Nachdenklich, klug, gebildet und am Menschen orientiert berichtet Gesine Schwan im Gespräch mit Christian Geyer über das Thema ihres Lebens: Die Demokratie, zu der sie ein politisches Elternhaus und ein polnischer Film über die "systematische Entwürdigung der Häftlinge" in Auschwitz führten und die sie als eine Lebensform der Werte für sich entdeckte. Ihre Argumente für den Sinn von Gemeinsamkeit findet die Professorin auf der ganzen Welt und in der Geschichte, sei es in der Weimarer Republik, der interdisziplinären Forschung oder dem Sinn des Lebens, selbst bei der Wahl ihrer Kleider.
Eine politische Antwort auf die Philosophie
Im Denken und Streben nach Gerechtigkeit, besonders zwischen den Geschlechtern, den Generationen, auf dem Arbeitsmarkt und im Wirtschaftssystem, beeinflussen Gesine Schwan bis heute die
Schriften des wohl berühmtesten polnischen Philosophen, Leszek Kolakowski. Über ihn schrieb sie ihre Dissertation. Für ihn hielt sie die Laudatio, als er 1977 den Friedenspreis des Deutschen
Buchhandels in der Paulskirche bekam. Seine Grundfrage hat sie sich zu eigen gemacht: "Wie können sich unterschiedliche Sichtweisen so begrenzen und ergänzen, dass sich nicht eine von ihnen
fälschlicherweise für das Ganze ausgibt?"
Mitten im Bundespräsidentenwahlkampf und Wettbewerb um die Stimmen der Bundesversammlung präsentiert Gesine Schwan eine politische Antwort auf eine philosophische Frage: Ein "neuer Gesellschaftsvertrag" soll den Grundkonsens der Gesellschaft bilden. Die Gesellschaft muss darüber entscheiden, wie die Menschen in Zukunft miteinander leben wollen.
Mit Vertrauen in den Menschen
Auf 214 Seiten setzt Schwan konsequent auf Bürgerethos statt Politikverdrossenheit, auf das Engagement des Individuums in der Gesellschaft und die Familie als Keimzelle des Wertetransfers. Sie spricht dem Menschen die Fähigkeit zu, eine Balance zu schaffen zwischen Privat- und Gemeinwohl und verteidigt die Liberalität als sozialdemokratischen Urgedanken.
Dabei bleibt sie durchaus nicht im Gestern stehen, sondern beschreibt gerade die Phänomene der modernen nationalen Gesellschaften. Diese, so Schwan, leben mit unterschiedlichen Erfahrungen und
uneinheitlichen Leitbildern, brauchen Orientierung und müssen neue Regeln finden: für veränderte Arbeitsbiografien in einem längeren Leben, für die Bekämpfung der Massenarbeitslosigkeit und für
den Umgang mit dem Einzug des Internationalen, das hinter den Türen der Deutschen Universitäten längst seinen Alltag pflegt.
Dem Markt Regeln geben
Die zunehmende Hilflosigkeit demokratischer Politik gibt Schwan offen zu. Die Lösung sucht sie dennoch in der Demokratie, die sich mit ihrem Gestaltungsanspruch und als regulierendes
Instrument gegen die entfesselte Ökonomie behaupten muss. Es brauche neue Formen zivilgesellschaftlicher sowie eine Stärkung der internationalen Organisationen, um den Markt Regeln zu unterwerfen
und vor Verzerrungen zu schützen, argumentiert die Professorin.
Die Kultur der Argumentation, die Schwan zweifellos beherrscht, ist gleichzeitig eine Kultur der Hoffnung - gepaart mit einem christlichen Glauben und dem spürbar unaufdringlichen aber
entschlossenen Wunsch, nun auch im höchsten Amt des Staates in bester demokratischer Tradition zusammenzuführen, was zusammen gehört. "Freiheitliche Politik vertraut auf die Zukunft und auf
Möglichkeiten", sagt Schwan.
Die Augen nicht verschließen
Jedoch: Beim offenen Blick auf die derzeitige Krise der Welt und auf die unterschiedlichen Lebenssituationen wird jedes Argument verschwindend klein. Denn die Schere zwischen Arm und Reich auf
der Welt, zwischen Chancen und Chancenlosigkeit ist unvorstellbar groß.
Vielleicht werden entschlossenes Handeln, gutes politisches Handwerk und grenzüberschreitende Kooperation im Sinne des Gemeinwohls tatsächlich helfen können. Gesine Schwan ist eine
Politikerin, der man glauben möchte, dass sie dazu bereit ist. Bei Kolakowski heißt die Moral für den Einzelnen: "Güte ohne falsche Nachsicht, Mut ohne Fanatismus, Intelligenz ohne Verzweiflung,
und Hoffnung ohne Verblendung."
"Woraus wir leben - Das Persönliche und das Politische", Gesine Schwan, ein Gespräch mit Christian Geyer, Piper-Verlag, München 2009, 16,95 Euro, 220 Seiten, ISBN
9783492052788







