Artikel (Archiv) > Verraten

Hauptinhalt

Artikel (Archiv)

Übersicht

Icon   Philosophenkreis ans Messer geliefert

Verraten

Thomas Köcher • 26. September 2009

Bild: Patmos Verlag
Bild: Patmos Verlag

In der Regel gibt es zuerst das Buch zum Film und dann wird gedreht. Bei Inga Wolfram war es umgekehrt. Ihr Film "Verraten; Sechs Freunde und ein Spitzel" war schon in mehreren Fernsehanstalten der ARD gezeigt worden, ehe sie im tazCafé in Berlin-Mitte ihr literarisches Werk vorstellte.

Sie schrieb dieses Buch, weil sie den Verräter zufällig 2004 auf einem Londoner Flughafen "wieder traf". Sie wollte ihn stellen. Er entschlüpfte ihr jedoch und verschwand in der Menge der Passagiere. Noch heute überkomme sie eine heilige Wut, wenn sie an Arnold Schölzl denke, erregte sich Inga Wolfram. Damals ist er ihr entkommen, aber der Literatur kann er nicht entgehen. Sie legt Zeugnis ab, Schwarz auf Weiß.

Die Anfänge

Inga Wolfram war nie Mitglied der Philosophengruppe, sympathisierte aber mit ihr und war mit deren "Kopf" Klaus Wolfram verheiratet. Aus Erinnerungen und tausenden Seiten Dokumenten von der Birthler-Behörde rekonstruierte sie das Geschehen.

Inga Wolfram arbeitet nicht nur ein Stück DDR-Geschichte sondern auch ihrer eigenen Vergangenheit auf. Sie spiegelt ihre Kindheit, Jugend und ihr Leben als junge Erwachsene. Sie berichtet davon, wie sie in der DDR als privilegiertes Sowjet-Mädchen aufwuchs. Ihr Vater, der mit einer Russin verheiratet war, führte sie an die Literatur heran und prägte sie politisch. Das Leben der Inga Wolfram änderte sich, als sie an der Humboldt-Universität immatrikuliert wurde. Dort lernte sie Klaus Wolfram kennen.

Er und der Verräter sind die Hauptfiguren ihres Buches und Films. Klaus gründete einen Philosophenkreis, welcher eine theoretische Grundlage für einen erneuerten Sozialismus liefern sollte. Die Mitglieder der Gruppe um ihn, die sich als sozialistische Oppositionelle verstanden, wollten die DDR nicht abschaffen. Sie wünschten sich lediglich eine "sozialistischere" Republik, in welcher Offenheit und Gerechtigkeit herrschte. Kurzum: den wahren Sozialismus. Da die Gruppenmitglieder beinahe gänzlich der gesellschaftlichen Elite der Deutschen Demokratischen Republik entstammten, sahen sich die DDR-Verantwortlichen in ihrer Existenz bedroht. Die kleine Flamme sollte ausgelöscht werden, bevor sie zu einem Lauffeuer werden konnte.

Der Informelle Mitarbeiter

Von Anfang an war er beteiligt. "Er", das ist der Spitzel, der für die Stasi arbeitete. Seinen Namen, Arnold Schölzl, erfährt der Leser früh. Dies tut der Spannung jedoch keinen Abbruch. Denn die ganze Zeit fragt sich der Leser, wann die anderen Gruppenmitglieder den Verräter erkennen und ob sie überhaupt noch rechtzeitig herausfinden, wer diesen unglaublichen Vertrauensbruch begangen hat. Zugleich entwickelt sich ein interessantes Katz-und-Maus-Spiel zwischen den Philosophen und der Stasi. Es kommt es zu Pannen bei den Sicherheitsorganen der DDR. Die Lage für die Gruppe um Klaus Wolfram wird noch dadurch erschwert, dass Arnold Schölzl nicht der einzige Verräter ist. Es gibt weitere Spitzel außerhalb dieses Philosophenkreises.

