Mit der gleichen Lakonie, die er seinen Landsleuten zuschreibt, nimmt Jerofejew das russische Gemeinwesen auseinander. Die schleichende Diktatur beschreibt der 61-Jährige mit einem aufziehenden Unwetter: "Es schüttet wie aus Eimern, aber Sie laufen immer noch ohne Schirm herum, weil man Ihnen sagt, dass die Sonne scheint. Nun ja, nicht ganz so. Man sagt Ihnen, dass die Sonne scheint, aber Sie wissen doch, dass sie nicht scheint..."
Rückzug ins Private
Das Unwetter als Metapher für die autoritäre Herrschaft: Gerade die literarischen Stilmittel, die Jerofejews Essays auszeichnen, hinterlassen eine beängstigte Leserschaft. Doch sind die aphorismenartigen Analysen ebenso voller groteskem Humor, der das russische Alltags- und Privatleben in seiner ganzen Mannigfaltigkeit und Absurdität bloßstellt.
Überhaupt: das Private. Nach all den apokalyptischen Heimsuchungen der vergangenen Jahrhunderte - oft verknüpft mit propagandistischen Heilsversprechen - haben viele Russen seit der Präsidentschaft von Wladimir Putin gerade darin ihr Heil gefunden, so der Autor.
Sprudelnde Petro- und Gas-Dollars sorgen auch in Zeiten der Krise für einen nie gekannten Wohlstand zwischen Smolensk und Wladiwostok. Das Privatleben im engsten Sinne sei der jetzigen Regierung einerlei. "Lebt, wie Ihr wollt, aber stört mich nicht beim Regieren", fasst Jerofejew das Credo der Machtelite zusammen, das sich die Bevölkerung zu eigen gemacht habe.
Wie länge hält das Werte-Vakuum?
Doch zugleich zerreißt er den Schleier, der die zufriedenen Konsumenten umgibt und lässt seine Zukunftsängste durchschimmern: Kann Russland auf Dauer mit diesem Werte-Vakuum leben? Beschwört die vom Kreml vorangetriebene Sehnsucht nach alter Größe - man denke nur an die Renaissance des Stalin-Kults - neue Heilserwartungen und Schrecken herauf?
Jerofejew ist bestens damit vertraut, gegen den gesellschaftlichen Mainstream anzurennen. Von frühester Jugend an war sein Leben von der Nähe zur Macht, aber auch von deren Gefahren geprägt. Sein Vater war Stalins Französisch-Übersetzer. Nur knapp sei die Familie dem Terror des Diktators entkommen, berichtet er. Einige Jahre lebte der junge Jerofejew in Paris, wo der Vater als Botschafter arbeitete.
Sein Künstlerdasein überschattete der Konflikt mit der Sowjetherrschaft: Im Jahr 1979 wurde der Autor aus dem Schriftstellerverband ausgeschlossen. Mit dem Einsetzen des politischen Tauwetters wurde er eine der prominentesten Literaten-Stimmen der Sowjetunion und Russlands im Ausland - nicht zuletzt durch sein autobiografisches Werk "Der gute Stalin" (2004). Bereits darin rückte er dem Autoritätskult seines Landes auf den Pelz.
Angesichts dieser Biografie ist es nur konsequent, dass Jerofejews Reflektionen über das Wesen und Werden Russlands auch die Außensicht einschließt, insbesondere die französische Geistesgeschichte. Auch zahlreiche Reisen und Begegnungen im Westen Europas finden ihren Niederschlag, wenn er etwa die amourösen Vorlieben junger - ergo hemmungslos konsumbesessener - Russinnen mit denen ihrer deutschen Pendants vergleicht.
Auch dieser Aspekt ist Teil eines Gebildes, das der Autor allenfalls umschreiben, aber nicht definieren kann. Wird dieses sich am Absurden ergötzende Russland am Ende nur von der Idee des Tschekismus zusammengehalten, wie Jerofejew andeutet? Der gibt die Hoffnung nicht auf, dass sich seine Heimat, verkörpert durch den vom Zarismus tradierten Doppeladler, nicht nur beim Konsumieren an Europa orientiert: "Der Westen muss den verkümmernden westlichen Kopf des Adlers aufpäppeln. Andernfalls entflattert er nach Osten."
Viktor Jerofejew: Russische Apokalypse, Berlin Verlag 2009, 254 S., ISBN: 978-3827007117, 22,00 EUR
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