Artikel (Archiv) > Die Gestapo nach 1945

Hauptinhalt

Artikel (Archiv)

Übersicht

Icon   Rezensionen

Die Gestapo nach 1945

Anton Maegerle • 21. June 2009

Bild zum Artikel "Die Gestapo nach 1945"

Gegliedert ist der Band, an dem 15 renommierte Autoren arbeiteten, in drei Blöcke. Zunächst stehen Karrieren in der Nachkriegszeit im Mittelpunkt. Im zweiten Block geht es um Konflikte mit der Vergangenheit. So wird unter anderem beleuchtet, wie und warum die größte geplante Prozeßserie -die gegen die Angehörigen des RSHA- komplett scheiterte. Der dritte Block beleuchtet Konstruktionen, Bilder- und Gedankenwelten von der bzw. über die Gestapo nach 1945.

"Die Mörder sind unter uns"
Im Februar 1944 erstellte das Reichssicherheitshauptamt (RSHA) seinen letzten vorliegenden Iststärkenachweis. Demnach gehörten am 1. Januar 1944 31.374 Personen zur Gestapo, zur Reichskriminalpolizei 12.792 und zum Sicherheitsdienst Reichsführer-SS (SD) 6.482, insgesamt also 50.648 Männer und Frauen. Mindestens 25.000 Angehörige der Gestapo dürften nach Auffassung des Herausgeberduos das Ende der NS-Diktatur erlebt haben.

"Die Mörder sind unter uns" konstatierte der 1946 gedrehte gleichnamige Film von Wolfgang Staudte. Das Plakat dieses eindrucksvollen Films ziert die Titelseite des Sammelbandes. Nur wenige führende Gestapo-Funktionäre waren ihrem Dienstherrn Heinrich Himmler freiwillig in den Tod gefolgt; so Rolf Günther, der stellvertretende Leiter des Judenreferats im RSHA, oder Theodor Dannecker, Eichmanns Deportationsspezialist. Etliche Gestapo-Funktionäre waren in die Illegalität abgetaucht und wurden nie mehr gesehen. So lebte Anton Burger aus Eichmanns Judenreferat 46 Jahre unter falschem Namen und starb unerkannt 1991 in Essen.

Andere Gestapo-Angehörige flüchteten über die berüchtigten "Rattenlinien" nach Südamerika, Spanien oder den Nahen Osten. Ein Argentinienflüchtling war SS-Obersturmführer Kurt Christmann. Der Gestapo-Beamte, ein Massenmörder, der Juden in Gaswagen ermorden ließ, kam 1956 wieder nach Deutschland zurück. Erst 1980 wurde Christmann zu einer zehnjährigen Haftstrafe verurteilt. Walther Rauff, Konstrukteur der Gaswagen, fand dagegen bis zu seinem Tod im Jahr 1984 in Chile keinen irdischen Richter.

Im Zuge der Ost-West-Spannungen wurden ehemalige Gestapo-Angehörige für die westlichen Geheimdienste interessant. Bekanntestes Beispiel ist Klaus Barbie, der "Schlächter von Lyon", der für den US-amerikanischen Geheimdienst CIC arbeitete. Auch die dem CIA unterstehende Organisation Gehlen, aus der 1956 der Bundesnachrichtendienst (BND) entstand, griff auf RSHA-Personal zurück. Walter Kurreck, 1943 bis 1945 Leiter des Sonderreferats "Zeppelin" im Amt VI, das Spionage und Sabotage hinter den sowjetischen Linien organisierte, brachte seine Verbindungen 1949 dort ein. Ende der 40er Jahre war rund jeder Zehnte der 4.000 Gehlen-Mitarbeiter durch seine Vergangenheit belastet.

"Siegerjustiz"
Anfang der 50er Jahre verschob sich die öffentliche Meinung in Deutschland immer mehr Richtung Schlußstrich und Generalamnestie. 1946 hatten noch 78 Prozent der Bevölkerung die Nürnberger Urteile als gerecht empfunden und 80 Prozent der Befragten das Verfahren für fair gehalten. 1951 aber äußerten sich nur noch 10 Prozent Zustimmung. "Siegerjustiz" lautete nunmehr der Vorwurf an die Alliierten. Die 50er Jahre waren, so ein Fazit des Sammelbandes, "die große Zeit der zweiten Chance" für ehemalige Gestapo-Angehörige. Wer sich zumindest öffentlich zur demokratischen Republik bekannte und auf neonationalsozialistische Betätigung verzichtete, fand sein Auskommen und hatte kaum etwas zu befürchten. So brachte es der ehemalige Kommandeur der Sicherheitspolizei und des Sicherheitsdienstes von Toulouse, Rudolf Bilfinger, Teilnehmer der berüchtigten Wannseekonferenz, zum Oberverwaltungsgerichtsrat am Landesverwaltungsgerichtshof Baden-Württemberg.

Der Band, streckenweise spannend wie ein Krimi, verfügt über ein Personen- und Ortsregister.

Anton Maegerle



Mallmann, Klaus-Michael / Angrick, Andrej (Hrsg.): Die Gestapo nach 1945. Karrieren, Konflikte, Konstruktionen. Wissenschaftliche Buchgesellschaft Darmstadt 2009, 368 Seiten. 49,90 EUR Hier bestellen...

Inhalt rechte Spalte

 

Hauptinhalt 2

Buchtipp

Econ Verlag

Icon Rezension; Rudolf Hickel: „Zerschlagt die Banken"

„Zerschlagt die Banken"

Icon Rezension; Hans-Christian Jasch: „Staatssekretär Wilhelm Stuckart und die Judenpolitik"

Massenmord, geplant von Beamten

Icon Kathrin Hartmann: "Wir müssen leider draußen bleiben"

Von der Politik über den Tisch gezogen

Icon Rezension; Alexander Dill: „Gemeinsam sind wir reich"

Mehr Sozialkapital

Interview

Eren Güvercin

Icon Eren Güvercin im Interview

„Ich habe nie ein Identitätsproblem gehabt“

Icon Interview mit Frank Mentrup

Lust auf den Wechsel

Icon Interview mit dem Deutsch-Iraner Omid Pouryousefi

"Viele haben die Nase voll"

Icon Interview mit Katja Kullmann

„Dann ist da diese andere europäische, große Idee, die wir Sozialdemokratie nennen“

Veranstaltung

vorwärts-Fest in Bayern

Icon vorwärts-Fest

„Der Wandel in Bayern hat angefangen!“

Icon Buchvorstellung

Naziverbrecher ohne Reue

Icon Fotoausstellung im Willy-Brandt-Haus

Das kulturelle Gesicht Afghanistans

Icon Bildungspolitik

Gleiche Chancen für alle?

Kolumne

Icon Willst du mit mit (wählen) gehen?

Das Allerletzte von Martin Kaysh

Icon Notiert von Uwe Knüpfer

Berliner Tagebuch

Icon Abzug aus Afghanistan

Global gedacht von Rafael Seligmann

Icon Notiert von Uwe Knüpfer

Berliner Tagebuch

Filmtipp

 „Genug der Farce“, sagt sich Monsieur Demanet.

Icon Film der Woche: Kill me please

Selbstmord inklusive

Icon Film der Woche: Die Vermissten

Mit dem Rücken zum Nichts

Icon Film der Woche: Medianeras

Wir sind die Stadt

Icon Film der Woche: Ufo In Her Eyes

„Ein ideologischer Schrottplatz“