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Grenzübergänge

Margret Rink • 12. May 2009

Foto: S. Fischer verlag
Foto: S. Fischer verlag

Julia Franck erlebte selbst mehrere Grenzübergänge: Sie wurde 1970 in Ost-Berlin geboren. 1978 verließ die Familie mit einem Ausreiseantrag die DDR und lebte ein Dreivierteljahr im Notaufnahmelager Berlin-Marienfelde. Nach einigen Jahren in Schleswig-Holstein kehrte Julia Franck nach Berlin (West) zurück.

Das Besondere an dieser Anthologie ist, dass sich bekannte und unbekannte Schriftstellerinnen und Schriftsteller an ihre Grenzübergänge erinnern oder ihre persönlichen Erfahrungen im Umgang mit der Grenze erzählen sollten. Dabei zeichnen ihre Geschichten "ein Bild der konkreten Grenzorte, die heute vielfach nicht mehr sichtbar sind, sprechen aber auch von der Bedeutung dieses Eisernen Vorhangs als Hindernis, als Schwelle und als Verbindung zwischen Ost und West", so der Klappentext.

Nachhaltig verwurzelt

Im Buch gibt es sehr schöne Geschichten. Dagmar Leipold berichtet aus der Perspektive eines Kindes, das kein Verständnis dafür hat, wenn es Schokolade in den Osten schicken soll, selber aber keine bekommt und auch sonst wenig von dem Land und deren Menschen weiß. Claudia Rusch erzählt von der Suche des Vaters nach einem Ort, der inzwischen so nur noch in seinem Kopf existiert. Sie zeigt damit, wie nachhaltig verwurzelt Erinnerungen an Grenzorte sein können. Uwe Kolbe und Jens Sparschuh beschreiben sehr einfühlsam den "Tränenpalast", ehemals Übergang zwischen Ost- und Westberlin, als einen Ort des Abschiedsnehmens und des Wiedersehens.

Einige der Texte sind geprägt von Hassgefühlen, die die Grenze hervorrief. Allerdings ist dieser Hass nicht immer nachvollziehbar. So z.B. in der Geschichte von Viola Roggenkamp, in der es um eine Fahrt zurück von Auschwitz in die ehemalige BRD geht. Erinnerungen werden wach, an die Zeit in Auschwitz. Warum hasst sie über 20 Jahre nach der Grenzöffnung immer noch die DDR? Das bleibt unklar. Andere Geschichten wie von Catalina Rojas Hauser "Dahin, wo es Tim-und Struppi gibt", widerspiegeln unterschiedliche Sichtweisen auf den Lebensalltag in Ost und West. Frau Hauser kam im Rahmen der Hilfe für Verfolgte aus Chile in die DDR. Sie geht in die BRD mit neuen Hoffnungen. Schade, dass sie nicht beschreibt, wie es ihr nach dem Grenzübergang erging.

Weit gefasst

Der Begriff der "Grenzübergänge" ist weit gefasst und wird in einigen Geschichten als Metapher für andere Grenzerfahrungen verwendet z.B. in Thomas Brussigs "Observation". Er erzählt von einer Observation, die ins Lächerliche gezogen wird. Welche Grenzübergänge dabei beschritten wurden, bleibt unklar.

Der Klappentext weckt die Erwartung, dass die Autoren, ihre heutige Sicht auf das Gestern beschreiben. Doch es sind auch Nachdrucke aus älteren Veröffentlichungen enthalten, darunter die Geschichte von Günter Grass aus dem Werk "Mein Jahrhundert", verlegt 1999. Das irritiert dann doch.

Margret Rink

Julia Franck: Grenzübergänge, Autoren aus Ost und West erinnern sich, S. Fischer Verlag, Frankfurt a. Main 2009, 288 Seiten, 19,95 Euro, ISBN 978-3-10-022604-4

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