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Fromme Wünsche

Dorle Gelbhaar • 14. July 2009

Was bleibt von Kultur, wenn diejenigen, die sie maßgeblich produzieren, finanziell gesehen, am unteren Ende der Gesellschaft existieren? Erstaunlich viel ist darauf zu antworten, denn in diesem Bereich grassiert - ebenfalls bekanntermaßen - die Selbstausbeutung. Aber natürlich ist da auch jede Menge Verärgerung, die sich mitunter explosionsartig entlädt.

Was war da los?

Schwierig, wenn sich kein echter Gegner findet, dem man die miese Situation der Künstler anlasten könnte. Im ver.di-Gebäude Köpenicker Straße 30 in 10179 Berlin am Ufer der Spree sitzen auf dem Podium Petra Merkel, MdB (SPD), Christoph Waitz, MdB (FDP), Undine Kurth, MdB (Bündnis 90/ Die Grünen) und Dr. Annette Mühlberg (Die Linke) zusammen mit Lorenz Müller-Morenius, Bildender Künstler und Bundesvorsitzender der Fachgruppe Bildende Kunst in der ver.di, außerdem Heinrich Bleicher-Nagelsmann, der Bereichsleiter Kunst und Kultur in der ver.di, auf dem Podium beisammen. Alles Menschen, denen Kunst am Herzen liegt und die sich für Künstler einsetzen. Das trifft auch auf Monika Grütters von der CDU zu, die schon längerfristig einen Termin für eine andere Veranstaltung zugesagt hatte und deshalb auf dem Podium fehlte.

In der Enquetekommission Kultur haben die Kulturpolitiker den Ist-Zustand analysiert und nach Varianten zur Besserung der Lebensbedingungen von Kunstschaffenden und Kreativen ganz allgemein gesucht. Sie plädieren daher gemeinschaftlich für die Aufnahme der Kultur als Staatsziel ins Grundgesetz. Diese Einhelligkeit ist eventuell sogar ein Problem für den moderierenden Berliner Maler Gotthard Krupp. Wo sich Gegensätze artikulieren, kommen Diskussionen auf dem Podium flotter in Gang. Aber das nur am Rande.

Verärgerung unter den Künstlern im Publikum entsteht, weil sie sich fragen, warum sich bei so viel Einigkeit doch nichts zum Positiven hin ändert. Kultur steht eben leider bislang noch nicht als Staatsziel im Grundgesetz. Statt dessen ist unkonkret von notwendig aufzuspannenden Schutzschilden für das Bestehende die Rede, von notwendigem Wildwuchs statt Bonsai (meint die Förderung von Basis-Initiativen der Künstler statt Staatskunst) und davon, dass es in den nächsten Jahren für Kultur und Kunst schwieriger werde, da es sich hier um freiwillige Ausgaben handele und die Länder an erster Stelle bei Kunst und Kultur streichen würden. Das Insistieren auf das in Sachsen die Kultureinrichtungen sichernde Kulturraumgesetz vom Vertreter der FDP ebenso wie die Forderung der Linken nach einem Theatergesetz, das das Wegbrechen der Theaterkultur in Mecklenburg-Vorpommern aufhalten solle, hilft wenig.

Der Unmut im Auditorium macht sich sowohl in Statements als auch in Zwischenrufen bemerkbar: Warum ändert sich nichts an der sozialen Lage der Künstler und Künstlerinnen, wenn die Politiker der verschiedenen Parteien doch alle davon überzeugt sind, dass man von dem, was man schafft, auch leben können sollte?

Kultur als Staatsziel
Der Schriftsteller Olaf Münzberg bringt diesen Unmut auf den Punkt, wenn er meint, es seien alles nur Scheinfragen. Der Bund könne bis zu 49 Prozent der Ausgaben für kulturelle Projekte tragen und hätte daher die Möglichkeit sich zu Gunsten von Kunst und Kultur durchzusetzen, wenn das denn gewollt sei. Auch die Existenz eines Bundesministeriums für Kultur würde eine Besserung der Situation nicht sichern, ist seine Meinung, und ebenso wenig sehe er im europäischen Maßstab eine echte Interessenvertretung der Künstler. Es sei unglaubhaft, wenn Barroso (Präsident der Europäischen Kommission) von europäischer Seele und Kultur spräche und dann nichts für die Kultur getan würde. Nicht einmal einen europäischen Kultur- und Literaturkanal gäbe es, bringt Münzberg in diesem Zusammenhang gleich noch ein konkretes Projekt zur Sprache.

Integration freiberuflicher Künstler in die Sozialsysteme!
Wie freiberufliche Künstler in die Sozialsysteme integriert würden, fragt einer aus dem Publikum. Hoch ausgebildete Menschen würden an den Rand der Gesellschaft gedrängt. Sie müssten in die Sozialsysteme einzahlen und unterstützt werden können.
Wer in der Enquete-Kommission Kultur mitgearbeitet hat, weiß um dieses Problem. 1000 Euro Umsatz weisen freiberufliche Künstler laut KSK im Monatsmittel aus.

