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„Dein Zu-mir-Stehn“

Birgit Güll • 21. August 2009

Suhrkamp Verlag
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Sie kennen einander seit ihrer Kindheit in Czernowitz: Paul Celan und die vier Jahre jüngere Ilana Shmueli. Beide stammen aus jüdischen Familien. Eine lose Freundschaft verbindet sie, auch während der Zeit im Ghetto, das mit der Besetzung der Bukowina beginnt. 1942 werden Celans Eltern deportiert und in einem deutschen Vernichtungslager in der Ukraine ermordet. Er selbst überlebt ein Arbeitslager, erreicht 1948 Paris. Ilana Shmueli geht nach Israel.

"Meine Gedichte implizieren mein Judentum"
Mehr als zwanzig Jahre später, 1965, treffen die beiden einander in Paris wieder. Paul Celan ist inzwischen einer der bedeutendsten deutschsprachigen Dichter. Doch er leidet unter zunehmenden psychischen Problemen. Im Umfeld der so genannten Goll-Affäre - den perfiden Plagiatsvorwürfen der Witwe Yvan Golls - haben diese sich massiv zugespitzt. Celans Lage ist verzweifelt. Aufenthalte in psychiatrischen Kliniken und die Behandlung mit Psychopharmaka erzeugen in ihm lediglich das Gefühl "zerheilt" zu sein. Selbst von engen Freunden fühlt er sich verraten und im Stich gelassen, bricht eine Reihe von Kontakten ab.

1969 unternimmt Celan eine Reise nach Israel. Er liest aus seinem Werk, hält eine Ansprache vor dem hebräischen Schriftstellerverband und trifft Bekannte, darunter Ilana Shmueli. Sein erster und einziger Israel-Aufenthalt markiert für den Lyriker eine "Zäsur". Er bedeutet einen Einschnitt in seiner Auseinandersetzung mit Identität, Zugehörigkeit und Sprache: Als Zeuge der Vernichtung schreibt Paul Celan auf Deutsch - seiner Muttersprache, die zugleich die Sprache der Mörder ist. Für den Überlebenden der Shoah ist das Jüdische weniger eine "thematische als vielmehr eine pneumatische Angelegenheit", wie er formuliert: "Meine Gedichte implizieren mein Judentum".

"Du 'fremdest', wie ja auch ich 'fremde'"
Mit Ilana Shmueli teilt Celan den gemeinsamen Erfahrungshintergrund. Darauf bezieht er sich wenn er ihr schreibt: "Du 'fremdest', wie ja auch ich 'fremde'". Shmueli zeigt dem Dichter Jerusalem - ein Spaziergang und eine Begegnung, auf die Celan sich in seinen Briefen und in seinen Gedichten immer wieder beziehen wird: Nach seiner Rückkehr aus Israel entwickelt sich ein intensiver Briefwechsel zwischen den beiden Jugendfreunden, die inzwischen Liebende sind. Es beginnt ein "Kampf mit Dir und um Dich", wie Ilana Shmueli in einem ihrer Briefe formuliert.

Denn Paul Celans Lage ist prekär: "die Zerstörungen reichen bis in den Kern meiner Existenz hinein". Er beschreibt der Freundin "die fast totale Leere, kein Denken, kein Fühlen, kein Schreiben". Und doch: "Deine Briefe, Dein Zu-mir-Sein bedeuten mir viel, sehr viel." Ilana Shmueli ist das Gegenüber, an das der Lyriker seine letzten Gedichte richtet. Sie erzählt ihm vom Leben in Israel, an dessen politischer Entwicklung Celan regen Anteil nimmt. Vor allem aber versucht sie ihn zu unterstützen, in einer Phase seines Lebens, in der er kaum noch Hoffnung hat. Im Winter 1969/70 ein letztes Zusammensein in Paris: "Du kommst also, ich lebe darauf zu", schreibt Celan.

"... es bleibt: das Alleinsein"
Doch letztlich entzieht sich der Dichter: "... es bleibt: das Alleinsein", formuliert er am 6. April 1970. Sechs Tage später Celans letzter Brief: "Ich schreibe diese Zeilen in Dankbarkeit, Ilana." Shmueli versucht ihn zu erreichen, reist nach Paris, wo seine Freunde ihn bereits suchen. Im Mai 1970 wird Paul Celans Leiche in der Seine gefunden.

"Ich wollte uns eine kleine Möglichkeit in unserer großen Unmöglichkeit schaffen - meine Sorge um sein Schicksal machte mich eher hilflos", schreibt Ilana Shmueli über ihre Beziehung zu Paul Celan. Der Briefwechsel zeugt von diesem Bemühen. Und er zeugt von dem verzweifelten Versuch einer Liebe nach Auschwitz.

Gemeinsam mit Thomas Sparr hat Ilana Shmueli den Briefwechsel im Suhrkamp Verlag herausgegeben. Einige wenige, sehr private Passagen, die ihr zu vertraulich erschienen, hat sie gestrichen. Umfangreiche Stellenkommentare ergänzen die Korrespondenz genau wie zwei israelische Zeitungsartikel über Paul Celan. In einem Nachwort - Auszüge aus ihrem Celan-Buch "Sag, dass Jerusalem ist" - schreibt Shumeli über ihre Beziehung zu dem Dichter. Der Veröffentlichung gibt sie die Bitte um Vergebung mit: "Es geht hier um den persönlichen Bereich eines Menschen, der keinen Einspruch mehr erheben kann." So wünscht sich Ilana Shumueli für den liebevoll edierten Band - der gleichsam ein wertvolles Dokument darstellt - "behutsame, wachsame Leser".

Birgit Güll





Paul Celan/Ilana Shmueli: "Briefwechsel", herausgegeben von Ilana Shmueli und Thomas Sparr, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main, 2004, 240 Seiten, 20,80 Euro, ISBN 3-518-41596-4
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