Johanna Dorer, Brigitte Geiger und Regina Köpl widmen sich als Herausgeberinnen einem Bereich, der bis vor kurzem noch mit einem "geschlechterblinden" Blick betrachtet wurde, wie sie betonen.
19 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus Kommunikations-, Politikwissenschaft und Gender-Forschung beleuchten unterschiedliche Aspekte des Forschungsgebiets politische Kommunikation.
Ein Grundlagenteil setzt sich mit zentralen Begriffen wie Öffentlichkeit, Demokratie und Information auseinander. Die Akteurinnen und Akteure der politischen Kommunikation stehen im Mittelpunkt
des zweiten Buchteils. Im letzten Abschnitt werden Kommunikationsprozesse in einzelnen Politikfeldern betrachtet. Der großen Bandbreite und Ergebnisfülle des Bandes kann an dieser Stelle nicht
Rechnung getragen werden. Pars pro toto sollen deshalb zwei aufschlussreiche Beiträge stehen.
Information und Unterhaltung - zwei Pole?
Männer mögen Nachrichten, Frauen Soap Operas. Diese klassische Zweiteilung ist so einfach wie falsch, konstatiert Elisabeth Klaus. Die Kommunikationswissenschaftlerin kritisiert - und
dekonstruiert - in ihrem Beitrag die strikte Trennung von medial vermittelter Information und Unterhaltung mit all ihren geschlechts- und schichtspezifischen Konnotationen. Klaus zeigt nicht nur
auf, dass die beiden vorgeblichen Pole längst vermischt sind. Sie analysiert auch die Schwachstellen von Untersuchungen, welche die Informationsorientierung von Männern und die weibliche
Sehnsucht nach Unterhaltung belegen. - So kategorisieren diese Studien etwa Sport als Information.
Elisabeth Klaus plädiert für ein Zusammendenken von Information und Unterhaltung. Nur so funktioniere erfolgreiche Vermittlung komplexer Inhalte via Massenkommunikation. Und hat nicht auch
die zwischenmenschliche "Unterhaltung" im Alltag sowohl Informations- als auch Unterhaltungswert? In ihrer Analyse eröffnet sie einen neuen Blickwinkel: "Das Gegenteil von Information ist
Desinformation, das Gegenteil von Unterhaltung ist Langeweile", lautet ihr Fazit und der Titel des Aufsatzes.
Mediales Matriarchat?
Anne Will & Co. haben die Fernsehstudios erobert. FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher zittert vorm medialen Matriarchat. Neben der Verdrängung der Männer im Polit-Journalismus befürchtet
"der konservative Meinungsmacher" auch das Aussterben der Deutschen durch rückläufige Geburtenraten bei berufstätigen Akademikerinnen. Doch wie steht es tatsächlich um die Gleichstellung im
Medien-Bereich? Margreth Lünenborg widmet sich der Frage der Geschlechterverhältnisse im "Kerngeschäft" des Journalismus: der Politikberichterstattung. Sie stellt fest, dass das Verhältnis in
Deutschland nahezu ausgeglichen ist. - Mit einer großen Einschränkung: Zur Chef-Etage haben Frauen bisher kaum Zugang.
Nichtsdestotrotz: Der Frauenanteil im politischen Journalismus ist gestiegen, Frauen haben sich Teilhabe verschafft. So geht Lünenborg in ihrem Beitrag der Frage nach, ob dies zu einer
Veränderung, bzw. zu einer neuen Qualität in der Berichterstattung geführt habe. Hier kann sie auf Basis des derzeitigen Forschungsstandes keine einfache und letztgültige Antwort geben. Doch
einer Sache ist sie sicher: "Der übersichtliche Kreis der politischen und publizistischen Eliten, die in gemeinsamem männlichen Einvernehmen den öffentlichen Diskurs bestimmen, dieser Kreis hat
sich unwiederbringlich geöffnet - eine solche Veränderung kann nicht ohne Konsequenzen bleiben."
Erhellende Einsichten, neue Blickwinkel und eine disziplinübergreifende Betrachtung des Spannungsfeldes "Medien - Politik - Geschlecht" liefert der gleichnamige Sammelband. Die
feministische Medienforschung beschäftigt sich - besonders im deutschsprachigen Raum - erst seit wenigen Jahren mit der politischen Kommunikation. Die lesenswerte Textsammlung gibt Einblick in
die vielfältigen Ergebnisse und dokumentiert gleichsam den aktuellen Forschungsstand. Dass es sich dabei erst um den Anfang eines breiten Forschungsprogramms handle, betonen die Herausgeberinnen.
- Die Lektüre des Buches sorgt dafür, dass neue Ergebnisse mit Spannung erwartet werden.
Dorer, Johanna/Geiger, Brigitte/Köpl, Regina (Hrsg.): "Medien - Politik - Geschlecht. Feministische Befunde zur politischen Kommunikationsforschung", VS Verlag für Sozialwissenschaften,
Wiesbaden, 2008, 285 Seiten, 29,90 Euro, ISBN 978-3-531-15419-0







