Die Sache mit Berlusconi verfolgt ihn. Egal ob in Deutschland, Frankreich oder ganz besonders in Italien: "Permanent" wer- de er auf den 2. Juli 2003 angesprochen. An diesem heißen Sommertag
spricht der italienische Ministerpräsident anlässlich der Ratspräsidentschaft seines Landes im Europaparlament. Danach nimmt ihn Martin Schulz, damals stellvertretender Vorsitzender der
SPE-Fraktion, in die Zange und befragt den Italiener zum europäischen Haftbefehl, der Berlusconi wegen dubioser Geschäfte in der Heimat hätte gefährlich werden können. "Es war der Versuch, ihn
öffentlich zu demaskieren", erinnert sich Schulz heute. Doch Berlusconi durchschaut das Manöver und schießt auf seine Weise zurück. "In Italien wird gerade ein Film über Nazi-Konzentrationslager
gedreht", sagt er. "Ich werde Sie für die Rolle des Kommandanten vorschlagen. Sie sind dafür perfekt geeignet."
Die Provokation zeigt Wirkung. Nicht so sehr bei Martin Schulz, der sich nicht aus der Ruhe bringen lässt. Doch steht das Europaparlament, sonst eher nicht als Ort emotionaler Debatten
bekannt, mit einem Mal im Mittelpunkt des Medieninteresses. Und mit ihm auch der Europaabgeordnete Schulz. Er ist nicht nur in den Hauptnachrichten von ARD und ZDF zu sehen. Auch CNN widmet ihm
einen Beitrag. Für den 53-Jährigen, der den Medien ansonsten eine "systematische Verweigerungshaltung" bei allem Europäischen attestiert, ist das damals eine neue Erfahrung. Denn obwohl er einer
der einflussreichsten Europapolitiker ist - in seinem Handy hat er die Nummern von Angela Merkel, Nicolas Sarkozy und José Manuel Barroso -, teilte Schulz bis dahin das Schicksal seiner
EU-Kollegen: Er wurde kaum wahrgenommen.
Geschätzter Europafachmann
2009, im Jahr der Europawahl ist das anders. Martin Schulz, mittlerweile seit 15 Jahren im Parlament, wird als Europafachmann anerkannt und geschätzt. So referiert er an einem lauen
Maiabend in der Berliner Humboldt-Universität über das Thema "Ein soziales Europa als Legitimation für die Europäische Integration im 21. Jahrhundert". Eingeladen hat das Walter
Hallstein-Institut für Europäisches Verfassungsrecht. Im Senatssaal, der den holzgetäfelten Charme der 70er Jahre versprüht, lauschen etwa hundert vor allem junge Zuhörer.
"Die EU hat eine atemberaubende Erfolgsbilanz", sagt Martin Schulz. Sie sei ein Friedensprojekt, das weltweit seinesgleichen suche, eine faszinierende Idee von sozialer Gerechtigkeit und
Solidarität. Aber: "Europa wird schlecht regiert." Die Kommission sei ebenso konservativ geprägt wie die Mehrheit der Regierungen. In vielen Ländern habe sich zudem eine Distanz zu Europa
eingeschlichen. Für Schulz ist deshalb klar: "Europa zu einer sozialen Schutzmacht zu entwickeln, ist unsere wichtigste Aufgabe und Voraussetzung, um Vertrauen zurück zu gewinnen."
Es ist eine kraftvolle, kämpferische Rede, die der Spitzenkandidat der SPD vor dem akademischen Auditorium hält. Doch macht er keinen Wahlkampf, sondern vertritt seine tiefsten
Überzeugungen. Dabei sucht er stets den Blickkontakt zu seinen Zuhörern. In der anschließenden Diskussionsrunde spricht er sie mit Namen an.
Von Würselen nach Brüssel
Nach der Veranstaltung eilt Martin Schulz an einem Spruch vorbei, der von Karl Marx stammt und der schon zu DDR-Zeiten den Eingangsbereich der Humboldt-Uni zierte: "Die Philosophen haben
die Welt nur verschieden interpretiert; es kommt aber darauf an, sie
zu verändern." Es könnte ein Leitthema des "Europapolitikers aus Überzeugung", wie Schulz sich selbst nennt, sein.
In seiner Heimatstadt Würselen, ganz in der Nähe der belgischen Grenze, stieg er 1984 in die Politik ein, erst als Ratsherr, drei Jahre später als Bürgermeister. "In dieser Position lernt
man, wie hart das Leben der Menschen sein kann", erzählt er. Von diesen Erfahrungen profitiere er, der wöchentlich mehrfach zwischen Berlin, Brüssel und Straßburg pendelt, heute sehr. Noch immer
ist er Vorsitzender des SPD-Unterbezirks Aachen. "Das hilft auch, auf dem Teppich zu bleiben, denn ohne die Genossen säße ich nicht im Europaparlament."
EU-Kommissar als Ziel
Und noch etwas hilft dem gelernten Buchhändler, die Bodenhaftung nicht zu verlieren. "Ich lese jeden Tag - und zwar nicht nur Akten, sondern auch Sachbücher oder Romane." Mithilfe der
Literatur könne er das alltägliche Lebenbesser wahrnehmen. "Für Politiker ist die Gefahr der Entfremdung groß," weiß Schulz. Da sei es wichtig, sich immer wieder selbst zu erden.
Erstmal darf der Spitzenkandidat der Sozialdemokraten ein wenig träumen. Mit 99,2 Prozent Zustimmung haben ihn die Europadelegierten schon im Dezember in den Wahlkampf für den 7. Juni
geschickt. Dass er danach erneut Vorsitzender der sozialdemokratischen Fraktion im EU-Parlament wird, stellt niemand in Frage. Werden die Sozis stärkste Kraft, hätte er auch Anspruch auf den
Posten des Parlamentspräsidenten. "Das werde ich aber bestimmt nicht", ist sich Schulz sicher, "weil ich ja der nächste deutsche EU-Kommissar werde."







