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Eine „Klassefrau“

Kai Doering • 25. April 2009

Ließ Reinhard Mey bei sich abschreiben und ist auch sonst sozial: Gesine Schwan, Foto: Dirk Bleicker
Ließ Reinhard Mey bei sich abschreiben und ist auch sonst sozial: Gesine Schwan, Foto: Dirk Bleicker

Reinhard Mey hat bei ihr abgeschrieben. Das war auf dem Französischen Gymnasium in Berlin. Inzwischen ist es 50 Jahre her. "Sie war schon damals superschlau, sehr gerecht, sehr redlich", erinnert sich der Liedermacher heute an die junge Gesine Schwan, die deshalb auch immer zur Vertrauensschülerin gewählt worden sei. Am 23. Mai ist wieder Wahltag, doch diesmal tritt Gesine Schwan nicht an, ihre Klasse zu vertreten, sondern um Bundespräsidentin zu werden.

Sicherheit im Umgang mit Menschen

Sie habe eine gewisse Sicherheit darin, mit Menschen umzugehen, sagt die Kandidatin. Gesine Schwan sitzt in ihrem geräumigen Büro in der Humboldt-Viadrina School of Governance an der Berliner Wilhelmstraße. "Das ist eine meiner Stärken, aber nicht mein Verdienst", schränkt sie allerdings gleich ein. Hochmut liegt ihr nicht. Und doch muss sie diesen Draht zu den Menschen irgendwie entwickelt haben. "Ich bin aufgewachsen mit dem Gefühl einer großen Bejahung und Anerkennung meiner Fähigkeiten", erklärt sich Gesine Schwan ihre Begabung, die sie selbst als "Gnadengeschenk" bezeichnet.

Typisch waren die Kindheit und Jugend der am 22. Mai 1943 als Gesine Schneider geborenen allemal nicht. "Meine Mutter war sehr emanzipiert", erzählt sie - und das in einer Zeit, in der zu Hause eher die Männer das Sagen hatten. Nicht jedoch bei den Schneiders, die eine gleichberechtigte Ehe führten und die junge Gesine zur Kritik erzogen. Kein Wunder, dass ihr die Lehrerin schon in der zweiten Klasse ins Zeugnis schrieb, sie sei "kritisch und hilfsbereit". "Das erste Wort kannte ich damals gar nicht", erzählt Schwan und lacht. "Ich musste zu Hause erstmal meine Eltern fragen, was es bedeutet." Beide Eigenschaften hat sie sich bis heute bewahrt - und weiter entwickelt. Ausgesprochen kritisch äußerte sich Schwan in den achtziger Jahren auch zur Entspannungspolitik der SPD. 1984 wurde sie deshalb sogar aus der Grundwertekommission der Partei abgewählt. Mittlerweile ist sie nicht nur dort wieder Mitglied, sondern auch zur geschätzten Ratgeberin der SPD geworden.

Braucht man dafür Abitur?

Bei der Frauenorganisation der Partei ist sie an einem Abend im April zu Gast. Ein Frauenbündnis um die Bundestagsabgeordnete Mechthild Rawert und die Arbeitsgemeinschaft sozialdemokratischer Frauen (ASF) im Berliner Bezirk Tempelhof-Schöneberg hat die Präsidentschaftskandidatin zum Gespräch an historisch bedeutsamer Stätte eingeladen. Im Willy-Brandt-Saal des Rathauses Schöneberg diskutieren sie unter der Überschrift "Frauen Macht Politik!". "Ich habe ein sehr positives Verhältnis zur Macht", verrät Gesine Schwan und fügt gleich hinzu, dass sie diese ganz im Sinne von Hannah Arendt verstehe: "Macht ist die Fähigkeit, Menschen für ein Projekt zusammenzuführen."

Es werden Aussagen wie diese sein, die der emeritierten Professorin den Ruf eingebracht haben, zu akademisch zu sein. Kommt das Gespräch darauf, erzählt Gesine Schwan gern die Geschichte des Gewerkschafters, der nach einer Rede zu ihr kam und sie fragte: "Braucht man für das, was Sie da erzählt haben, eigentlich Abitur?" Er jedenfalls habe sie bestens verstanden. Dann lächelt die 65-Jährige auf ihre unnachahmliche Art und Weise.
Mit ihren Emotionen hält Gesine Schwan nicht hinter dem Berg; sie sind ein wichtiger Teil von ihr. "Als ich das erste Mal den Bambi-Film gesehen habe, standen mir Tränen in den Augen", erzählt sie. Auch Liebeskummer habe ihr immer sehr zugesetzt. Arbeit habe ihr am besten geholfen, ihn zu überwinden. So hat sie, nachdem es mit ihrer ersten großen Liebe nicht geklappt hatte, angefangen, Polnisch zu lernen. Heute spricht sie dies fließend.

Die Chancen sind gewachsen

Niederlagen in Siege umzumünzen - das ist eine weitere Stärke von Gesine Schwan. "Es ist einfach sehr schwer für mich, auf ein Ziel, das ich mir gesetzt habe, zu verzichten." Auch wenn sie die Wahl Horst Köhlers zum Bundespräsidenten 2004 nicht als Niederlage bewertet, ist ihre erneute Kandidatur auch ein Ausdruck ihres eigenen Gestaltungsanspruchs. Ihre Chancen, diesmal tatsächlich ins höchste Staatsamt gewählt zu werden, sind gewachsen. Bei der Aufstellung der Wahlmännerlisten für die Bundesversammlung gingen Köhler in Sachsen und Bayern sicher geglaubte Stimmen verloren.

Die CDU wird zunehmend nervös: Statt wie sonst üblich die Gelegenheit zu nutzen, auch Prominente aus Gesellschaft, Sport und Wirtschaft in die Bundesversammlung zu entsenden, wurden diesmal fast ausnahmslos Politiker aus den eigenen Reihen aufgestellt. "Ich werde mich nicht selbst wählen", sagt Gesine Schwan zum Ende des Gesprächs in ihrem Büro. Sie sei zwar gefragt worden, ob sie für die SPD in die Bundesversammlung gehen wolle, doch sie habe abgelehnt. Reinhard Mey dagegen würde seine ehemalige Klassenkameradin gerne noch einmal wählen. "Sie ist einfach eine Klassefrau."

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Dieser Artikel erscheint in der neuesten Ausgabe des vorwärts - ab den Samstag, den 25. April 2009 am Kiosk.

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