vorwärts.de: Morgen beginnt der Bundeskongress der Jusos. Was werden die Hauptthemen sein?
Franziska Drohsel: Hauptsächlich werden wir uns mit den Folgen der Wirtschafts- und Finanzkrise beschäftigen. Wir Jusos kritisieren den Kapitalismus grundsätzlich, setzen uns aber auch ganz
konkret mit der Bewältigung der aktuellen Krise auseinander. Hier teilen wir die grundsächliche Linie der SPD, dass in Not geratenen Arbeitnehmern geholfen werden muss. Finanzielle Staatshilfen
für Unternehmen müssten allerdings an bestimmte Kriterien geknüpft werden.
Wie könnten die aussehen?
Zum Beispiel könnte gesetzlich geregelt werden, dass nur Unternehmen, die ausbilden und Auszubildende auch übernehmen, staatliche Hilfen aus dem Wirtschaftsfonds Deutschland bekommen.
Der Juso-Bundeskongress findet eine Woche nach dem Wahlparteitag der SPD statt. Inwieweit wird er nachwirken?
Er wird auf jeden Fall noch ein Thema in München sein. Die Frage, wie sich die SPD in den kommenden Wochen aufstellt, beschäftigt auch die Jusos. Wir werden uns zum einen damit
auseinandersetzen, was die Gründe für das schlechte Abschneiden bei der Europawahl waren. Die Menschen haben reaktionär-bewahrend auf die Krise reagiert und in der Mehrheit konservativ gewählt.
Damit müssen wir uns beschäftigen. Zum anderen werden wir uns in München für den Bundestagswahlkampf aufstellen. Erstmals sind die Jusos ja für den Jugendwahlkampf der gesamten Partei
verantwortlich. Beim Bundeskongress wird es darum gehen, unsere inhaltlichen Schwerpunkte und die Strategie bis zum 27. September festzulegen.
Gibt es für den Wahlkampf schon konkrete Planungen?
Wie für die Europawahl wird es einen großen Schwerpunkt im Onlinebereich geben. Da werden wir weitere Aktionen haben. Auf MySpace etwa beteiligen wir uns an dem Bandwettbewerb "Nazis aus
dem Takt bringen". Außerdem wird es ein großes Sommercamp in Köln geben, bei dem wir mit hunderten junger Teams diskutieren und Aktionen entwerfen werden.
In München wird auch der Bundesvorstand der Jusos neu gewählt. Sie treten für eine zweite Amtszeit an. War für Sie sofort klar, dass Sie weitermachen wollen?
Die politische Arbeit hat mir in den vergangenen eineinhalb Jahren viel Spaß gemacht. Ich hoffe, dass die Jusos auf einem guten Weg sind und ich dazu einen Teil beitragen konnte. Den Weg,
den wir jetzt beschritten haben, würde ich gern fortsetzen.
Welche Bilanz ziehen Sie nach eineinhalb Jahren als Juso-Vorsitzende?
Insgesamt eine sehr positive. Mein Eindruck ist, dass wir mit der Strategie, die Jusos als eigenständigen linken Jugendverband in den Fokus zu rücken, erfolgreich sind. Sie hat zu einer
Aktivierung und Politisierung der Basis geführt. Mit unserem
"Linkswende"-Kongress im Februar in Berlin und dem
Buch "Was ist heute links?" ist es uns gelungen, besonders ins studentische Milieu hinein zu wirken und dort
Bündnispartner zu gewinnen. Wir haben gezeigt, dass wir Teil der gesellschaftlichen Linken sind und verlässlicher Ansprechpartner, wenn es um die Durchsetzung linker Politik geht.
Studenten sind die eine Gruppe. Kernklientel der SPD sind aber eigentlich die Arbeiter. Wie wollen Sie die ansprechen?
Die Europawahl hat es auch wieder gezeigt: Der SPD ist oftmals das klassisch-sozialdemokratische Milieu weggebrochen. Wir Sozialdemokraten müssen nun um einen breiten Rückhalt in der
Bevölkerung kämpfen. Es macht mir extreme Sorge, dass es viele Jugendliche gibt, die das Gefühl haben, dass es in der Gesellschaft keinen Platz für sie gibt. Wir Jusos möchten wissen, was der
Blick dieser jungen Menschen auf die Gesellschaft ist. Gleichzeitig wollen wir uns dafür einsetzen, dass sie sich selbst politisch einbringen. Wir als Linke können nur gewinnen, wenn wir uns
kollektiv organisieren. Konkret werde ich im Sommer eine Jugendtour machen und direkt dorthin gehen, wo die Jugendlichen sind, über die sonst immer nur geredet wird: in Jugendclubs und
Jugendzentren. Dort werden wir miteinander diskutieren.
In dieser Woche streiken deutschlandweit tausende Schüler und Studenten für mehr Bildung. Wie stehen die Jusos dazu?
Wir als Bundesverband unterstützen den Bildungsstreik zusammen mit den Juso-Hochschulgruppen.Vor Ort organisieren die Jusos den Streik mit und planen Aktionen. Wir tragen den Streik mit.
Bildungsministerin Annette Schavan hat einige Ziele des Streiks als "gestrig" kritisiert. Die Präsidentin der Hochschulrektorenkonferenz, Margret Wintermantel, äußerte hingegen
Verständnis. Wie sinnvoll ist die Aktion?
Im Bildungswesen liegen viele Dinge brach, die sich ändern müssen. Die Forderung nach einer komplett kostenfreien Bildung ist absolut notwendig. Der Bildungsabschluss der Eltern hat noch
immer einen viel zu starken Einfluss auf die Bildungschancen ihrer Kinder. Wenn wir es schaffen würden, die unionsregierten Bundesländer zu zwingen, die Studiengebühren wieder abzuschaffen, würde
das viel dazu beitragen, wirkliche Chancengleichheit zu verwirklichen. Durch die Einführung von Bachelor und Master ist der Druck auf die Studierenden deutlich größer geworden. Ziel von Bildung
sollte vor allem auch sein, frei denken zu können und Dinge in Frage stellen zu dürfen. Dieser selbstbestimmte Aspekt von Bildung ist in letzter Zeit immer stärker in den Hintergrund gerückt
worden.
Erleben wir mit dem Bildungsstreik eine Repolitisierung der Jugendlichen?
Streik und Demonstration sind eine sehr aktive Form des politischen Engagements, die an dieser Stelle absolut angemessen ist. Mein Eindruck ist schon seit langem, dass die Jugendlichen
nicht unpolitisch sind, sondern eine genaue Vorstellung davon haben, wo die Probleme in der Gesellschaft liegen. Die Frage ist nur, wie man es schafft, dass sie sich auch politisch für ihre
Interessen einsetzen. Wenn der Bildungsstreik dazu beitragen kann, finde ich das großartig.
Interview: Kai Doering







