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Der totgeschwiegene Montag

György Dalos • 29. May 2009

Foto: Dirk Bleicker
Foto: Dirk Bleicker

Wer in der damaligen DDR am Dienstag, dem 10. Oktober 1989, nur die offiziellen Nachrichten in der Zeitung las oder im Fernsehen verfolgte, für den war am Vortag nichts Auffälliges geschehen. Das "Neue Deutschland" berichtete über einige Merkwürdigkeiten am vorherigen Wochenende. So meldete man aus Magdeburg, dass bei den dortigen Volksfesten aus Anlass des Jubiläums der DDR "Jugendliche die öffentliche Ordnung gestört" haben.

Zum Glück jedoch wurde "mit Unterstützung der Bevölkerung Ruhe und Ordnung wiederhergestellt", wobei 88 Personen "zugeführt" worden seien. Ebenfalls am 7. Oktober ereigneten sich in Plauen "durch Provokateure von langer Hand vorbereitete Ausschreitungen", welche mit 26 Festnahmen endeten. In Dresden kam es laut Berichten "in den vergangenen Tagen" zu Vorfällen ganz anderer Größenordnung. Dort hätten sich "Gruppen junger Menschen zu rowdyhaften, staatsfeindlichen und verfassungswidrigen Aktionen zusammengerottet".

Aus amtlichen Quellen wusste man bereits früher auch über die "Zusammenrottungen" in Berlin. Es fehlte nicht an Leserbriefen, in denen die einfachen Werktätigen ihre Empörung über die Störenfriede äußerten. All das bezog sich aber auf die Tage um das Jubiläum der DDR und war bereits als abgeschlossene Sache behandelt.

Am 9. Oktober herrschte der staatlichen Version nach republikweit vollständige Ruhe: Der Chefdirigent des Rundfunk-Kinderchors erhielt den Goethepreis. Bewegungsprobleme in der Hauptstadt der DDR verursachten höchstens gelegentliche Gleisrekonstruktionen, Straßenbauarbeiten und technisch bedingter Pendelverkehr. Noch weniger Vorkommnisse schien es in einer anderen Stadt zu geben, wobei der Name "Leipzig" weitgehend unerwähnt blieb: Der Montag wurde vom Dienstag totgeschwiegen.

»Wir sind das Volk - wir sind keine Rowdys«

Dabei waren sich die Machthaber über die Bedeutung der Ereignisse in der sächsischen Metropole durchaus im Klaren, bereiteten sich sogar tagelang darauf vor. Selbst der Generalsekretär der SED, Erich Honecker, verfolgte die Szenen jenes Montags auf dem Monitor des Innenministeriums.

Die interne Information der Stasi klang diesmal unrhetorisch und beinahe objektiv: "Am 9. Oktober kam es im Zeitraum von 18.35 bis gegen 20.30 im Stadtzentrum von Leipzig (…) zu einer nicht genehmigten Demonstration von ca. 70 000 Personen. (…) Diese Demonstration verlief von der Nikolaikirche (Sammelpunkt) aus über die bekannte Strecke bis zum Hauptbahnhof, wo sie sich selbständig auflöste. Es kam zu keinen Gewalthandlungen; vorbereitete Maßnahmen zur Verhinderung/Auflösung kamen entsprechend der Lageentwicklung nicht zur Anwendung."

Unter den Parolen der Kundgebung erwähnt die "Information" als erste den Spruch "Wir sind das Volk - wir sind keine Rowdys". Diese damals noch zusammengehörenden zwei Sätze bezogen sich direkt auf die bisherige Abkanzelung des friedlichen Erscheinens von DDR-Bürgern auf den Straßen als Krawalle, deren Teilnehmer sinngemäß nicht zu den "breiten Volksmassen" gehören können; diese verkörperten für die Machthaber eher die Leserbriefschreiber aus den Betrieben, Handels­organisationen und Schulen.

Gleichzeitig predigten die Herrschenden die Marxsche These, nach der Geschichte von Massen gemacht wird. Diese Behauptung erhält etwas mehr Wahrheitsgehalt, wenn wir ein vorsichtiges "manchmal" hinzufügen. Tatsächlich gibt es Momente, in denen die ansonsten atomisierte, formlose Menge durch konzentrierten, zielgerichteten Auftritt eine enorme Autorität gewinnt. Ausgerechnet dies geschah in jener knappen Zeitspanne, die die "Information" aufs Korn nimmt. Allein die von dem Ministerium für Staatssicherheit zugegebene Zahl von 70 000 Personen zeugte von der Einsicht, dass es sich um eine ernst zu nehmende Kraft handelte: 70 000 Rowdys in einer Vierhunderttausenderstadt erschienen ihnen selbst zu absurd.

Gewaltloser Protest, gewaltbereite Macht

Noch wichtiger konnte ihnen die auf dem Monitor sichtbare Gewaltlosigkeit der Protestler erscheinen, welche sich auf die dokumentarisch belegbare Gewaltbereitschaft der Machtseite hemmend auswirkte. Eine derartige Menge auseinanderzutreiben war keine Routineaufgabe und roch stark nach Blut. Ein hartes Durchgreifen ohne sowjetische Hilfe und vor allem ohne Lösung der katastrophalen ökonomischen Probleme des Landes hätte nichts gebracht. Deshalb rang sich die Staatsmacht einige Tage später zu dem vernünftigen Befehl Nr. 9/1989 durch, der, mit Honeckers Unterschrift versehen, eine direkte Absage an das Pekinger Rezept - das im gleichen Jahr zum Tian'anmen-Massaker geführt hatte - enthielt.

Das alles wissen wir heute, konn­ten aber die Teilnehmer jener Kundgebung nicht ahnen. Umso erstaunlicher erscheint ihr historischer Instinkt, mit dem sie, ihre eigenen Ängste bekämpfend und Besonnenheit bewahrend, den friedlichen Charakter der Auseinandersetzung mit den Herrschenden letztendlich diesen aufgezwungen haben. Es war so, als hätten auf Leipzigs Straßen an jenem totgeschwiegenen Montag 70 000 potenzielle Friedensnobelpreisträger demonstriert.

György Dalos, 1943 in Budapest geboren, studierte in Moskau Geschichte. Nach dem Ungarn-Aufstand 1968 wurde er verurteilt und durfte nicht mehr publizieren. Seit 1984 lebt und arbeitet er in Deutschland. Seine Bücher wurden in elf Sprachen übersetzt.

György Dalos: Der Vorhang geht auf. Das Ende der Diktaturen in Osteurop. C. H. Beck Verlag, München 2009, 272 Seiten, 19,90 Euro, ISBN 978-3-406-58245-5 Hier bestellen...

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