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Als Frau unter Männern

Güner Yasemin Balci • 22. July 2009

Andrea Nahles auf einem Balkon des Reichstags mit Blick auf die Spree und die Bundestagsbibliothek im Marie-Elisabeth-Lüders-Hau
Andrea Nahles auf einem Balkon des Reichstags mit Blick auf die Spree und die Bundestagsbibliothek im Marie-Elisabeth-Lüders-Haus. Foto: Jim Rakete

Ein Schälchen Vollkornflocken, nach einem fast überstandenen Tag. Das schmeckt ihr zwar nicht, aber stillt den Hunger. Um dort zu sein, wo sie jetzt ist, hat Andrea Nahles gelernt zu verzichten. Keine geregelten Mahlzeiten, wenig Zeit für Freunde und Familie, nie pünktlich Feierabend. Für ihre politischen Ideale nimmt sie gerne Entbehrungen in Kauf. Mit Ihren 39 Jahren hat sie sich in die oberen Sphären der SPD katapultiert, wie keine zweite Frau in der Geschichte der Partei und wirkt bei all dem Erfolg ganz unprätentiös. Von einer Karriere als Journalistin hat sich die Literaturwissenschaftlerin früh verabschiedet, als ihr bewusst wurde, dass bloßes Beobachten und Darstellen ihr nicht reicht. Sie will verändern.

Frauenthema zwangsläufig präsent

Ein SPD-Kanzler wäre der Türöffner, um endlich die nötige Gestaltungsmacht zu haben. Während andere sich noch mit den neuen emanzipatorischen Herausforderungen der Zeit abmühen, praktiziert sie den weiblichen Fortschritt. Denn ihre politischen Schwerpunkte sind, wie ihr Umfeld, männerlastig. Somit ist das Frauenthema zwangsläufig stets präsent. Sie weiß es, und es ist offensichtlich, dass sie als Frau anders wahrgenommen wird als ihre männlichen Kollegen; und wenn man sich in der Presse das Maul darüber zerreißt, ob und weshalb Frau Nahles sich einer Typberatung unterzogen haben könnte, stört sie dass extrem, denn Oberflächlichkeiten sind nicht ihre Sache.

Wenn aber Herren auch noch regelmäßig versuchen, ihre Emotionalität mit mangelnder Kompetenz in Verbindung zu bringen und sie Zeit ihrer politischen Entwicklung den Eindruck nicht loswird, dass Mann von Frau die dreifache Leistung erbracht haben möchte, macht Andrea Nahles Krach bis in die oberen Etagen. Ja, sie kann leidenschaftlich sein, dass liege in ihrer südwestdeutschen, katholischen Natur und das sei auch gut so; denn warum sollten dort, wo sie jetzt ist, sich "nur die trockenen Fürze aus Norddeutschland" halten. Wer sich dabei angesprochen fühlen wolle, der möge das tun, lacht sie.

Auch gegen die Mehrheit

Wenn ihr etwas nicht passt, wird sie unbequem, auch gerne allein und gegen die Mehrheit in der SPD. Wie beim Thema Spätabtreibungen im Falle schwerer Behinderungen. Dass viele aus ihrer Partei und Feministinnen wie Alice Schwarzer sie gescholten haben, weil sie im Bundestag für eine dreitägige Bedenkzeit vor dem Eingriff gestimmt hat, kümmert sie nicht.

Sie ist stur, sie ist katholisch und sie ist empört, wenn behindertes Leben nicht als gleichwertig angesehen wird. "Da bin ich die Behindertenpolitikerin, die Frau, die für Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik streitet und für die Gleichwertigkeit des Lebens, die Frau, die jede Woche mit Behindertenverbänden zu tun hat." Da spricht auch die Christin, die sagt, "es gibt keine Unterschiede in der Wertigkeit des Lebens zwischen behindert und nicht behindert."

Trotzdem: Sie ist nicht gegen Abtreibung. Sie übt Kritik am Papst. Wenn andere ihr vorwerfen, ihre Religio­sität beeinflusse ihre politischen Entscheidungen, kann sie nur müde lächeln. In diese Schublade passt sie nicht. Es sei ihr unerschütterlicher Glaube an das Gute im Menschen, der sie treibt, Jesus und die Raumschiff- Enterprise-Figur Captain Jean-Luc Picard als Vorbilder, immer mit der Mission vor Augen, das Land für alle sozialer zu gestalten. Und sozialer gehe nur ohne die CDU, gehe es nur mit einem Mindestlohn für alle. Gerade Frauen würden davon profitieren, zwei Fliegen mit einer Klappe, davon ist sie überzeugt, ganz unaufgeregt, ganz ohne Feminismusflagge.

Sie fordert ein Umdenken in der Arbeitszeitpolitik. Denn in einer Gesellschaft, die "die völlige Verfügbarkeit des Arbeitnehmers am Arbeitsplatz zur Leitline erhoben hat", werden Männer daran gehindert zu Hause bei den Kindern zu bleiben. Ohne Gleichstellung und ohne eine Betreuung für Kinder unter drei Jahre landen Frauen wieder in der alten Falle. Darüber fehlt ihr die Debatte.

"Schwarz/Gelb geht zu Lasten des Sozialstaats"

Ob sie selber mal Kanzlerin werden will? Sie lacht über die Frage. Ihr ist die Arbeit im Team wichtig, als Politikerin, die nicht das Bedürfnis hat, sich in den Vordergrund zu spielen wie manch männlicher Kollege; denn extrovertierte Einzelgänger sind oft nur politische Eintagsfliegen, vom Wähler kurzzeitig beachtet und dann für immer vergessen. "Viele, die ihr Ich in den Vordergrund stellen, kommen nicht so weit."

Wenn man Andrea Nahles auf die Niederlage ihrer Partei bei der Europawahl anspricht, holt sie tief Luft und verkündet nach einer kurzen Denkpause ungetrübten Optimismus "Die Deutschen wissen, sie spüren dass Schwarz/ Gelb in dieser Krise dafür sorgen würde, dass die Folgelasten, die die ganzen Zocker uns hinterlassen, dann ungerecht
verteilt werden, also dass die Frage´Wer bezahlt die Zeche?`zu Lasten der einfachen Leute und des Sozialstaats geht".

Bis zur Wahl bleibt ihr die Hoffnung, dass das kollektive Bewusstsein der Wähler sich auf eine soziale Verteilungspolitik besinnt. In dieser Krise sind es die drängenden Fragen nach schnellen Lösungen, denen sie sich immer und jederzeit stellen muss. Da bleibt wenig Zeit für Erholung, wenig Möglichkeit abzuschalten. Wenn alles gut klappt gibt es trotz Wahlkampfjahr, trotz "Jahr der Grundspannung", noch zehn Tage Urlaub, um Energie zu tanken und dann wieder Gas zu geben.

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