Raha Rastifard weint. Tränen kullern über das ebenmäßige Gesicht. Sie verharrt still, macht keine Anstalten, sich über die Wangen zu wischen, sondern blickt unablässig mit feuchten Augen
geradeaus. "Ich kann nicht weg schauen und ignorieren, was in der Welt geschieht" sagt Rastifard über ihr Werk "Suffering". "Ich fühle mich als Mensch und als Künstlerin verantwortlich und diese
Arbeit ist mein Beitrag gegen Gewalt und Krieg." Die Tränen in der Videoinstallation sind echt. Die Iranerin leidet unter der weltweiten Gewalt, insbesondere unter den blutigen Konflikten ihrer
Nachbarländer.
Vor sieben Jahren zog sie nach Berlin. Seither pendelt sie zwischen der iranischen und der deutschen Hauptstadt; in ihrer Kunst finden die westliche und die östliche Welt Ausdruck, sie
erzeugen einen globalen Kontext. Anstoß zum Film "Suffering" gab das Attentat auf die pakistanische Oppositionsführerin Benazir Bhutto im Jahr 2007. Neben der weinenden Raha Rastifard steht ein
Gedicht, das sie Bhutto gewidmet hat. "Das innere Leiden wird geteilt, mit anderen, mit allem und dem Ganzen", lautet die letzte Zeile.
"Jede Sekunde eine Tragödie"
Auf der gegenüberliegenden Wand steigen zwei Männer in einen Transporter, die Hände hinter
dem Rücken gefesselt, die Augen verbunden. Musik spielt, Vögel zwitschern, als die Männer zum Ort ihrer Hinrichtung gebracht werden. Die Bilder bewegen sich unendlich langsam, setzen den
Betrachter auf sanfte Weise der Qual der Verurteilten aus.
"Die Verlangsamung zwingt einen genau hinzusehen", so Al Fadhil. "Im Irak ist jede Sekunde eine Tragödie", sagt der Künstler über sein Heimatland. Eine Sequenz von neun Sekunden Länge
entnahm er einer BBC-Dokumentation über die Irakische Rebellion von 1991 und machte daraus seinen Film "Iraqi brothers. Amer&Nasser". Ein Augenblick wird darin auf mehrere Minuten ausgedehnt.
"Der Ausschnitt ist wichtiger als jede politische Rede", ist Al Fadhil sicher. "Er stellt dich vor die entscheidenden Fragen: Warum ist das geschehen? Wo waren wir?"
"Dein Feind heißt Hoffnung"
Bilder schwach beleuchteter Korridore und karger Gefängniszellen sind an einer weiteren
Wand angebracht. Jede Fotografie wird von einem Text begleitet. "Dein Feind heißt:
Hoffnung, Amnestie, Entlassung, vielleicht schon morgen / er will dich fertigmachen: du sollst hoffen, enttäuscht werden und zerbrechen". Es sind Worte das Schriftstellers Jürgen Fuchs, der wegen
seiner regimekritischen Gedichte im Stasi-Gefängnis in Berlin-Hohenschönhausen inhaftiert war. Während seiner Haft zwischen 1976 und 1977 merkte er sich all seine Erlebnisse - die
Haftbedingungen, die Vernehmungsprotokolle, die Taktiken der Stasi - mit dem Ziel, sie nach seiner Haft zu veröffentlichen. Da Fuchs keine Stifte haben durfte, prägte er sich die Geschehnisse
ein, indem er sie mit dem Finger auf Silberpapier einer Schokoladenverpackung oder auf Tischplatten schrieb.
"Es ging darum, die Persönlichkeit des Menschen zu zerstören", sagt Tim Deussen. Die Gefühlszustände, die Jürgen Fuchs beschrieb, setzte der Fotograf in Bilder um. Deussen suchte die
Hochburg der psychologischen Folter auf, improvisierte mit Schauspielern Szenen, brachte wieder Leben in die Gefängnisräume. "Es war ein emotional schwieriges Projekt. Mir wurde bewusst, dass
psychologische Folter Seelen zerstören kann und dass dies auch heute noch geschieht", sagt Deussen. "Machtkämpfe zwischen Menschen oder Mobbing befolgen genau dieselben Muster wie die
psychologische Folter."
Die Bilder von Deussen und Fuchs' Texte werden am 29. April in dem Buch "Vernehmungsprotokolle" veröffentlicht. "Jürgen Fuchs wurde eingesperrt, weil er seine Meinung in künstlerischer Form
wiedergab. Das Buch macht deutlich, wie wichtig die demokratischen Werte sind."
Kunst als Sport
Die Werke von Raha Rastifard, Al Fadhil und Tim Deussen sind neben fünf weiteren Objekten
in der Berliner Galerie "Artneuland" ausgestellt. Das Thema: Folter. "Artneuland" zeigt politische Kunst und bringtMenschen verschiedener Kulturen miteinander ins Gespräch. Yael Katz Ben Shalom
begründete mit der Galerie einen Trialog zwischen dem Christentum, dem Islam und dem Judentum.
"Es genügt nicht, nur Bilder zu zeigen", ist sie sicher. "Sie werden erst durch Worte und Menschen lebendig", so die israelische Künstlerin und Kuratorin. Sie veranstaltet Diskussionen mit
Philosophen und Wissenschaftlern, um den interkulturellen Austausch weiterzuentwickeln. Katz Ben Shalom weiß, dass ihr Projekt nicht die Welt verbessern kann, aber ein Besuch in ihrer Galerie
verändert das Bewusstsein: "Artneuland ist wie ein Fitnessstudio", sagt sie. "Du trainierst nicht deine Muskeln, sondern deine Sicht, dein Denken und deine Sinne."
Die Ausstellung "Culture of Torture, Torture in Culture" ist noch bis Donnerstag, 23. April in der
Galerie "Artneuland", Schumannstraße 18, in Berlin zu sehen.







