Die Analysen betreffen sowohl Inhalte von TV-Sendern als auch Videobeiträge von Zuschauern, bezeichnet als "User Generated Content". Denn das Internet ist prall gefühlt mit bewegten Bildern. Insbesondere Fernsehsender vertreiben Ausschnitte und ganze Beiträge ihrer Produktionen über die verschiedensten virtuellen Kanäle - sowohl als Web-TV, als Videoblog (im Browser), sowie als Videopodcast/Vodcast (für mobile Mediaplayer wie iPod).
Aufgrund der rasanten Entwicklung steht aber nicht nur Sendern und etablierten Medien diese technischen Möglichkeiten zur Verfügung. So gibt es mittlerweile kaum ein aktuelles Mobiltelefon,
dass nicht über eine eingebaute Kamera und Funktionen für Videoaufnahmen verfügt, die sich qualitativ im Internet verwenden lassen können. Doch wie sieht die praktische Nutzung aus?
Praxis des Internetfernsehen
Bei den deutschen Fernsehsendern bestehen zur Zeit die unterschiedlichste Verwendungen und Methodiken eigener Inhalte. Beiträge werden in den vielfältigsten Formen über die Webseiten der
Sender angeboten. Führend dabei sind Video-on-Demand-Angebote, gefolgt von Livestreams und Vodcast. Videos in Blogbeiträgen, sogenannte Vlogs, machen hier den geringsten Anteil aus.
Überwiegend handelt es sich dabei jedoch um konkrete Zweitverwertungen journalistischer Inhalte. Auffällig bei den untersuchten Websites, so die Autoren, ist die bisher äußerst zurückhaltende
Einbindung der User seitens der Sender.
Der Nutzer als Reporter
Insbesondere gehen Gerhards und Pagel der Frage nach, wie stark, in welchem Umfang und in welcher Form journalistische Medien auf das Material der Nutzer zugreifen und dabei "User
Generated Content" einbeziehen.
Hier werden für das Fernsehen mehrere Formen von "User Generated Content" identifiziert: Die Integration von "Footage"-Material - also bei Katastrophen, Unfällen und Kriegen als
"Augenzeuge"-Berichte - die journalistische Beiträgen ergänzen, stellt die überwiegende Form dar. Weitaus bekannter dürfte die Form sein, aus "User Generated Content" eigene Formate zu bilden,
wie beispielsweise "Die MyVideo-Show" auf Sat1. Hier wird Nutzercontent auf Video-Portalen gesammelt, die nicht unter der Marke der TV-Sender gebranded werden, den Sendern aber zur eigenen
Verwertung zur Verfügung stehen. Andere Formen haben zur Zeit noch seltenheitswert.
Ergänzung oder Konkurrenz?
Von den untersuchten Webangeboten bieten lediglich vier TV-Websites nutzergenerierte Inhalte an, lediglich fünf Sites lassen Bewertungen der Inhalte durch ihre User zu. Trotz hoher
Popularität von Videoportalen wie YouTube kommen etablierte Medienunternehmen der offensichtlich bewiesenen Nachfrage an "User Generated Content" also nur sehr eingeschränkt nach.
Absehbar ist, was durchaus richtig erkannt wird, dass sich die redaktionellen (aufgrund wachsender Medienkompetenz der Nutzer) sowie technischen Qualitäten (aufgrund ständig steigenden
Leistungen von Consumer-Geräten) beständig zunehmen. Erkennen dies die Medienunternehmen oder werden sie diesem Trend im Nutzungsverhalten etwa nicht ausreichend gerecht? Die Frage sollte jedoch
passender lauten: Warum sträuben sich die Medienunternehmen gegen diese Trends?
Vielleicht wird noch der hohe redaktionelle Aufwand gescheut. Denn wird der "User Generated Content" von Sendern angeboten, müssen die Nutzerinhalte vor Veröffentlichung einen
Selektionsprozess durchlaufen, der nur von professionellen Journalisten gesteuert werden kann.
Die oftmals geäusserte Befürchtung, "User Generated Content" würde professionellen Journalismus irgendwann überflüssig machen, ist nach Meinung von Claudia Gerhards und Sven Pagel unbegründet,
besteht zwischen beiden Formen, also zwischen Nutzer und Journalist, doch eher ein ergänzenden Verhältnis. Dazu sollte und muss die journalistische Rolle im Sinne der Zuschauerredaktion bereits
in der Medienausbildung Berücksichtigung finden. Eine multimediale Kompetenz des einzelnen Journalisten wird nötiger denn je.
Situation aus Sicht der Medienpolitik
Unbestreitbar hat sich die Rolle der Zuschauer verändert: Aus Medienkonsumenten werden verstärkt Prosumenten. Der klassische Journalismus wird jedoch nicht verdrängt, sondern (im besten
Fall) sinnvoll ergänzt.
Neben dem dualen System der öffentlich-rechtlichen und privaten Sender bildet sich eine dritte Säule, die über die bisher bekannten Bürgermedien der Offenen Kanäle hinausgeht. Aufgrund der hohen Reichweiten des Internets bildet sich eine ernstzunehmende Markt- und Meinungsmacht, die von den etablierten Medien nicht länger ignoriert werden kann und darf.
Das Kräfteverhältnis zwischen Rundfunk und Telemedien, so viel lässt sich schon jetzt prognostizieren, verschiebt sich dabei erheblich. Der Verlierer könnte dabei langfristig der Rundfunk sein, so das Fazit der Autoren.