Die Interviews

Im letzten Teil des Buches bildet Inga Wolfram, die Interviews ab, die sie mit den Mitgliedern der Gruppe für ihren Film führte. Darunter befindet sich ein erschütterndes Gespräch mit Andreas Schölzl, der bis heute nichts von seinen Taten bereut. Auf die Frage "Weshalb hast du uns verraten?" antwortete Arnold Schölzl, dass dieser Philosophenkreis schließlich 17 Millionen Menschen verraten habe. Kein Wunder, dass Inga Wolfram ihn verachtet, wie sie im Nachwort festhält. Heute ist Arnold Schölzl Chefredakteur der "jungen Welt".

Das Buch ist sehr anschaulich geschrieben. Der Leser fühlt sich an einen Tisch in ein gemütliches Café versetzt, wo Inga Wolfram ihm ihre Lebensgeschichte erzählt. Er fragt sich, wann der Verräter endlich demaskiert wird und ob die Hauptakteure den Fängen der Stasi entgehen können. Mit einer Leichtigkeit lässt Inga Wolfram Bilder im Kopf des Lesenden entstehen.

Für den Lesefluss wäre eine Unterteilung ihres Buches in Kapitel angenehmer gewesen. Vermutlich hätte dies aber die "Café-Atmosphäre" gestört. Anstrengend sind die vielen Zeitwechsel zwischen Kindheitserinnerungen, der Jugend- und der "Oppositionszeit". Sie fordert vom Lesenden hohe Aufmerksamkeit. Jede Menge Originaltexte aus Stasi-Akten hingegen machen die Geschichte sehr lebendig.

Wer sich für die Oppositionellen und das Leben in der DDR interessiert, für den ist das bewegende Buch über historisch einmalige Jahre auf jeden Fall empfehlenswert.


Inga Wolfram - Verraten; Sechs Freunde, ein Spitzel, mein Land und ein Traum - Patmos Verlag - Düsseldorf, 2009 - 307 Seiten - Preis: 19,90 Euro - ISBN: 978-3-538-07271-8

Hier bestellen...


Inhalt rechte Spalte

 

Hauptinhalt 2

Buchtipp

Westend Verlag

Icon Rezension; Jürgen Roth: „Gazprom – Das unheimliche Imperium"

Putins unheimliches Imperium

Icon Rezension; Rudolf Hickel: „Zerschlagt die Banken"

„Zerschlagt die Banken"

Icon Rezension; Hans-Christian Jasch: „Staatssekretär Wilhelm Stuckart und die Judenpolitik"

Massenmord, geplant von Beamten

Icon Kathrin Hartmann: "Wir müssen leider draußen bleiben"

Von der Politik über den Tisch gezogen

Interview

Eren Güvercin

Icon Eren Güvercin im Interview

„Ich habe nie ein Identitätsproblem gehabt“

Icon Interview mit Frank Mentrup

Lust auf den Wechsel

Icon Interview mit dem Deutsch-Iraner Omid Pouryousefi

"Viele haben die Nase voll"

Icon Interview mit Katja Kullmann

„Dann ist da diese andere europäische, große Idee, die wir Sozialdemokratie nennen“

Veranstaltung

vorwärts-Fest in Bayern

Icon vorwärts-Fest

„Der Wandel in Bayern hat angefangen!“

Icon Buchvorstellung

Naziverbrecher ohne Reue

Icon Fotoausstellung im Willy-Brandt-Haus

Das kulturelle Gesicht Afghanistans

Icon Bildungspolitik

Gleiche Chancen für alle?

Kolumne

Icon Willst du mit mit (wählen) gehen?

Das Allerletzte von Martin Kaysh

Icon Notiert von Uwe Knüpfer

Berliner Tagebuch

Icon Abzug aus Afghanistan

Global gedacht von Rafael Seligmann

Icon Notiert von Uwe Knüpfer

Berliner Tagebuch

Filmtipp

Cengos (Abdullah Ado) Kindheit endet mit schmerzhaften Verlusterfahrungen.

Icon Film der Woche: Mes – Lauf!

Der stumme Schrei nach Leben

Icon Film der Woche: Kill me please

Selbstmord inklusive

Icon Film der Woche: Die Vermissten

Mit dem Rücken zum Nichts

Icon Film der Woche: Medianeras

Wir sind die Stadt