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Im Schatten der Vergangenheit

Birgit Güll • 21. September 2009

Klett-Cotta
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Nick lebt in einem Wohnheim in Kopenhagen. Jeden Tag trainiert er im Fitnessstudio. Und er geht spazieren, stundenlang. Bis es endlich Abend ist, und er zu Hause Bier trinkt. Das ist sein täglicher Rhythmus, seit er aus dem Gefängnis entlassen wurde. Er füllt seine Tage aus, so gut er kann und hofft auf eine ruhige Nacht, trinkt sich in den Schlaf. Was Nick fürchtet, sind seine Erinnerungen: An Ana, die sich von ihm trennte, nachdem sie ihm gesagt hatte, dass sie schwanger ist. Und an seinen einen Bruder, der starb, ohne je einen Namen bekommen zu haben. Auch an den anderen Bruder mag er nicht denken, den Heroin-Junkie mit dem Kind.

Dämonen
Doch Erinnerungen lassen sich nicht so einfach kontrollieren. Immer wieder brechen bruchstückhaft Splitter aus der Vergangenheit in sein Leben. Nicks Ruhe wird vollends gestört, als er Ivan wiedertrifft - Anas Bruder. Den plagen eigene Dämonen: Traumatisiert sind die Geschwister einst vom Balkan nach Dänemark gekommen. Nick kennt die Verstörung, die die Kriegserlebnisse und die Flucht hervorgerufen haben von Ana. Er weiß, wie sie nachts schrie vor Angst - und tagsüber niemals darüber sprechen wollte.

Ivan dagegen erzählt, ohne Einleitung oder Vorwarnung - ob jemand zuhört oder nicht. Er lebt auf der Straße, seine Schwester hat den Kontakt abgebrochen. Wieder versucht Nick zu helfen - und scheitert kläglich. Wie bei seinem namenlosen Bruder, dessen Tod er nicht verhindern konnte. Obwohl sie sich um ihn gekümmert haben, er und sein anderer Bruder, wenn die Mutter tagelang abwesend war. Von diesem großen Bruder nimmt Nick, der Ich-Erzähler des ersten Buchteils immerhin an: "... der ist nicht so allein wie ich. Er hat seinen Sohn und sein Heroin."

Seifenblasen
Der zweite Teil des Buches ist aus der Perspektive von Nicks Bruder älterem Bruder geschrieben. Dieser Erzähler, dessen Name der Leser nicht erfährt, berichtet vom Leben mit Martin, seinem kleinen Sohn - und vom Heroin, nach dem er süchtig ist. Martins Mutter ist tot. Sie starb bei einem Autounfall, doch wäre sie nicht überfahren worden, hätte die Überdosis Heroin in ihrem Blut sie umgebracht. Dabei war das Paar clean gewesen, seit sie ein Baby erwarteten. Er möchte so gerne ein guter Vater sein, seinem Sohn alles geben, was er nie hatte. Denn wie Nick weiß er, dass tote Kinder nicht weinen - weiß es von dem kleinen namenlosen Bruder, der plötzlich so schrecklich still war.

Entzugserscheinungen, Beschaffungskriminalität - die Suchtspirale dreht sich immer weiter. Seine Panik, Martin zu verlieren wird immer größer. Und dann scheint der Tod der eigenen Mutter plötzlich eine Chance zu eröffnen. Sein Bruder Nick will nichts von dem Erbe und so versucht er sein Glück mit dem Geld. Sein Sohn, seine Sucht, er scheint endlich alles im Griff zu haben - eine Seifenblase, die jäh zerplatzt.

Versatzstücke
Jonas T. Bengtsson schreibt von zwei Brüdern, die - so sehr sie es auch versuchen - nie eine wirkliche Chance hatten. Sie sind traumatisiert von ihrer Vergangenheit, die sie immer wieder einholt. Diese ist auch die Klammer, welche die Brüder und zugleich die beiden Teile des Buches zusammenhält: Jeder der Brüder berichtet aus seiner Perspektive. Aus ihren Erinnerungen erschließt sich die gemeinsame Geschichte. Dabei ist der Teil des Heroinabhängigen deutlich länger. Hier gelingt es Bengtsson nicht ganz so virtuos wie im ersten Abschnitt die Vergangenheit als quälende Versatzstücke in die Gegenwart einzuflechten. Häufiger wird erklärt, linear erzählt und aufgelöst.

Der dänische Autor schafft eindrückliche Bilder. Seine nüchterne Sprache steigert die Kälte. Sie macht das Scheitern, vor allem aber das Ringen nach Normalität und Glück besonders nachdrücklich. Bengtsson schafft eine dichte Atmosphäre - "Submarino: Foltermethode, bei der der Kopf einer Person bis zur Erstickungsgrenze unter Wasser gedrückt wird" - doch bisweilen wirkt sie zu konstruiert, zu glatt. Nichtsdestoweniger ist es ein eindringliches Leseerlebnis, dass Bengtsson mit diesem, seinem zweiten Roman vorlegt. Thomas Vinterberg, der Regisseur des preisgekrönten Films "Das Fest", ist gerade dabei das Buch zu verfilmen.

Jonas T. Bengtsson: "Submarino", Klett-Cotta, Stuttgart, 2009, 384 Seiten, 19,90 Euro, ISBN 978-3-608-50105-6

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