Artikel (Archiv) > „Wir müssen noch vieles verändern“

Hauptinhalt

Artikel (Archiv)

Übersicht

Icon   Gesine Schwan zum Weltfrauentag

„Wir müssen noch vieles verändern“

Kai Doering • 06. March 2009

"Die unglaublichen Leistungen von Frauen würdigen": Gesine Schwan, Foto: Dirk Bleicker ©
"Die unglaublichen Leistungen von Frauen würdigen": Gesine Schwan, Foto: Dirk Bleicker ©

Gesine Schwan, was bedeutet der 8. März für Sie?
Weltweit gibt es an diesem Tag symbolische Aktionen, um auf die unglaublichen Leistungen von Frauen aufmerksam zu machen. In anderen Ländern haben Frauen weit weniger Rechte, tragen aber mehr Verantwortung. Dies zu würdigen, steht für mich im Mittelpunkt des 8. März.

Historisch gesehen, ist der Weltfrauentag eine sozialistische Erfindung. Sollte die SPD darauf stärker Bezug nehmen?
Eine parteipolische Vereinnahmung ist aus meiner Sicht nicht richtig. Dennoch sollte die SPD darauf hinweisen, wie sehr sie stets die faktische Gleichstellung aller Menschen vorangetrieben hat. Es sollte daher eher die Universalität unseres sozialdemokratischen Anspruchs als die Parteilichkeit der Gründung hervorgehoben werden.

Ist es überhaupt sinnvoll, ein Geschlecht mit dem Weltfrauentag besonders herauszustellen?
Ja, denn auch wenn rechtlich schon viel erreicht wurde, besteht im Bereich der Einstellungen und Mentalitäten noch eine erhebliche Benachteiligung von Frauen. Es gibt eine Reihe von Klischees, mit denen versucht wird, Frauen aus ihren Positionen zu drängen oder sie zu schwächen, die man gegenüber Männern nicht verwenden würde. Das muss immer wieder ins Bewusstsein gebracht werden.

Welches Problem ist derzeit das dringendste?
Das Prinzip der Partnerschaftlichkeit - im Beruflichen wie im Privaten - ist aus meiner Sicht noch zu schwach ausgeprägt. Wir müssen noch vieles verändern, um partnerschaftliche Familien zu bekommen. Ich will die Frauenfrage nicht allein an der Familie fest machen, aber es ist unverkennbar, dass beide zu einem großen Teil zusammengehören. Am besten kommen wir Frauen voran, wenn wir uns mit den Männern zusammentun, um die partnerschaftliche Familie zu verwirklichen. So können wir die Perspektive der Benachteiligung zugunsten der Erfahrung der gleichen Augenhöhe überwinden.

Es geht also nur gemeinsam, statt gegeneinander.
Ja. Ich kann zwar gut verstehen, dass sich viele Frauen aus meiner Generation gegen Männer richten wollten. Und auch mich behandeln Männer gerade jetzt während meiner Kandidatur nicht immer gemütlich, wogegen ich mich auch wehre. Aber die Zukunft liegt in der gemeinsamen Bewältigung der Aufgaben. Schließlich kenne ich auch viele, gerade jüngere, Männer, die Verpflichtungen für Kinder übernehmen. Sie bekommen mehr und mehr einen Sinn dafür, ihre Verantwortung in der Familie wahrzunehmen. Und sie finden Gefallen daran. Das ist eine hoffnungsvolle Entwicklung. Von den Familien wird eine positive Entwicklung für die Gesellschaft ausgehen.

Haben Frauen es heute leichter als vor zwanzig oder dreißig Jahren?
Sie haben es schon deshalb leichter, weil sie besser ausgebildet sind als früher. Aber es kommen neue Probleme auf sie zu.

Zum Beispiel?
Gerade weil Frauen im Bildungssystem häufig erfolgreicher sind als Männer, ist es schwierig, deren neue Rollenbilder so voranzubringen, dass sich daraus Partnerschaften entwickeln. Da entsteht ein Ungleichgewicht, das sich an der Oberfläche zu Ungunsten der Männer auswirkt, das aber negativ auch auf die Frauen zurückwirkt. Besonders in den unterprivilegierten Schichten leistet die Verunsicherung der Männer einen Beitrag zur Gewaltbereitschaft. Diese neuen Probleme müssen wir angehen.

Also brauchen wir starke Frauen, die wiederum die Männer stärken?
Noch lieber ist mir, wenn es starke Männer gibt, die andere Männer stärken. Aber es ist wichtig, dass sich Frauen und Männer ineinander hineinversetzen können und ihre Stärken zusammenbringen können, statt zu konkurrieren.

Nochmal zurück zum Frauentag. In manchen Ländern ist er gesetzlicher Feiertag. Wäre das auch für Deutschland sinnvoll?
Gesetzliche Feiertage führen keine geistigen Veränderungen herbei. Mit dem 17. Juni haben wir ja auch die Erfahrung gemacht, dass er nicht unbedingt das Einheitsgefühl gestärkt hat. Ich denke daher nicht, dass ein Feiertag sinnvoll wäre.

Interview: Kai Doering

Inhalt rechte Spalte

 

Hauptinhalt 2

Buchtipp

Econ Verlag

Icon Rezension; Rudolf Hickel: „Zerschlagt die Banken"

„Zerschlagt die Banken"

Icon Rezension; Hans-Christian Jasch: „Staatssekretär Wilhelm Stuckart und die Judenpolitik"

Massenmord, geplant von Beamten

Icon Kathrin Hartmann: "Wir müssen leider draußen bleiben"

Von der Politik über den Tisch gezogen

Icon Rezension; Alexander Dill: „Gemeinsam sind wir reich"

Mehr Sozialkapital

Interview

Eren Güvercin

Icon Eren Güvercin im Interview

„Ich habe nie ein Identitätsproblem gehabt“

Icon Interview mit Frank Mentrup

Lust auf den Wechsel

Icon Interview mit dem Deutsch-Iraner Omid Pouryousefi

"Viele haben die Nase voll"

Icon Interview mit Katja Kullmann

„Dann ist da diese andere europäische, große Idee, die wir Sozialdemokratie nennen“

Veranstaltung

vorwärts-Fest in Bayern

Icon vorwärts-Fest

„Der Wandel in Bayern hat angefangen!“

Icon Buchvorstellung

Naziverbrecher ohne Reue

Icon Fotoausstellung im Willy-Brandt-Haus

Das kulturelle Gesicht Afghanistans

Icon Bildungspolitik

Gleiche Chancen für alle?

Kolumne

Icon Willst du mit mit (wählen) gehen?

Das Allerletzte von Martin Kaysh

Icon Notiert von Uwe Knüpfer

Berliner Tagebuch

Icon Abzug aus Afghanistan

Global gedacht von Rafael Seligmann

Icon Notiert von Uwe Knüpfer

Berliner Tagebuch

Filmtipp

 „Genug der Farce“, sagt sich Monsieur Demanet.

Icon Film der Woche: Kill me please

Selbstmord inklusive

Icon Film der Woche: Die Vermissten

Mit dem Rücken zum Nichts

Icon Film der Woche: Medianeras

Wir sind die Stadt

Icon Film der Woche: Ufo In Her Eyes

„Ein ideologischer Schrottplatz“