Am 15. Mai ist es wieder soweit: Viele Universitäten und Fachhochschulen eröffnen den Anmeldemarathon vor dem Wintersemester. In vielen Familien wird derweil gerätselt, ob der Mehrwert eines
Hochschulstudiums immer noch besteht, oder ob Sohn und Tochter nicht doch lieber eine betriebliche Ausbildung anfangen sollte. Zu viel wurde darüber berichtet, wie Akademiker trotz eines
Abschlusses auf dem Arbeitsmarkt chancenlos dahintrotteten. Diese Perspektive ist nicht sonderlich erbaulich und für viele Familien mit geringerem Einkommen der größtanzunehmende Unfall.
Hinzu kommen die heutzutage grassierende Angst vor dem Verlust der Arbeitsplätze der Eltern und die damit verbundene unsichere Finanzierung des Studiums. Studiengebühren bilden da nur die
Spitze des Eisbergs. Natürlich könnte man der Auffassung sein, dass sich das Studium lohnt, man dafür Risiken eingehen und auch dafür 500 Euro im Semester bezahlen müsse. Diese Phrasen hört man
aber meist von solchen Zeitgenossen, deren Studienfinanzierung in trockenen Tüchern liegt. Ebenso selten wie letztgenannter Umstand allerdings in Arbeiterfamilien vorkommt, so weltfremd sind auch
diese Phrasen. Der Gedanke an ein zurückzuzahlendes BAföG sowie an einen Studienkredit, der bei einer weniger geduldigen Bank aufgenommen werden müsste, löst in solchen Familien Angstgefühle vor
sozialem Niedergang aus, die letztlich den Ausschlag gegen das Studium geben.
Deutsche Umsetzung von Bologna erschwert Studienfinanzierung
Der Bologna-Prozess soll mit der Einführung von Bachelor- und Masterabschlüssen eine Vereinheitlichung der Abschlüsse und deren Vergleichbarkeit im europäischen Raum schaffen. Das deutsche
Ergebnis davon beeinträchtigt auch die Studienfinanzierung. Die straff organisierten Stundenpläne mit stets am Horizont hängenden Prüfungen am Semesterende erschweren die Aufnahme eines Nebenjobs
oder ehrenamtliches Engagement enorm. Insofern paaren sich zwei Elemente der Hochschulpolitik - Bologna und Studienbeiträge - in einem höchst unglücklichen Moment, sodass weitere junge Menschen
vom Studium abgeschreckt werden dürften.
Wäre der Bedarf an gut ausgebildeten Akademikern, insbesondere Ingenieuren und Naturwissenschaftlern, nicht so immens hoch, könnte man dieser finanziellen Selektion am Ende der
Schulausbildung in einem der Selektion verfallenen Land wie der Bundesrepublik als Liberaler sicherlich etwas abgewinnen. Das Problem ist, dass Deutschland nicht nur an einem Akademikermangel,
der durch die demographische Entwicklung noch verstärkt werden wird, leidet, sondern auch auf die Innovationskraft dieser hervorragend ausgebildeten Menschen angewiesen ist.
Deutschland hat kaum natürliche Ressourcen, ist mithin von der Kreativität und Schaffenskraft seiner Menschen abhängig. Da braucht das Land jedes Talent und jede neue Idee. Deutschland kann
es sich nicht erlauben, die Begabungen junger Menschen dadurch zu verschenken, dass ihr finanzieller Hintergrund nicht ausreicht, um ihnen das Studium sicher zu finanzieren. Die von der
Bundesministerin für Bildung und Forschung Schavan veröffentlichte Studie zur Studienaufnahme junger Menschen indizierte eindeutig, dass sich manche Abiturienten auf Grund der Studiengebühren
gegen ein Studium entschieden. Damit erweisen sich die Studiengebühren als höchst gesellschaftsschädlich.
Prioritäten setzen
Oft wird an dieser Stelle betont, dass Studiengebühren notwendig seien, um die Lehre zu verbessern. Ihre sozialschädigende Wirkung könne ja mit Hilfe von Darlehen abgefangen werden.
Letztere haben wie oben diskutiert aber eine ebenso abschreckende Wirkung wie die Studiengebühren selbst. Ansonsten hat das Argument allerdings durchaus seine Berechtigung. Der Lehre in
Deutschland muss dringend unter die Arme gegriffen werden, um zu erreichen, dass die Studenten auf international hohem Niveau studieren können. Studiengebühren bilden dabei sicherlich eine
mögliche und auch im Ausland oft in Gebrauch genommene Geldquelle.
Angesichts zweier Tatsachen erscheinen Studiengebühren jedoch für dieses Ziel schlicht nicht förderlich. In Bundesländern wie Niedersachsen, die Studiengebühren erheben, ließ sich oft
beobachten, dass der Bildungshaushalt infolge der Erhebung von Gebühren schrumpfte. Somit waren die Studiengebühren nichts weiter als ein willkommenes Mittel, um Haushaltslöcher zu stopfen. Mit
der Verbesserung der Lehre hatte man dagegen weniger am Hut. Derweil beklagten viele Universitäten, dass sie nicht wüssten, wie sie die Studiengebühren verwendenkönnten. Für große Projekte war
die Summe, für große Professoren war die Reputation schlicht zu klein.
Bildungssoli statt Studiengebühren
Diese Analyse offenbart, dass die Politik trotz aller Lippenbekenntnisse bisher Bildung und Forschung nicht auf ihre Prioritätenliste gesetzt hat. Die Investitionen in die
Hochschulsanierung im Zuge der Konjunkturpakete werden die Lehre ebenso wenig verbessern. Daher sollte man nun baldigst beginnen, diesen Schwerpunkt zu setzen und Milliarden Euro in Bildung und
Forschung zu investieren. Auf Studiengebühren sollte man im Sinne der Chancengerechtigkeit und im Hinblick auf ihren vergleichsweise bescheidenen Beitrag verzichten.
Und doch behält der Ausspruch von Marx seine Gültigkeit. Es ist nicht richtig, dass der Arbeiter dem Medizinersohn oder der Managertochter das Studium finanziert. Statt eines selektierenden
Elements wie den Studiengebühren sollte man ein nachgelagertes Element einbauen, mit dem gut verdienende Bürger einen zusätzlichen Beitrag zur Finanzierung der deutschen Bildungslandschaft
leisten. Der Bildungssoli wäre solch ein Instrument. Mit einem solchen Instrument würde jeder Bürger über die Einkommenssteuer proportional zu seinem Einkommen einen Beitrag leisten. Verwendet
man die anfallenden Mittel diszipliniert zum Wohle des Landes, sollten bald bessere Nachrichten aus der Bildungsrepublik zu hören sein.







