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Beschwingte Sehnsucht

Dorle Gelbhaar • 18. April 2009

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Jutta Voigt erzählt hinreißend. Selbst dort, wo das eigene Erleben nicht dem Geschilderten entspricht, zieht einen das beschwingte Generalisieren in seinen Bann. Sie schaut zurück auf eine Zeit, in der die Trennung in Ost und West in Deutschland und weit darüber hinaus Normalität war. Bittere Normalität, heißt es im Allgemeinen. Aber dieses Buch hat nichts Bitteres. Voigt konstatiert einfach, was war und was aus dem Gewesensein wurde. Vielleicht liegt darin der besondere Reiz.

Nur eine Berlinerin konnte dieses Buch schreiben. Wo sonst prallten die Welten derart aufeinander. Nirgendwo wies sich das Mauer-Trauma so deutlich aus wie in Berlin und keine Generation dürfte davon stärker betroffen gewesen sein als die der Autorin. Als Kind und Jugendliche erlebte sie, wie es war, zwischen den Welten verkehren zu können und dann die Welt sich auf eine verengen zu sehen.

Beschränkten Verhältnissen das Bestmögliche abgewinnen
Es ist ihr Verdienst, dass das im Buch gezeichnete Bild sich öffnet, andere Generationen und Landstriche einbezieht, Schicksale offenlegt, sie nicht auf Ost und West reduziert und doch stets auch in Bezug dazu setzt.

Jutta Voigt beschreibt Menschen, die versehentlich in die Mühlen der Politik geraten, fliehen, festgenommen werden oder es schaffen zu entkommen, aber auch solche, die an den Sozialismus glauben und versuchen, das Beste daraus zu machen, oder auch nicht daran glauben, aber den beschränkten Verhältnissen einfach das Bestmögliche abzugewinnen versuchen.

Journalistin erster Güte
Das gilt auch für die Autorin, die eigenes Erleben einfließen lässt, über ihre Ost-West-Beziehungen berichtet, sich verändernder inniger Freundschaft nachspürt. Sie war schon zu DDR-Zeiten eine Journalistin erster Güte, schrieb für den "Sonntag", die kulturpolitische Wochenschrift der DDR. In ihrem Schreiben verzahnten sich stets genaues Hinschauen und philosophisches Durchdenken mit gediegenem Stil.

Als aus dem "Sonntag" der "Freitag" wurde, schrieb sie weiter für das Blatt. Außerdem verfasste sie von sehr vielen gern gelesene Beiträge in der "Wochenpost", der "Woche" und der "Zeit". "Der Geschmack des Ostens. Vom Essen, Trinken und Leben in der DDR", dieses Buch ging 2005 ihrem jetzigen über den "Westbesuch" voraus.

Der Gegensatz und subjektive Folgen
Ost war nie ohne West, West nie ohne Ost. Der eine projizierte in sein Bild des anderen einen Teil seiner selbst. Das störte das Verhältnis zwischen Freunden, Verwandten und Bekannten von hüben und drüben nicht, solange die Teilung Rollenfestschreibungen zuließ, die die einen erhöhten, den anderen im Ausgleich dafür ersehnte zusätzliche Genüsse materieller Art zukommen ließ, so die Verfasserin. Damit analysiert sie zugleich heutige Probleme deutschen Innenlebens in ihrem für manch einen quasi unausweichlichen Gewordensein .

Selbst Erich Honecker, vormals Staatsrat-Vorsitzender der DDR und Generalsekretär des ZK der SED, sei in diesem Ost-West-Trauma befangen gewesen. Er habe nach dem Abschied von der saarländischen Heimat 1948 erst mit dem offiziellen Staatsbesuch in der BRD 1987 nach dem Empfang durch den damaligen Bundeskanzler Helmut Kohl Wiebelskirchen und damit auch das Grab seiner Eltern besuchen können.

Privileg

Die Filmkritikerin Voigt genoss dann und wann das Privileg, zu einem Fimfestival gen Westen ziehen zu können. Hätte sie dieses ablehnen sollen, weil das anderen nicht auch möglich war? Solche Größe habe sie nicht gehabt, meint sie sich selbst ironisierend, ebenso wie vielleicht auch die, die meinen, solches wäre zu verlangen gewesen. Wer hätte es wirklich getan? Das ist kaum nachprüfbar und schließlich hätte solche Selbstbeschränkung auch für die DDR-Leserschaft größere Beschränkung mangels Lesbarem über internationale Ereignisse in der Filmwelt nach sich gezogen.

Doppelter Boden
Dieses Buch wandelt in mehrfacher Hinsicht auf doppeltem Boden. Ehrlichkeit und Ironie verbinden sich einander und verhindern verabsolutierendes Ereifern.
Vor allem aber ist es bestechend, wie das Aufzeigen von wechselseitigen Projektionen als Vorurteilen eine Perspektive für das Verschmelzen von West und Ost aufzeigt. Freiheit wie soziale Geborgenheit brauchen alle. Ohne Nestwärme wird kein wirklich freiheitlich gesinntes Individuum groß und Nestwärme ohne Freiheit wärmt auf Dauer nicht wirklich.


Dorle Gelbhaar

Jutta Voigt " Westbesuch", Aufbau Verlag GmbH & Co. KG, Berlin 2009, 228 Seiten, 16,95 Euro, ISBN 978-3-351-02675-2

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