Bei einer Diskussion vor einigen Wochen in Berlin brachen sie wieder los, die Konflikte
von damals. Auf dem Podium: Tilman Fichter, vor 40 Jahren beim SDS in
Berlin und Wulf Schönbohm, der Vorsitzender des Rings-Christlich-Demokratischer
Studenten (RCDS) war. Worüber sie stritten? Über 1968.
Für die Dauer der Podiumsdiskussion - Anlass war die Eröffnung der Ausstellung
"68 - Brennpunkt Berlin" sah sich der Beobachter dabei zurückversetzt an die FU Berlin der späten 60er Jahre. Etwa wenn Fichter dem damaligen RCDSler Schönbohm lautstark vorwarf, seine
Organisation sei zu feige gewesen, die USA für den Vietnamkrieg zu kritisieren und dieser zurückblaffte, die Ziele von APO und SDS seien allesamt unrealistisch gewesen und das einzige Gute, das
die 68er erreicht hätten, sei, dass man endlich ungestraft bei seiner Freundin übernachten durfte.
Runde Geburtstage bieten immer einen Anlass sich zurückzubesinnen auf die
Dinge, die da einst waren. Das geht nicht immer friedlich ab. So verhält sich dies
auch mit dem Jahr 1968, das wir, die Kinder der 68er,nur vom Hörensagen kennen.
Nach dem Motto: "Papa, was hast Du denn 1968 gemacht?"
Erbitterter Streit bis heute
Was 1968 war und welche Relevanz es für die nachfolgenden Generationen hat und
hatte, ist nicht ganz leicht zu eruieren. Stehen sich doch seit dem Jahr zwei Lager
unerbittlich gegenüber, die jeweils die Deutungshoheit über die Ereignisse für
sich beanspruchen.
Da gibt es auf der einen Seite die 68er selbst, die ihre Taten von damals oft mit etwas verklärtem Blick betrachten, und auf der anderen Seite ihre Gegner von einst, für die 1968 offenbar so etwas wie den Untergang der westlichen Wertegemeinschaft markiert. Und dazwischen die in den 70er Jahren Geborenen, die sich einen Reim auf das Ganze machen müssen.
Was nicht ganz leicht ist angesichts des erbitterten Streits, der derzeit um "das Erbe" von 1968 tobt. Da malt ZDF-Dauerlächler Peter Hahne das Bild von marodierenden
Studenten, die mit ihrem Angriff auf die Gesellschaft jede Form von Autorität,
Tradition und Wertebindung zerstört hätten.
Ihm eilt Bild-Chef Kai Dieckmann zur Seite, der 68 als "Epochenbruch in Richtung Egonzentrik, Mittelmaß und Faulheit" brandmarkt. Aber nicht nur von erwartbarer, weil konservativer Seite wird 68er-Bashing betrieben. Auch prominente Protestler von einst wie Daniel Cohn-Bendit rufen dazu auf, "'68 zu vergessen".
Für den Autor und Historiker Götz Aly war 1968 gar ein Spätausläufer des europäischen
Totalitarismus. Die Kinder der Massenmörder seien mit der Bibel des Massenmörders
Mao herumgelaufen, so seine Argumentation.
Der Artikel erschien in der "Neuen Gesellschaft/Frankfurter Hefte" (Ausgabe 3/2008)







