Gesine Schwan, was bedeutet der 8. März für Sie?
Weltweit gibt es an diesem Tag symbolische Aktionen, um auf die unglaublichen Leistungen von Frauen aufmerksam zu machen. In anderen Ländern haben Frauen weit weniger Rechte, tragen aber
mehr Verantwortung. Dies zu würdigen, steht für mich im Mittelpunkt des 8. März.
Historisch gesehen, ist der Weltfrauentag eine sozialistische Erfindung. Sollte die SPD darauf stärker Bezug nehmen?
Eine parteipolische Vereinnahmung ist aus meiner Sicht nicht richtig. Dennoch sollte die SPD darauf hinweisen, wie sehr sie stets die faktische Gleichstellung aller Menschen vorangetrieben
hat. Es sollte daher eher die Universalität unseres sozialdemokratischen Anspruchs als die Parteilichkeit der Gründung hervorgehoben werden.
Ist es überhaupt sinnvoll, ein Geschlecht mit dem Weltfrauentag besonders herauszustellen?
Ja, denn auch wenn rechtlich schon viel erreicht wurde, besteht im Bereich der Einstellungen und Mentalitäten noch eine erhebliche Benachteiligung von Frauen. Es gibt eine Reihe von
Klischees, mit denen versucht wird, Frauen aus ihren Positionen zu drängen oder sie zu schwächen, die man gegenüber Männern nicht verwenden würde. Das muss immer wieder ins Bewusstsein gebracht
werden.
Welches Problem ist derzeit das dringendste?
Das Prinzip der Partnerschaftlichkeit - im Beruflichen wie im Privaten - ist aus meiner Sicht noch zu schwach ausgeprägt. Wir müssen noch vieles verändern, um partnerschaftliche Familien zu
bekommen. Ich will die Frauenfrage nicht allein an der Familie fest machen, aber es ist unverkennbar, dass beide zu einem großen Teil zusammengehören. Am besten kommen wir Frauen voran, wenn wir
uns mit den Männern zusammentun, um die partnerschaftliche Familie zu verwirklichen. So können wir die Perspektive der Benachteiligung zugunsten der Erfahrung der gleichen Augenhöhe überwinden.
Es geht also nur gemeinsam, statt gegeneinander.
Ja. Ich kann zwar gut verstehen, dass sich viele Frauen aus meiner Generation gegen Männer richten wollten. Und auch mich behandeln Männer gerade jetzt während meiner Kandidatur nicht immer
gemütlich, wogegen ich mich auch wehre. Aber die Zukunft liegt in der gemeinsamen Bewältigung der Aufgaben. Schließlich kenne ich auch viele, gerade jüngere, Männer, die Verpflichtungen für
Kinder übernehmen. Sie bekommen mehr und mehr einen Sinn dafür, ihre Verantwortung in der Familie wahrzunehmen. Und sie finden Gefallen daran. Das ist eine hoffnungsvolle Entwicklung. Von den
Familien wird eine positive Entwicklung für die Gesellschaft ausgehen.
Haben Frauen es heute leichter als vor zwanzig oder dreißig Jahren?
Sie haben es schon deshalb leichter, weil sie besser ausgebildet sind als früher. Aber es kommen neue Probleme auf sie zu.
Zum Beispiel?
Gerade weil Frauen im Bildungssystem häufig erfolgreicher sind als Männer, ist es schwierig, deren neue Rollenbilder so voranzubringen, dass sich daraus Partnerschaften entwickeln. Da
entsteht ein Ungleichgewicht, das sich an der Oberfläche zu Ungunsten der Männer auswirkt, das aber negativ auch auf die Frauen zurückwirkt. Besonders in den unterprivilegierten Schichten leistet
die Verunsicherung der Männer einen Beitrag zur Gewaltbereitschaft. Diese neuen Probleme müssen wir angehen.
Also brauchen wir starke Frauen, die wiederum die Männer stärken?
Noch lieber ist mir, wenn es starke Männer gibt, die andere Männer stärken. Aber es ist wichtig, dass sich Frauen und Männer ineinander hineinversetzen können und ihre Stärken
zusammenbringen können, statt zu konkurrieren.
Nochmal zurück zum Frauentag. In manchen Ländern ist er gesetzlicher Feiertag. Wäre das auch für Deutschland sinnvoll?
Gesetzliche Feiertage führen keine geistigen Veränderungen herbei. Mit dem 17. Juni haben wir ja auch die Erfahrung gemacht, dass er nicht unbedingt das Einheitsgefühl gestärkt hat. Ich
denke daher nicht, dass ein Feiertag sinnvoll wäre.
Interview: Kai Doering







