Wie keiner seiner Vorgänger im Amt hat sich Bundesverkehrsminister Wolfgang Tiefensee die Aufarbeitung der NS-Verstrickung seines Hauses zur Aufgabe gemacht. "Wir müssen die Rolle von
Reichsverkehrsministerium und Reichsbahn wahrheitsgemäß darstellen und ihre Bedeutung für das nationalsozialistische System offen legen", sagt er. "Gleichzeitig müssen wir dafür sorgen, dass die
Erinnerung an die mutigen Eisenbahner im Widerstand nicht verblasst. Ihr Kampf gegen das Naziregime soll nicht vergessen werden." Was hier als Programm formuliert wird, lösen bis jetzt zwei
Publikationen ein, die dank der tatkräftigen Unterstützung des Ministeriums erscheinen konnten.
Alfred Gottwaldt, Leiter der Abteilung Eisenbahnwesen im Deutschen Technikmuseum Berlin und durch zahlreiche Veröffentlichungen zur Eisenbahngeschichte und die kommentierte Chronologie "
Die 'Judendeportationen' aus dem Deutschen Reich 1941-1945" hervorgetreten, hat ein Forschungsgutachten über die antijüdische Politik der Vorgängerinstitution in der NS-Zeit erstellt. Denn
anders als die Mittäterschaft der Deutschen Reichsbahn bei der Ausrottung der europäischen Juden war die Initiative und Mitwirkung des Reichsverkehrsministeriums (RVM), dem die Bahn seit 1937
unterstand, bisher weitgehend unbekannt.
Detailversessenheit und Regelungswut
In vier zeitlich gegliederten Abschnitten, die einleitend und als Hintergrund jeweils die unterschiedliche Organisationsstruktur des RVM erläutern, werden die judenfeindlichen Maßnahmen
und ihre Auswirkungen beschrieben. Sie schlagen sich nieder in Hunderten von Erlassen, mit denen Fachbeamte systematisch den Prozess der Ausgrenzung vorangetrieben haben. Mit welcher
Detailversessenheit und Regelungswut man dabei zu Werke ging, zeigt - ein Beispiel für viele - der Erlass vom 18. September 1941, aus dem der Titel des Bandes zitiert, besonders deutlich:
"Juden dürfen Schlaf- und Speisewagen sowie Ausflugswagen und Ausflugsschiffe innerhalb und außerhalb ihrer Wohngemeinde nicht benutzen...dürfen bei starkem Andrang...nicht zusteigen, wenn sonst
andere Reisende zurückbleiben müßten...dürfen grundsätzlich nur dann Sitzplätze einnehmen, wenn diese nicht für andere Reisende benötigt werden."
Der fünfte Abschnitt enthält die Biographien der beiden Minister von Eltz-Rübenach und Dorpmüller sowie der drei Staatssekretäre Koenigs, Kleinmann und Ganzenmüller, die zwischen 1933 und
1945 Verantwortung trugen. Letzterer, 1905 geboren und damit einer jüngeren Generation zugehörig, wurde 1973 vor dem Schwurgericht Düsseldorf "wegen des Vorwurfs , durch Transporte wissentlich
Beihilfe zum Mord an Millionen jüdischer Kinder, Frauen und Männer und zur Freiheitsberaubung im Amt mit Todesfolge geleistet zu haben", angeklagt. Ein Herzinfarkt des Angeklagten führte nach
fünf Verhandlungstagen zur vorläufigen und 1977 aufgrund mehrerer ärztlichen Gutachten zur endgültigen Einstellung des Verfahrens wegen dauernder Verhandlungsunfähigkeit. Ganzenmüller starb am
20. März 1996 im Alter von 91 Jahren.
Die meisten setzten ihre Karriere fort
Im übrigen herrschte personelle Kontinuität auch nach Kriegsende: "Die Mehrzahl der jüngeren Ministerialräte aus Berlin setzte nach 1949 ihre Karrieren in der organisatorisch wieder
selbständig gemachten Hauptverwaltung der Deutschen Bundesbahn in Frankfurt am Main bis zum Erreichen der Altersgrenze fort."
Gab es Widerstand? Ganz selten, und wenn, dann bei den kleinen Eisenbahnern. Das ist das Ergebnis einer weiteren faktenreichen Untersuchung, die Alfred Gottwaldt mit zahlreichen
Mitarbeitern und nach umfangreichen Recherchen erstellt hat. Sie versteht sich als eine Zwischenbilanz, die weitere Forschungen zum Eisenbahner-Widerstand anstoßen will. Und sie ist zugleich
ein Gedenkbuch, das die Erinnerung an mutige Taten wachhält und vor dem Vergessen bewahrt. Und das nicht ohne Grund, wie der Verlust zahlreicher Gedenktafeln, vor allem in Ostdeutschland seit
1989, zeigt. Die Autoren finden ihn zu recht "erschreckend".
Widerstand als Einzelschicksal
Auch dieser Band ist chronologisch gegliedert. Den vier Kapiteln, die einen summarischen Überblick über die verschiedenen Formen des Widerstandes in dem jeweiligen Zeitabschnitt geben,
werden dabei insgesamt 25 Einzelschicksale zugeordnet. Anschaulich beschrieben wird darin das widerständige Verhalten von Einzelnen oder kleinen Gruppen auf relativ niedrigem
Organisationsniveau, ein Widerstand, der zumeist von unten kam und eine Vielzahl von Handlungsmöglichkeiten aufwies, wie zum Beispiel die Beschaffung von Informationen, der Transport und die
Verteilung "illegaler" Flugschriften, Hilfe für Zwangsarbeiter und versteckte Juden oder Sabotage.
Immer mit gedacht werden muss dabei die Verfolgung durch staatliche Instanzen, Polizei, Gestapo und die Justiz. Auch forderten Leichtsinn und mangelnde konspirative Erfahrung einen hohen
Blutzoll: "Niemand kennt die genaue Zahl der Eisenbahner, die hingerichtet oder auf andere Weise ermordet wurden. Gewerkschafter, Sozialdemokraten und Kommunisten, Katholiken und nachdenkliche
'unpolitische' Beamte wurden in großer Zahl ermordet."
Zum Personal der Reichsbahn zählten 1937 über 700 000 und 1940 mehr als 1,1 Millionen Mitarbeiter. Die Erinnerung an die wenigen unter ihnen, die Mut und Menschlichkeit zeigten und dabei
ihr Leben aufs Spiel setzten, wird in diesem Buch bewahrt.
Theo Meier-Ewert
Alfred Gottwaldt und Diana Schulle: "Juden ist die Benutzung von Speisewagen untersagt". Die antijüdische Politik des Reichsverkehrsministeriums zwischen 1933 und 1945,
Forschungsgutachten, erarbeitet im Auftrag des Bundesministeriums für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung, Verlag Hentrich & Hentrich, Berlin 2007(Schriftenreihe des Centrum Judaicum,
hrsg. von Hermann Simon, Bd.6), 119 Seiten, ISBN 978-3-938485-64-4, 19,90 Euro
Hier bestellen...
Alfred Gottwaldt: Eisenbahner gegen Hitler, Widerstand und Verfolgung bei der Reichsbahn 1933 - 1945, marix Verlag, Wiesbaden 2009, 352 Seiten, ISBN 978-3865392046,
20,00 Euro
Hier bestellen...







