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Deutschland, wer zum Teufel sind Sie?

Eva-Maria Schleiffenbaum • 05. April 2009

Quelle: Verlag Antje Kunstmann
Quelle: Verlag Antje Kunstmann

Eine bunte Mischung an Persönlichkeiten stellt sich den Fragen von Arno Luik. Diese sind hart. Luik kratzt nicht an der Oberfläche, sondern bohrt, so tief es geht. In seinem neuen Buch "Wer zum Teufel sind Sie nun?" beschreibt der Autor, wie einige der Gespräche zum Kampf werden. Ein Kampf, den er meist gewinnt.

Angelika Schrobsdorff erzählt, dass sie nie geliebt hat und spurlos verschwinden möchte, verbrannt mitsamt ihren Büchern. Die "marxistische Modellathletin" Katarina Witt lobt die untergehende DDR. Zugleich schimpft sie über die Ossis, die ihr den Reichtum vorwerfen. Angela Merkel erinnert sich daran, dass sie früher Balletttänzerin werden wollte und dass sie in der Sauna saß, als die Mauer fiel.

Franz Müntefering kommt auch zu Wort. Als Luik ihm begegnet, hat Gerhard Schröder gerade die Agenda 2010 eingeführt und Müntefering unterstützt ihn tatkräftig. Der Autor unterstellt ihm, eine Verwandlung vom Sozialdemokraten zum marktliberalen Staatsreformer gemacht zu haben. "Als Judas wurden Sie verhöhnt - von ihren Genossen." Müntefering reagiert gelassen, er könne nichts dafür, wenn die Leute irre geleitet wären. Natürlich hakt Luik nach, doch Müntefering verteidigt die Reform und erzählt dann von seiner Jugend. Wie er im Wald nach Brennholz für den Ofen suchte und über seine Leidenschaft, das Kabarett.

Zu weit getrieben?

Arno Luik provoziert seine Gesprächspartner, manchmal treibt er es zu weit. Zum Beispiel bei Hans Hammerstingl, der als 10jähriger ein Streichholz in einen Benzintank fallen ließ und dadurch 70 Prozent seiner Haut verbrannte. Luik begrüßt ihn mit den Worten: "Herr Hammerstingl, Sie sehen schrecklich aus, richtig furchterregend." Mit Martin Walser hat sich Luik neun Stunden lang "gezankt, gefetzt, zwischendurch mit ihm gelacht und gut verstanden und dann wieder gestritten." Walser zog das Gespräch zurück, weil Luik ihm "wohl zu nahe gekommen" war. Doch die Begegnung inspirierte Walser zu einer Selbstbefragung, die nun das Nachwort bildet.

Was andere sich nicht trauen


Luiks Direktheit ist jedoch auch eine Stärke des Buches. Er fragt, was andere sich nicht trauen, was aber brennend interessiert. Und meist findet er den richtigen Ton: Die Leute öffnen sich ihm, geben viel von sich preis. Nach der Lektüre hat der Leser das Gefühl, die Personen näher zu kennen, womöglich ein Stück weit zu erfassen, wer sie wirklich sind. Und wer sich in die einzelnen Gespräche vertieft, merkt irgendwann, dass das Buch noch eine andere Geschichte erzählt: diejenige der Bundesrepublik Deutschland. Auf faszinierende Weise, in einem Wechselspiel zwischen Persönlichem und Politischem, geben die Menschen wieder, was Deutschland ist.

Wo bleibt der "Normalo"?

Um jedoch vollends darzustellen, was die Bundesrepublik ausmacht, fehlt eine Stimme: Die der "Normalos", die weder berühmt noch todkrank sind. Es wäre interessant gewesen, die Meinung eines Handwerkers oder Verkäufers neben die Aussagen von Politökonom Jürgen Kuczinski oder des Starkochs Vincent Klink zu stellen. Der Unterhaltungswert des Buches ist aber dennoch groß: In einem Zug ist es gelesen und wer es beiseite legt, führt innerlich das ein oder andere Gespräch weiter.

Arno Luik: "Wer zum Teufel sind Sie nun?" Sechzig Jahre Bundesrepublik Gespräche über uns, Verlag Antje Kunstmann, 336 Seiten, 22,00 Euro

Über den Autor: Arno Luik, Jahrgang 1955, ist Autor des "stern". Er war Reporter für "Tempo", "Wochenpost" und Chefredaktuer der "taz". 2008 wurde er als Kulturjournalist des Jahres ausgezeichnet.

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