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Frankreichs Topfirmen vor Selbstmordserie

Lutz Hermann • 28. October 2009

Pixelio/R. Sturm
Pixelio/R. Sturm

Eine ähnliche Suizidserie hat es in der französischen Industrie noch nie gegeben. Fachleute führen das schlechte Betriebsklima auf neue Anforderungen seit Ausbruch der Finanzkrise zurück. Bei Firmenfusionen verlangt die Konzernspitze mehr Einsatz, Mobilität, schnelle Umsatzergebnisse und Anpassung an einen beschleunigten Arbeitsrhythmus. Bei Jobstreichungen werden oft jene ins Auge gefaßt, die sich dem Druck unter Depressionen widersetzen.

Rabiate Antreiber in den Betrieben

Etliche Selbstmörder hinterließen im Betrieb einen Abschiedsbrief. Darin wird häufig ein neuer Vorgesetzter als rabiater Antreiber kritisiert. Andere betriebsbedingte Gründe werden angeführt wie beispielsweise die Ablehnung einer Versetzung. Viele Angestellte wollen eine Umsiedlung nur für einige Jahre akzeptieren, wenn sie eine Einkommensverbesserung, einen Karrieresprung und eine Rückkehrgarantie vorsehen. Allgemein stellen Arbeitsexperten fest, dass die Mobilität in Frankreich stark abgenommen hat. Viele sehen einen Ortswechsel als Anfang der Planung zur Entlassung.

Im letzten Jahr gab es im Durchschnitt einen Selbstmörder täglich. Ein Drittel waren Frauen. Im Dritten Fernsehprogramm berichteten Ende Oktober vier Kassierinnen eines renommierten Supermarktes, welchen Schikanen sie vor ihrer Entlassung ausgesetzt waren: Der Filialleiter fand bei einer Durchsuchung ihrer Handtaschen Kaugummipäcken, angeblich von den Frauen aus den Regalen geklaut, was der Vorgesetzte als Ladendiebstahl ansah. Die Beschuldigten dementierten, die Riegel seien heimlich in ihrer Tasche deponiert worden. Der Hintergrund: Die Filiale mußte Arbeitsplätze streichen. Man suchte "Schwachstellen". Die Frauen sind ausgeschieden, klagen werden sie nicht.

Kaum ein Angestellter, der Druck und Stress ausgesetzt ist, klagt vor dem Arbeitsgericht. Das ist langwierig und kostet starke Nerven. Betriebsärzte in namhaften Firmen berichten, dass derzeit ihre Büros von Patienten überfüllt seien. "Gegen einen aggressiven Chef vorzugehen ist zwecklos!" sagt eine 43-jährige Französin aus dem Mittelmanagement. Die Vorgesetzten stünden selbst unter der Fuchtel der Firmenleitung, die Erfolge sehen will. "Sie leiden selbst unter Stressfaktoren", weiss ein Gewerkschaftsvertreter. Vor zwei Jahren wurde eine Art "Kummerkasten" und Telefonseelsorge in einigen "sensiblen" Unternehmen eingeführt. "Nicht ausreichend!" sagt das Institut für Arbeitsschutz in Paris. "Selbstmordgefährdete geben sich in der Regel nicht zu erkennen und fallen deshalb nicht auf!

Kein Platz für Sensibelchen

Der Autobauer Peugeot versucht seit letztem Jahr, das Suizidproblem in seinen Montagehallen zu lösen. Gefährdete sollten Medikamente nehmen, sich Psychologen anvertrauen und einen Fragebogen ausfüllen, in dem sie ihre "Einstellung, Gefühle und eventuellen Leiden" aufschreiben. Firmenleitungen hätten oft abgewunken, sich mit "Bedrückungen, Lebensbedrohungen und Überlastungen" ihrer Mitarbeiter auseinanderzusetzen. Manche sagen ironisch: "Sensibelchen können wir im verschärften Wettbewerb nicht gebrauchen!"

France Telecom steht seit langem am Pranger. Tausende Angestellte protestierten Mitte September gegen die Arbeitsbedingungen und trugen Spruchbänder mit der Aufschrift "Terror-Management". Der Konzern beschäftigt über 100.000 Mitarbeiter, will Kosten senken und Posten streichen. 500 Beschäftigte sollten versetzt werden. Diese sind derzeit abgeblasen. Neustrukturierungen und Fabrikumbauten der letzten drei Jahre gipftelten in der Streichung von 22.000 Stellen. Mobilität galt als Pflicht. Zukäufe des Konzerns im Ausland verstärkten den Leistungsdruck weiter. Die Pariser Regierung empfahl France Telecom dringend, die bisherigen Selbstmordfälle eingehend, komplett und kritisch zu untersuchen. Man darf gespannt sein, zu welchem Resultat der Weltkonzern kommt. Die Fernsehdokumentation im 3. Programm hatte als Titel gewählt: "Chronik einer gewöhnlichen Gewalt".

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