Die Sehnsucht nach dem guten alten Berlin scheint so alt, wie die Stadt selbst. So konnte Marlene Dietrich in den 60er Jahren passend zur Mauer-Zeit ein Lied aus den 30er Jahren singen: "Die Stadt Berlin hat mancher schon besungen, der längst heut liegt tief unterm grünem Gras. Für uns sind das bloß noch Erinnerungen, als ob uns Mutter was aus Märchen las. Der eine liebt sie, andre wieder lästern, manches verging, das einmal Staub gemacht, doch manches ist noch heute so wie gestern, das ist Berlin, wie's weint und wie es lacht."
20 Jahre Mauerfall - das bedeutet auch 20 Jahre Ende des alten West-Berlin. Seit der Teilung der Stadt sehnten sich die Berliner in Ost und West nach dem Ende der Spaltung. 1948, mitten in der Berlin-Blockade durch die Sowjets, sangen die Kabarettisten "Die Insulaner" in West-Berlin selbstbewusst und sehnsuchtsvoll zugleich: "Der Insulaner verliert die Ruhe nicht, der Insulaner liebt keen Jetue nicht, der Insulaner hofft unbeirrt, daß seine Insel wieder'n schönes Festland wird."
Der Traum ist in Erfüllung gegangen. Die Insel West-Berlin ist wieder Festland. Doch wie es nun mal ist mit erfüllten Wünschen: Man sehnt sich immer nach dem, was man nicht hat. Diese Sehnsucht atmet das Buch "War jewesen - West-Berlin 1961-1989". In über 50 wunderbaren Texten wird die untergegangene Halbstadt wieder lebendig. Es schreiben so namhaften Autoren wie Ingeborg Bachmann, Sten Nadolny oder Bodo Morshäuser, aber auch Berliner Akteure selbst wie Wolfgang Neuss, Bommi Baumann und Fritz Teufel, Hans Rosenthal, Brigitte Mira und Christiane F..
Die Zeit nach dem Mauerbau wird wieder lebendig: Die Frontstadt des Kalten Krieges, Kennedys "Ich bin ein Berliner!", Spionagefälle und Agentenaustausch, die 68er mit Rudi Dutschke, Benno Ohnesorg und dem Schah-Besuch, Marlene Dietrich mit ihrem "Koffer in Berlin" und Hildegard Knef mit ihrem "Heimweh nach dem Kurfürstendamm", Karajan und die Berliner Philharmoniker, Linie 1 und die Wilmersdorfer Witwen, SO36 und "Kreuzberger Nächte sind lang", Hausbesetzer, Punks und "No Future", Reagans "Mr. Gorbatschow, tear down this wall!", Bierpinsel, Schwangere Auster, Wasserklopsund Hohler Zahn.
Das alles war West-Berlin. In 30 Fotos und Abbildungen ist vieles zu betrachten. Und manches ist heute noch so wie damals. Sehnsucht und Selbstbewusstsein atmet das Buch. Hildegard Knefs Zeilen werden in Text und Bildern wieder lebendig. "Ich hab so Heimweh nach dem Kurfürstendamm, ich hab so Sehnsucht nach meinem Berlin. Und seh' ich auch in Hamburg, München, Frankfurt oder Wien die Leute sich bemühn', Berlin bleibt doch Berlin." Vielleicht ein kleiner Trost für die Freunde des untergegangenen West-Berlin - neben dem Buch "war jewesen".
war jewesen - West-Berlin 1961-1989
Herausgeber: D. Holland-Moritz, Gabriela Wachter
Verlag: Parthas Verlag
Taschenbuch
468 Seiten
24,00 €
ISBN: 3869640146
EAN: 9783869640143
Oktober 2009







