Die Absicht bislang unzähliger Unternehmen, in der Finanz- und Wirtschaftskrise in Frankreich Arbeitsplätze abzubauen, hat organisierte und nichtorganisierte Arbeiter radikalisiert. Sie suchen mit spektakulären Aktionen - Geiselnahme, Werkszerstörung, Drohung mit Sprengung - die Aufmerksamkeit der großen Medien. Dabei können sie mit einem weitgehenden Verständnis der Franzosen rechnen. Die Regierung hält sich auffallend zurück; der neue Industrieminister Christian Estrosi fordert zwar, nur bei Rücknahme von Gewaltandrohungen vermitteln zu wollen, unternimmt aber nichts, um die sozialen Spannungen im Lande zu mildern.
Keine politische Hilfe von der PS
Erstaunlich klamm verhalten sich die Gewerkschaften. In nur noch wenigen Arbeitskämpfen stehen sie an der Spitze der Proteste. Der Eindruck setzt sich fest, dass die Gewerkschaften wie die
einflußreiche CGT (kommunistisch) und die CFDT (sozialistisch) keine Antwort auf die extreme Lage in vielen Unternehmen habe. Die ihr nahestehende Sozialistische Oppositionspartei (PS) ist mit
inneren Querelen so mit sich beschäftigt, dass von ihr derzeit keine politische Unterstützung zu erwarten ist.
Die Entlassungsankündigung von Alcatel wirbelt in den Medien viel Staub auf. Für die Regierung ist der Abbau von 850 Stellen - 150 sollen ausgelagert werden - ein Testfall. Minister Estrosi
hat um Erklärung gebeten: Der Konzern Alcatel (11.000 Beschäftigte) sei für seine Entwicklung und Forschung von der Regierung mit Millionen "gefüttert" worden, nun realisiere das Unternehmen den
4. Notplan. Seit der Fusion mit der US-Firma Lucent-Technology vor zwei Jahren steckt Alcatel in Schwierigkeiten, offenbar ist ihr die Ehe mit den Amerikanern bitter aufgestoßen. Bisher wurden
17.500 Arbeitsplätze eingespart, davon 2.000 in Frankreich.
Massentlassungen trotz Staatssubventionen
Explosiv ist weiter die Lage beim insolventen Autozulieferer New Fabris (Chatellerault), wo 366 Arbeiter entlassen werden sollen. Ein Dutzend Gasflaschen sind "explosionsbereit", wenn die
Frauen und Männer, die gehen sollen, keine Abfindung von 30.000 Euro pro Kopf erhalten. Über 11.000 Euro konnten durch Vermittlung des Ministers bereitgestellt werden. Das Ultimatum läuft am 31.
Juli ab.
Beim Netzwerkausrüster Nortel (Telekommunikation) scheint ein Kompromiss nach Drohung mit explosiven Gasflaschen gefunden zu sein. Nach schwierigen Verhandlungen sollen die Beschäftigten
nun zwischen 30.000 und 50.000 Euro Ablösesumme erhalten. Beim Hebebühnekonstrukteur JLG wurden für 53 von 166 zu Entlassenden 30.000 Euro durchgesetzt. Es mussten erst Maschinen abgebaut und
eine in Brand gesteckt werden, ehe die Firmenleitung sich bewegt habe, sagte ein Unterhändler der Arbeiter. Estrosis Ankündigung, sich auch bei JLG einzuschalten, beeindruckte die Arbeiter nicht
weiter. Dass er den Satz "Erpressung nehme ich nicht hin!" ausgesprochen hat, fand keine Beachtung.
Drohungen mit leeren Gasflaschen?
Zu einem spektakulären Gewaltausbruch ist es bisher nirgends gekommen. Einige Medien vermuten, die Gasflaschen seien bei den meisten bestreikten Fabriken leer. In anderen Berichten wurden Streikende zitiert, die vor allem die Medienbeachtung suchten. Die Gewerkschaften wissen, dass Präsident Nicolas Sarkozy ein Aufschaukeln des gespannten Sozialklimas wie der Teufel das Weihwasser fürchtet. Einige Unternehmen behaupten, die Drohung mit das Gasflasche zeige dennoch Wirkung. Ob die Strategie aber weiter zieht, muss abgewartet werden. Die Entlassungswelle in Frankreich ist noch lange nicht vorbei. Das letzte Beispiel: Die Entwicklung bei Alcatel Lucent.







