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Die Mendelssohns

Edda Neumann • 21. October 2009

Foto: S. Fischer Verlag
Foto: S. Fischer Verlag

"Ich wollte Licht in das Dickicht der Familie bringen", meinte Julius H. Schoeps, Direktor des Moses Mendelssohn Zentrums für europäisch-jüdische Geschichte an der Universität Potsdam, zu Beginn der Veranstaltung. In Berlin gäbe es kaum noch etwas, was an die Mendelssohns erinnere. "Die Spuren sind längst verloschen". Dabei hätte sich der Autor nichts mehr gewünscht, als dass die Stadt Berlin mehr aus der Erinnerung an ihre einstigen Bürger macht. Lediglich das Mendelssohn-Archiv der Staatsbibliothek zu Berlin und die U-Bahnhaltestelle benannt nach dem bekannten Komponisten Felix Mendelssohn-Bartholdy erinnerten an die Familie.

Aufstieg der Familie
Die Geschichte der Mendelssohns beginnt mit dem Berliner Kaufmann und Philosophen Moses Mendelssohn im 18. Jahrhundert. Als einer der ersten deutschen Juden fand er im Europa der Aufklärung Anerkennung für sein Wirken. Dieses war nicht nur für die jüdische Aufklärung von großer Bedeutung, sondern auch für die Emanzipation der Juden in Deutschland. Das Leben seine Kinder und Enkelkinder war ebenfalls von Erfolg gekrönt: Seine Tochter Dorothea heiratete den Philosophen Friedrich von Schlegel und wurde als Schriftstellerin zu einer Schlüsselfigur der deutschen Romantik. Seine Söhne Joseph und Abraham gründeten eine Bank, die der Familie über Generationen hinweg zunehmenden Wohlstand und wirtschaftspolitischen Einfluss einbrachte. Seine Enkelkinder Felix und Fanny Mendelssohn Bartholdy zählten zu den musikalischen Lichtgestalten in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Auch in den darauf folgenden Generationen fehlte es nicht an wichtigen Persönlichkeiten aus der Wirtschafts- und Kulturgeschichte.

Erinnerung wach halten
Julius H. Schoeps versammelt in seinem Buch sechs Generationen und folgt den Lebensläufen einer Vielzahl von Familienmitgliedern sowie der Geschichte der familieneigenen Bank. Das Jahr 1933 setzte dem erfolgreichen gesellschaftlichen Leben der Mendelssohns ein jähes Ende. Die Familie musste aus Deutschland fliehen und wurde teilweise enteignet. Durch diesen erzwungenen Niedergang gerieten die Mendelssohns in der Nachkriegszeit fast in Vergessenheit. Mit seiner Familienbiographie möchte der Autor die Erinnerung an die Mendelssohns wieder beleben und wach halten.


Der akribisch zusammengetragene Stammbaum am Anfang des Werkes veranschaulicht, wie viele interessante und einflussreiche Persönlichkeiten der Familie entstammen: Bankiers, Kaufleute, Denker, Dichter, Komponisten und Kunstmäzene, die mit ihren unterschiedlichen Begabungen über Generationen hinweg die Geschichte und Kultur des Landes nachhaltig geprägt haben. Stellenweise leidet das Buch allerdings am ungleichen Grad der Interessantheit und Bekanntheit einzelner Familienmitglieder.
Jedoch bietet der fast 500 Seiten starke Band einen Einblick in zwei Jahrhunderte jüdischer Geschichte in Deutschland. Interessant ist vor allem immer wieder das gesellschaftliche Dazwischen - der Erfolg und die Anpassungsversuche - der jüdischstämmigen, allerdings weitgehend zum Christentum konvertierten Familie Mendelssohn. Obwohl die sozialen- und wirtschaftshistorischen Hintergründe des 19. Jahrhunderts nur knapp skizziert sind, wächst aus der Fülle an Einzelinformationen eine große Gesamtschau. Der umfangreiche Bildteil ist eine gelungene Ergänzung zum Text.


Julius H. Schoeps: Das Erbe der Mendelssohns. Biographie einer Familie, Fischer 2009, 496 Seiten, 29,95 Euro, ISBN 978-3-10-073606-2

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