Am Europatag am 9. Mai will die rechtspopulistische Partei "Pro Köln" ihren im September 2008 gescheiterten "Anti-Islam-Kongress" wiederholen. Ein breites Bündnis stellt sich dagegen.
Wirst Du mit dabei sein?
Akgün: Ja, ich werde auf jeden Fall dabei sein. Es geht darum, den Rechtsextremen erneut eine Abfuhr zu erteilen. Beim letzten Mal hatte diese Splittergruppe namens "Pro Köln" zwar eine
große Kundgebung vollmundig propagandiert, schließlich jedoch eine absolute jämmerliche Veranstaltung abgegeben. Ich will wieder zeigen, dass Köln keine menschenverachtenden Parolen duldet.
Gerade wenn es die Extremen wieder und wieder versuchen, muss man ihnen wieder und wieder begegnen - auch um zu zeigen, dass die Mehrheit einen längeren Atem hat und sich nicht von rechtsextremen
Agitationen beeindrucken lässt, wenn man diese nur wiederholt. Dass man ihnen damit erst recht öffentliches und mediales Gehör verschafft, muss man leider dabei in Kauf nehmen. Wegsehen geht gar
nicht.
In Köln leben 120 000 Muslime. Wie ist das Zusammenleben in der Stadt?
Akgün: Die Frage bezieht sich ja nur auf die Religion der Menschen. Ebenso könnte man nach dem Zusammenleben von Atheisten in der Stadt fragen. Diese 120 000 Muslime sind ja sehr
unterschiedlich, viele gar nicht oder kaum religiös. Und wenn sie religiös sind, dann noch in sehr unterschiedlicher Art und Weise: Die Mehrheit sind Sunniten, es gibt aber auch viele Aleviten
und Schiiten in der Stadt. Gerade wegen dieser Unterschiedlichkeit kann man also nicht von den zwei Blöcken "Muslime" und "Nicht-Muslime" sprechen - das wäre falsch. Man muss da schon auf die
Einzelfälle schauen. Und da stellen wir in Köln fest, dass es Viertel gibt, in denen das Zusammenleben quer über alle Unterschiede gut funktioniert - das sind die Viertel, in denen es kaum oder
keine gravierende soziale Benachteiligung gibt. Und dann gibt es Viertel, in denen es Probleme gibt - das sind die Stadtteile mit hoher Arbeitslosigkeit. Unterm Strich kann man sagen: Köln ist da
nicht anders als andere Großstädte in Deutschland.
Die Rechtspopulisten sind mit Fraktionsstärke im Stadtrat vertreten. Wie erklärst Du Dir den Zulauf?
Akgün: Diese Gruppierung funktioniert mit einer Mischung aus Feindbild und Heimatrhetorik. Zum einen agitieren deren Funktionäre gegen die vermeintlich verfilzten Parteien in Köln - diese
Strategie ist ja nicht unklug in einer Stadt, die bundesweit oftmals mit den Begriffen "Klüngel und Korruption" verbunden wird, auch wenn dieses Pauschalurteil natürlich unsinnig ist. Zum anderen
müssen Muslime allgemein als Feindbild herhalten. Und hier verfangen sich die Brandbotschaften sogar manchmal in der bürgerlichen Mitte und nicht nur am trüben Rand der Rechtsextremen. Das
Gesicht von Köln hat sich in den vergangenen 30, 40 Jahren sehr stark durch Zuwanderung gewandelt - und es gibt Ängste bei kleinen Teilen der Bevölkerung vor zu großer Veränderung ihrer
Lebenswelten. Meine Erfahrung ist, dass sich diese Ängste durch Wissen, also durch Kontakte und Begegnung mit Zuwanderern abbauen lassen. Die Populisten punkten leider noch vor allem in jenen
Kreisen, die keinen oder kaum Kontakt zu Zuwanderern haben.
"Gegen die Unterdrückung der Frau im Islam", "Köln darf nicht Istanbul werden", "Grundgesetz statt Minarett und Scharia" - mit solchen Slogans werben die echtspopulisten. Klingt das für
viele Kölner einleuchtend?
Akgün: Nein, nicht für viele. Wir müssen bedenken, dass die Rechten "nur" 4,7 Prozent der Stimmen bei der letzten Kommunalwahl bekommen haben. Dennoch ist mir das zu viel, denn hinter
diesen Slogans, die Sie nennen, steckt handfester Rassismus. Man muss sich nur mal die Biografien der Funktionäre dieser kleinen Splittergruppe angucken - da trifft man ja auf einschlägige
Aktivisten aus der rechten Szene.
Im Zentrum der Agitation der Rechtspopulisten steht der Bau einer großen Moschee in Köln. Warum erregt dieser Bau die Gemüter so sehr?
