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Icon   Frauenpolitik 20 Jahre nach dem Mauerfall

Zwei Schritte zurück, ein Schritt nach vorn?

Thomas Köcher • 10. September 2009

Von links nach rechts: Iris Kloppich, Christine Bergmann, Inge von Bönninghausen. Foto: Köcher
Von links nach rechts: Iris Kloppich, Christine Bergmann, Inge von Bönninghausen. Foto: Köcher

Die geheime Sehnsucht vieler Ostdeutscher nach der Deutschen Demokratischen Republik sei nicht bloß schlichte Ostalgie, sondern beruhe auf einem Verlust an politischen und gesellschaftlichen Idealen nach dem Fall der Mauer, eröffnete Professorin Dr. Hildegard-Maria Nickel die Veranstaltung. Die Menschen sehnten sich nach sozialer Gerechtigkeit. Zudem durchlebten die Frauen auf Grund der Wiedervereinigung in den neuen Bundesländern eine existenzielle Krise. Dabei seien sie gut aufgestellt: Sie besäßen laut einer Studie eine höhere Allgemeinbildung und sie seien mobiler, erklärte Nickel.

In Berlin schließt sich der Kreis - Erinnerungen an den Fall der Mauer

Inge von Böhnninghausen meinte, dass es schon beinahe kein Zufall sein könne, dass an jenem schicksalhaften Tag in Berlin verweilte. Die ehemalige Journalistin des WDR und Ex-Vorsitzende des Deutschen Frauenrats hat den Bau der Mauer, den Kennedy-Besuch und die Kubakrise miterlebt. "Es war also nicht verwunderlich, dass ich zu diesem Zeitpunkt wieder in unserer Hauptstadt war. Der 9. November hat viel Lebensgeschichtliches in mir wachgerufen," erzählte von Böhnninghausen. Sie war damals in Berlin, um über Frauenpolitik zu berichten. Das Thema sei dann natürlich auf Grund der Ereignisse in den Hintergrund getreten.

Christine Bergmann erinnerte sich sehr bewegt an den Fall der Mauer. Freude sei ihr vorherrschendes Gefühl, wenn sie die Jahreszahl 1989 höre. Immerhin sei die friedliche Wiedervereinigung keine Selbstverständlichkeit gewesen. Alle DDR-Bürger hätten noch das Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens in China vor Augen gehabt.

Die Deutsche Demokratische Republik sei damals schon lange moralisch, aber auch wirtschaftlich am Ende gewesen, berichtete sie. Dies sei auch für Bergmann der Grund gewsen, an den Demos teilzunehmen und mitzuhelfen.

"Mir tun die Menschen leid, die sich damals nicht engagiert haben und nun nicht in gleicher Weise dieses überwältigende Gefühl haben, wenn sie an die Wiedervereinigung denken," so Bergmann. "Aber auch heute ist es wichtig, dass alle, aber auch insbesondere die Frauen, sich engagieren. Ob in einer Partei, einem Verein oder in der Kirche sei egal. Wichtig ist, dass man etwas tut. Aber gerade in der Politik muss es mehr Frauen geben."

Die Historikerin und Gewerkschaftssekretärin Iris Kloppich erinnerte an die paradoxe Situation in der DDR 1989. Jubelmärsche wurden inszeniert und zugleich erfolgten die Montagsdemos. Jeder habe gesehen, dass das kommunistische Regime zusammenbricht," sagte Kloppich. Ihr Gefühl sei gewesen, dass die Demos nicht eskalieren dürften. Sie habe Angst gehabt, dass die SED gewaltsam einschreiten könne, aber auch vor der Zukunft habe sie Furcht verspürt. "Was kommt dann, fragte mich eine Freundin. Na der Kapitalismus erzählte ich. So hatten wir es ja in der Schule gelernt."

Sie sei damals Mitglied im Freien Demokratischen Gewerkschaftsbund (FDGB) gewesen. Nach dessen Auflösung sei sie aber in der Gewerkschaft geblieben. In der IG-Metall-Ost. Dort sei sie auch zur Frauenpolitik gekommen. In den Jahren nach der Wiedervereinigung habe sie viel zu tun und zu lernen gehabt, erzählte Kloppich. "Vieles aus der DDR nahmen wir als selbstverständlich wie das Recht auf Arbeit und Ausbildung. Auch gab es bei uns in dem Sinne nicht die typischen Männerberufe. Ingenieurinnen und Physikerinnen waren eine Normalität. Das hat sich leider verändert," berichtete sie.


Familienpolitik im wiedervereinigten Deutschland.


Im Bereich der Frauen habe es keine Erfolge gegeben, bemerkten einige Gäste im Konferenzsaal der Friedrich-Ebert-Stiftung kritisch. Dies stimme nicht ganz, widersprach die ehemalige SPD-Bundestagsabgeordnete Inge Wettig-Danielmeier. Beispielsweise sei Gewalt gegen Frauen kein Tabuthema mehr, heute würden konkrete Schritte dagegen unternommen. Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf werde gefördert. Ebenso würden Homosexuelle heute mehr Toleranz erfahren und hätten mehr Rechte, so Wettig-Danielmeier.

Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie habe es aber schon in der DDR gegeben, merkte ein Gast an. Nach der Wende seien viele Einrichtungen geschlossen worden. Kinderkrippen, Mutti-Dienste (entspricht ungefähr der heutigen Tagesmutter) und Ganztagsbetreuung wurden abgebaut. Heute werde so getan, als ob die Einführung von derartigen Institutionen eine neue Erfindung sei, kritisierte die Teilnehmerin.

"Das ist richtig", räumte Wettig-Danielmeier ein. "Aber man muss auch bedenken,dass all diese Sachen seit den 1970ern von den westdeutschen Gewerkschaften und Frauen gefordert werden. Deshalb ist es ein Erfolg, dass es jetzt diese Dinge in ganz Deutschland gibt und ausgebaut werden. Natürlich muss noch viel getan werden, aber einiges wurde schon geleistet. Wir stehen noch am Anfang," so Wettig-Danielmeier.

Die Referatsleiterin für Frauen und Gleichstellung im brandenburgischen Arbeitsministerium, Eva Kunz, merkte an, dass es nicht nur politische, sondern auch gesellschaftliche Erfolge gebe. Im Gegensatz zu früheren Jahren sei es in der gegenwärtigen Zeit keine Schande mehr, sein Kind in eine Betreuungseinrichtung zu geben. Auch gebe es ab 2013 einen Rechtsanspruch für jedes Kind auf einen Betreuungsplatz, so Kunz.

Frauen in die Politik

"Wir benötigen mehr Frauen und ihr Engagement in der Politik," gab Böhnninghausen die einhellige Meinung wieder. Nach der Wiedervereinigung habe es zwar in den neuen Bundesländern gegenüber der DDR einige Rückschritte gegeben, doch mittlerweile gehe Gesamt-Deutschland in die richtige Richtung. Der Weg sei zwar noch weit, aber ein Anfang gemacht, erklärten die Teilnehmerinnen einstimmig.

"Nur wenn Frauen gemeinsam und beharrlich für etwas kämpfen, können sie auch etwas erreichen. Wir alle müssen an einem Strang ziehen" schloss Bergmann.

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