Monika Ehrhardt berichtet von den düsteren Ergebnissen einer 2007 vom Landesverband Berlin des Verbandes deutscher Schriftsteller in der ver.di unter Autorinnen und Autoren erhobenen Umfrage und Von einem Stundensatz von zwei bis vier Euro, auf den man kommen könne, legte man die gesamte Arbeitszeit und das damit erzielte Einkommen zu Grunde. Sie bezieht sich dabei auf eine persönliche Berechnung des Berliner VS-Vorsitzenden Prof. Horst Bosetzky (-ky).

Als ehemalige Ballett-Tänzerin macht die heutige Schriftstellerin und stellvertretende Vorsitzende des Berliner Landesverbandes deutscher Schriftsteller in der ver.di auf die unbefriedigende Situation in Hinblick auf die Renten von aus der DDR stammenden Tänzern und Tänzerinnen aufmerksam.Trotz Künstlersozialkasse landeten Kunstschaffende am Ende eines arbeitsreichen Lebens häufig beim Sozialamt, schließt Münzberg noch einmal hieran an.

Welcher Art müsste ein Schutzschild sein?
Haushaltsexpertin Merkel, stellvertretendes Mitglied in Kulturausschuss und Enquete-Kommission, verweist darauf, dass im Parteiprogramm der SPD die Aufnahme des Staatsziels Kultur ins Grundgesetz fixiert ist. Sie teilt dennoch wie Münzbergs Auffassung, dass man es auch mit dem vorhandenen Instrumentarium schaffen müsse, die Situation zu bessern. Schon, weil in Bundestag und Bundesrat die erforderlichen Mehrheiten nicht zu bekommen seien.

Da würden zu viele Begehrlichkeiten anderer geweckt, hatte Waitz schon zuvor moniert. Am Ende verkündet er dann noch, letztlich aber wisse doch jeder, der sich dafür entscheide, Künstler zu werden, welches Risiko er damit eingehe, und man könne doch auch lehrend tätig werden. Er fügte hinzu, die Künstlersozialkasse - diese übernimmt für die Künstler den Arbeitgeberanteil an Krankenkassen- und Rentenkassenzahlungen und holt sich diesen Anteil von Verwertern und Staat zurück - sei wichtig, man müsse aber den enormen Zuwachs begrenzen.

Letzterem wird sofort von Heinrich Bleicher-Nagelsmann (ver.-di) widersprochen. Wo permanent Entlassungen künstlerisch und journalistisch Tätiger erfolgen, ist Zuwachs bei der Künstlersozialkasse unvermeidlich, da sie eine Pflichtversicherung darstellt und sonst viele keine Kranken- und Rentenversicherung hätten. Das extrem niedrige Rentenniveau, das damit erzielt wird, hatte Münzberg angesprochen. Aber es ist trotzdem eine kleine soziale Absicherung, die nicht auch noch angetastet werden darf. Die Künstler stimmen dem Ver.di-Vertreter beifällig zu, auch darin, dass in die Enquetekommission einer von der Gewerkschaft und von Künstlerverbänden als ihr Interessenvertreter gehört hätte.

Es kann auch nicht jeder Pädagoge sein. Und die es sind unter den Künstlern, sind die sozialen Probleme nicht los. Sie haben ein weiteres ungesichertes und schlecht bezahltes Arbeitsgebiet, denn sie üben in aller Regel ihre Tätigkeit auf Honorarbasis aus. Stefan Gretsch, der die Problematik bestens kennt, er ist Musiklehrer und Vorsitzender der ver.di-Fachgruppe Musik, sucht das Gespräch dazu noch im Anschluss an die Veranstaltung.

Fehlende Ausstellungshonorare und andere Kalamitäten

Grünen-Abgeordnete Undine Kurth hat sicher Recht, wenn sie feststellt, die gegenwärtige weltweite Krise letztlich darauf beruhe, dass man sich auf die falschen Werte orientierte und eben nicht auf die von Kunst und Kultur vertretenen.

Am Ende, noch bevor die Anschlussgespräche beginnen, veranschaulichte sie aber noch, dass es - auch wenn man vom Richtigen überzeugt ist - schwer ist, dieses umzusetzen.
Wie von den Künstlern verlangt, müsse es Ausstellungshonorare geben. Aber andererseits wisse sie aus ihrer Praxis im Vorstand von Kunstvereinen, dass deren Geld gerade für Raummiete und Heizung reiche, wenn sie eine Ausstellung machen wollten. Für Honorare bliebe meist nichts. Es müsse dann eben vorher Geld von der Stadt beantragt werden, war von Lorenz Müller-Morenius in Bezug darauf zu Recht zu hören. Aber was wenn die Stadt das nicht zu zahlen bereit ist?

Ist die trotzdem zu Stande gekommene Ausstellung ein Erfolg, wenn die, deren Werke präsentiert werden, davon materiell gesehen nicht profitieren und weiter auf niedrigem Level leben? Das ist die eigentliche Frage.


Dorle Gelbhaar



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