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Icon   Gespräch mit Wolfgang Apel, Vorsitzender des Deutschen Tierschutzbundes

Zäher Lappen in der Pfanne

Fréderic Verrycken • 25. April 2009

Foto: Dirk Bleicker
Foto: Dirk Bleicker

vorwärts.de: Herr Apel, derzeit erleben wir massive Umbrüche am Lebensmittelmarkt. Während die Discounter sich in einer Preisschlacht befinden, entwickelt sich parallel ein eher hochpreisiges Biosegment. Welche Konsequenz
haben die Niedrigstpreise für Mensch und Tier?

Apel: Der Wettbewerb um Niedrigpreise hat auch bei vielen Bio-Produkten eingesetzt. Der Preisdruck wird an die Erzeuger weitergegeben. Verantwortlich hierfür ist die Einkaufsmacht des Lebens­mitteleinzelhandels. Doch hohe Anfor­derungen an eine tiergerechte und qualitativ hochwertige Produktion haben nun mal ihren Preis. Das muss dem Erzeuger angemessen entlohnt werden.


Können umgekehrt Verbraucher bei Bio-Produkten davon ausgehen, dass diese Fleischprodukte immer aus artgerechter Haltung stammen?
Bei "Bio" stehen Umwelt- und Verbraucherschutz im Fokus. Die Anforderungen an Fleischwaren aus dem Biosortiment entsprechen nicht hundertprozentig den hohen Ansprüchen des Deutschen Tierschutzbundes an eine tiergerechte Haltung, sind aber ein erster Schritt in die richtige Richtung. Wer als Verbraucher sicher gehen will, der sollte nach Anbietern mit strengeren Richtlinien Ausschau halten. Tiere, die etwa auf einem von »Neuland« betriebenen Hof gehalten werden, erhalten Auslauf, viel Platz, Stroh und Tageslicht im Stall - und Futter ohne Gentechnik.


Abgesehen vom Tier, hat Massentierhaltung auch direkte Konsequenzen für den Verbraucher? Der BSE-Skandal scheint lange her zu sein ..
.
Ja. Die katastrophalen Auswirkungen der intensiven Tierhaltung treffen immer auch uns als Verbraucher. Studien be­legen qualitative Mängel an Produkten aus Intensivtierhaltungen: Wer kennt nicht das Schnitzel, das in der Pfanne zu einem zähen Lappen schrumpft? Billi­ge Lebensmittel aus in­- tensiver Landwirtschaft bedeuten aber auch teuer erkaufte Umweltbelastungen und deren Beseitigung.


Stichwort Tiertransporte quer durch Europa. Auch dieses Thema war vor
einigen Jahren allgegenwärtig. Hat sich alles zum Besseren gewandelt?


Nein. Tiertransporte sind nach wie vor ein großes Problem! Täglich werden etwa eine Million Tiere durch Europa transportiert - Geflügel nicht eingerechnet. Tiere dürfen ohne zeitliche Begrenzung und unter absolut unzureichenden Vorgaben für Platz und Temperatur transportiert werden. Daran hat auch die jüngste deutsche Transportgesetzgebung nichts geändert.


Wie kann ich als Verbraucher im Supermarkt darauf achten, dass ich nur Produkte aus artgerechter Haltung kaufe?
Das Wissen um die Kennzeichnung ist hier das A und O. Insbesondere gesetzlich nicht geschützte Begriffe, wie z.B. "aus artgerechter Erzeugung" oder "aus der Region" führen den Verbraucher in die Irre. Sie garantieren keine höheren Tierschutzstandards. Gesetzlich geschützte Begriffe wie "bio", "biologisch", "öko" oder "ökologisch" garantieren hingegen die zumindest etwas höheren Anforderungen der EU-Öko-Verordnung an die Tierhaltung. In Holland arbeitet man derzeit an
der Fleischproduktion aus der Retorte - quasi die Hähnchenkeule aus dem Reagenzglas.

Die USA wiederum möchten bereits jetzt Fleisch von genveränderten Tieren auch in Deutschland anbieten. Eine realistische Perspektive für Sie?
Tiere zu klonen oder im Erbgut zu verändern, ist ethisch völlig inakzeptabel und verursacht unendlich viel Leid. Die Verbraucher lehnen Lebensmittel, die auf diesem Weg erzeugt werden laut einer aktuellen Umfrage der EU-Kommission ab. Der Einsatz solcher Techniken und die Einfuhr genmanipulierter und geklonter Tiere und Tiererzeugnisse müssen europaweit verboten werden!


Auf Initiative der rot-grünen Bundesregierung wurde 2002 der Tierschutz ins Grundgesetz aufgenommen. Zudem wurde das zu Zeiten der sozial-liberalen Koalition beschlossene Tierschutzgesetz an einigen Punkten modifiziert. Gibt es weiteren Handlungsbedarf für die Politik?
Ja, wir brauchen eine grundlegende Novelle des Tierschutzgesetzes, um den Schutz von Tieren in der Landwirtschaft real zu verbessern. Auch bei der Regelung von Tierversuchen muss der Gesetzgeber einen Paradigmenwechsel vollziehen. Wir brauchen eine effiziente
Förderung der tierversuchsfreien Forschung. Bei Zucht, Ausbildung, Haltung, Handel und Kennzeichnung von Heimtieren gibt es ebenfalls dringenden Handlungsbedarf. Hier gibt es bislang so gut wie keine konkreten Vorgaben. Damit geltende Vorschriften kontrolliert und durchgesetzt werden, muss darüber hinaus für seriöse Tierschutzverbände ein ergänzendes Klagerecht eingeführt werden.

Dieser Artikel erscheint in der neuesten Ausgabe des vorwärts - ab den Samstag, den 25. April 2009 am Kiosk.

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