ich schäme mich, ein Deutscher zu sein. Diese Minderheit, die durch Morden, Plündern und Sengen den deutschen Namen besudelt, wird das Unglück des ganzen deutschen Volkes werden, wenn wir ihnen nicht bald das Handwerk legen."

Böhler arbeitet in seiner Studie klar das primäre Kriegsziel der Deutschen für den Überfall auf Polen heraus - nämlich "Lebensraum im Osten" zu gewinnen. Mit Zeitzeugenberichten und deutschen Archivmaterialien belegt er, dass Polen als Kulturnation "vernichtet" werden sollte. So hatte es Hitler wörtlich vor einer Gruppe von Generälen verkündet. Dazu gehörte von Anfang an auch die Missachtung internationaler Vereinbarungen über die Kriegsführung. Und dazu zählte die unverhältnismäßige Bombardierung polnischer Städte gleich zu Beginn.

Böhlers Werk zeigt, wie viele der Besatzer in großem Maßstab plünderten und mordeten, wie sie gezielt Jagd machten auf Juden und Vertreter der katholischen Intelligenz. Sehr anschaulich beleuchtet der Autor die vielfältigen Gründe für das daraus erwachsene tiefe Kriegstrauma der Polen und räumt mit dem Mythos vom "anständigen" deutschen Soldaten auf. Sein Buch spricht ein breites Publikum an uns sollte viele Leser finden.

Edda Neumann

Jochen Böhler: Der Überfall. Deutschlands Krieg gegen Polen, Eichborn Verlag 2009, 272 Seiten, 19,95 Euro, ISBN-13: 978-3821857060

Hier bestellen...


Inhalt rechte Spalte

 

Hauptinhalt 2

Buchtipp

Econ Verlag

Icon Rezension; Rudolf Hickel: „Zerschlagt die Banken"

„Zerschlagt die Banken"

Icon Rezension; Hans-Christian Jasch: „Staatssekretär Wilhelm Stuckart und die Judenpolitik"

Massenmord, geplant von Beamten

Icon Kathrin Hartmann: "Wir müssen leider draußen bleiben"

Von der Politik über den Tisch gezogen

Icon Rezension; Alexander Dill: „Gemeinsam sind wir reich"

Mehr Sozialkapital

Interview

Eren Güvercin

Icon Eren Güvercin im Interview

„Ich habe nie ein Identitätsproblem gehabt“

Icon Interview mit Frank Mentrup

Lust auf den Wechsel

Icon Interview mit dem Deutsch-Iraner Omid Pouryousefi

"Viele haben die Nase voll"

Icon Interview mit Katja Kullmann

„Dann ist da diese andere europäische, große Idee, die wir Sozialdemokratie nennen“

Veranstaltung

vorwärts-Fest in Bayern

Icon vorwärts-Fest

„Der Wandel in Bayern hat angefangen!“

Icon Buchvorstellung

Naziverbrecher ohne Reue

Icon Fotoausstellung im Willy-Brandt-Haus

Das kulturelle Gesicht Afghanistans

Icon Bildungspolitik

Gleiche Chancen für alle?

Kolumne

Icon Willst du mit mit (wählen) gehen?

Das Allerletzte von Martin Kaysh

Icon Notiert von Uwe Knüpfer

Berliner Tagebuch

Icon Abzug aus Afghanistan

Global gedacht von Rafael Seligmann

Icon Notiert von Uwe Knüpfer

Berliner Tagebuch

Filmtipp

 „Genug der Farce“, sagt sich Monsieur Demanet.

Icon Film der Woche: Kill me please

Selbstmord inklusive

Icon Film der Woche: Die Vermissten

Mit dem Rücken zum Nichts

Icon Film der Woche: Medianeras

Wir sind die Stadt

Icon Film der Woche: Ufo In Her Eyes

„Ein ideologischer Schrottplatz“