Akgün: Das sind Fehler von mehreren Seiten gemacht worden. Zum einen haben die Rechten natürlich die Chance ergriffen, ihre Anti-Islam-Sprüche sozusagen im wahrsten Sinne des Wortes zu
untermauern, indem sie sagen können: "Schaut her, unsere Sprüche sind nicht abstrakt: Der islamische Machtanspruch zeigt sich doch in dieser großen Moschee." Zum anderen hat es der Bauherr, die
Ditib, ein Ableger der türkischen Religionsbehörde, versäumt, mit den Nachbarn und der Stadt frühzeitig ins Gespräch zu kommen und die Menschen mit ins Boot zu holen. Wir wissen ja aus
Duisburg-Marxloh, dass ein Moscheebau viel besser vonstatten gehen kann, wenn man offen und ehrlich mit allen Anwohnern und Beteiligten spricht.
Es sei der "Religionsausdruck einer fremden Kultur", hat der Schriftsteller Ralph Giordano kritisiert und sich ebenfalls gegen die Moschee ausgesprochen. Kannst Du seine Position
verstehen?
Akgün: Nein, das kann ich nicht. Giordano wird ja gar nicht mehr für voll genommen, was bei der Lebensleistung des Mannes schade ist. Aber in der Debatte um die Moschee ist er wiederholt
unflätig geworden, hat die Menschen ohne Grund persönlich angegriffen. Auch in der Sache ist er völlig vom Weg abgekommen, wenn er Menschen, die seit Jahrzehnten hier leben, eine grundsätzlich
"andere Kultur" unterstellt - das ist ja lächerlich.
Weitere Vorwürfe sind: Es handele sich um eine "Machtdemonstration des Islam", der Moscheebau führe zur Islamisierung Deutschlands. Berechtigte Ängste oder nur Polemik?
Akgün: Das kommt ganz auf die Fälle an, über die wir sprechen. Grundsätzlich gibt es keine "Machtdemonstration des Islam" - ganz so als würden wir über einen monolithischen Block reden.
Auch eine "Islamisierung" ist ein Schreckgespenst, das schon in früheren Zeiten gepflegt wurde. Das Recht auf den Bau einer Moschee ist ein Grundrecht, das man nicht einfach so wegwischen darf
und kann. Nein, mir machen nur ganz bestimmte Kräfte Sorge, die versuchen, stärkeren Einfluss auf hier lebende Muslime zu erreichen. Damit meine ich manche Islamverbände, wie Milli Görüs oder die
Islamische Gemeinschaft in Deutschland, die leider zumindest über den Islamrat und den Zentralrat der Muslime indirekt am Tisch der Islamkonferenz sitzen. Es ist wahrlich kein Geheimnis, dass
einige Verbände Probleme haben mit Grundsätzen unserer Demokratie, wie der Gleichberechtigung von Mann und Frau beispielsweise. Die Politik sollte diese Kräfte nicht stärken.
Die Rechtspopulisten wollen ihre Aktivitäten auf ganz NRW ausdehnen. Macht Dir das Sorgen?
Akgün: Natürlich macht es mir Sorge, dass sich hier Rechte im Mantel des Biedermannes und der Biederfrau an bürgerliche Wählerschichten heran robben. Gefährlich wird es doch immer dann,
wenn diese Vereinigungen einen höheren Professionalisierungsgrad erreichen. Bisher gleichen sie doch eher einem Hühnerhaufen, sowohl was die Personen als auch die Organisation angeht. Aber sie
versuchen gezielt auf Schülerinnen und Schüler zuzugehen, indem sie beispielsweise Schülerzeitungen verteilen.
Was lässt sich dagegen tun?
Akgün: Wir müssen hier mit einem Bündel an Ideen und Maßnahmen antworten: Zum einen sind die Behörden natürlich gefragt - Verfassungsschutz, Polizei und Schulbehörden. Darüberhinaus sollten
wir noch stärker Schülerinnen und Schüler sensibilisieren, Informationen anbieten und mit ihnen sprechen. Wir sollten gemeinsam Flagge zeigen, wie dies ja auch viele Menschen beim sogenannten
"Anti-Islamisierungs-Kongress" getan haben. Letztlich können die Rechten nur Erfolge für sich verbuchen, wenn sie auf stillschweigende Zustimmung aus bürgerlichen Kreisen zählen können. Daher
sind alle aufgefordert, Nationalchauvinismus und Rassismus offen anzugehen, auch wenn diese nicht parteipolitisch daherkommen, sondern in der Person des besten Freundes, der Arbeitskollegin oder
der Nachbarn.
Mehr Informationen zur Demonstartion am 9. Mai in Köln unter www.region-koeln.dgb.de.
Die rechte Szene immer im Blick unter www.bnr.de







