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Ein- und Ausstiegsprozesse von Rechtsextremisten

Anton Maegerle • 20. May 2009

Foto: Arbeitsstelle Rechtsextremismus und Gewalt
Foto: Arbeitsstelle Rechtsextremismus und Gewalt

Der Werkstattbericht ist aus dem Seminar "Einstiegs- und Ausstiegsprozesse von Rechtsextremisten" hervorgegangen. Organisiert hatten ihn das Innen- und Schulministerium Nordrhein-Westfalen, die Braunschweiger Arbeitsstelle Rechtsextremismus und Gewalt (ARUG) sowie die Ruhr-Universität in Soest für Studierende der Politikwissenschaft. Die Teilnehmenden werteten Autobiografien von Aussteigern aus. Sie führten zudem zwei Gespräche mit Personen, die in unterschiedlicher Position jahrelang in der rechtsextremen Szene aktiv waren. Die Befragten erinnern sich an die Zeitspanne zwischen den 70er Jahren und der nahen Vergangenheit.

Die in grober chronologischer Reihenfolge geordneten Fallbeispiele waren: die ehemaligen Rechtsterroristen Odfried Hepp und Christine Hewicker, der ehemalige schwedische Neonazi Kent Lindahl, der ehemalige "National-Zeitung(s)"-Mitarbeiter Jörg Fischer, der ehemalige Gefolgsmann von Neonazi-Führer Michael Kühnen Ingo Hasselbach, der ehemalige Rechtsrock-Dealer Torsten Lemmer, der ehemalige Funktionär der NPD-Jugend Junge Nationaldemokraten (JN) Jan Zobel, der ehemalige antisemitische Friedhofschänder Stefan Michael Bar und der ehemalige Bombenbastler Nick Greger.

Einstieg: Parallel-Welt und Reiz der Szene
Als stärkstes Attraktivitätsmoment des Rechtsextremismus erwies sich bei den Fallbeispielen die Suche nach Halt, Geborgenheit, Orientierung und Zugehörigkeit. Bei vorschnellen Schuldzuweisungen an das Elternhaus jedoch ist Vorsicht geboten. Mehrere Aussteiger beschreiben die politische Haltung ihrer Eltern als links oder verweisen auf gewerkschaftliches oder kirchliches Engagement. Die rechtsextreme "Erlebniswelt" aus Musik, Mythen, verschworener Kameradschafts-Gemeinschaft und Insidercodes, quasi eine Parallelwelt, trägt entscheidend zum Reiz der Szene bei. Der Mangel an Alternativen tut ein Übriges.

Ausstieg: Irritation scheinbarer ideologischer Gewissheiten
Dem Ausstieg geht ein oft jahrelanger Distanzierungsprozess voraus. Außenstehende können diese Distanzierung durch Gespräche auf Augenhöhe fördern und zur Irritation scheinbarer ideologischer Gewissheiten beitragen. Haftstrafen, das ist den Berichten mehrerer Aussteiger zu entnehmen, sind kaum ein Grund für die Ablösung aus der rechtsextremen Szene. Dafür sorgt, das dokumentieren die Berichte von Bar, Greger und Hepp, die 1979 in Frankfurt gegründete Neonazi-Knasttruppe "Hilfsorganisation für nationale politische Gefangene und deren Angehörige e.V." (HNG).

Die heute zirka 600 Mitglieder starke HNG ist die langlebigste und mitgliederstärkste Neonazi-Organisation in der Bundesrepublik. Sie verfolgt den selbst gestellten Auftrag, inhaftierte Gleichgesinnte unter anderem durch Rechtsberatung, Überlassung rechtsextremer Literatur und Vermittlung von Briefkontakten moralisch und materiell zu unterstützen, um sie auch während der Haftzeit sozial und ideologisch an die rechtsextreme Szene zu binden. Entlassenen Gleichgesinnten ermöglicht die HNG-Gefangenenhilfe die nahtlose Wiedereingliederung in die Neonazi-Szene. Als Publikationsorgan gibt sie monatlich die "Nachrichten der HNG" heraus. Wesentlicher Bestandteil des HNG-Blattes ist die Namens-und Anschriftenliste inhaftierter Gleichgesinnter aus dem In- und Ausland. Auf dieser Liste finden sich Alt- und Neonazis wie der NS-Kriegsverbrecher Erich Priebke, der Polizistenmörder Kay Diesner oder die Holocaustleugner Germar Rudolf und Sylvia Stolz. Ein Verbot der HNG könnte ein aktiver Beitrag zur Förderung von Distanzierungsprozessen jugendlicher und alternder Rechtsextremisten sein.

Anton Maegerle

Reinhard Koch / Thomas Pfeiffer (Hg.): Ein- und Ausstiegsprozesse von Rechtsextremisten. Ein Werkstattbericht. Reihe "Kompetente Konzepte für Demokratie und Toleranz", Band 1, Braunschweig 2009, 136 Seiten, Schutzgebühr 2 Euro, ISBN 978-3-932082-33-7,
Bestellung: Arbeitsstelle Rechtsextremismus und Gewalt,

www.arug.de

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