Artikel (Archiv) > Gesine Schwan: Plädoyer für Gemeinsamkeit

Hauptinhalt

Artikel (Archiv)

Übersicht

Icon   Gesine Schwan

Gesine Schwan: Plädoyer für Gemeinsamkeit

Michelle Schumann • 07. February 2009

Bild zum Artikel "Gesine Schwan: Plädoyer für Gemeinsamkeit "

Nachdenklich, klug, gebildet und am Menschen orientiert berichtet Gesine Schwan im Gespräch mit Christian Geyer über das Thema ihres Lebens: Die Demokratie, zu der sie ein politisches Elternhaus und ein polnischer Film über die "systematische Entwürdigung der Häftlinge" in Auschwitz führten und die sie als eine Lebensform der Werte für sich entdeckte. Ihre Argumente für den Sinn von Gemeinsamkeit findet die Professorin auf der ganzen Welt und in der Geschichte, sei es in der Weimarer Republik, der interdisziplinären Forschung oder dem Sinn des Lebens, selbst bei der Wahl ihrer Kleider.


Eine politische Antwort auf die Philosophie

Im Denken und Streben nach Gerechtigkeit, besonders zwischen den Geschlechtern, den Generationen, auf dem Arbeitsmarkt und im Wirtschaftssystem, beeinflussen Gesine Schwan bis heute die Schriften des wohl berühmtesten polnischen Philosophen, Leszek Kolakowski. Über ihn schrieb sie ihre Dissertation. Für ihn hielt sie die Laudatio, als er 1977 den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels in der Paulskirche bekam. Seine Grundfrage hat sie sich zu eigen gemacht: "Wie können sich unterschiedliche Sichtweisen so begrenzen und ergänzen, dass sich nicht eine von ihnen fälschlicherweise für das Ganze ausgibt?"

Mitten im Bundespräsidentenwahlkampf und Wettbewerb um die Stimmen der Bundesversammlung präsentiert Gesine Schwan eine politische Antwort auf eine philosophische Frage: Ein "neuer Gesellschaftsvertrag" soll den Grundkonsens der Gesellschaft bilden. Die Gesellschaft muss darüber entscheiden, wie die Menschen in Zukunft miteinander leben wollen.


Mit Vertrauen in den Menschen

Auf 214 Seiten setzt Schwan konsequent auf Bürgerethos statt Politikverdrossenheit, auf das Engagement des Individuums in der Gesellschaft und die Familie als Keimzelle des Wertetransfers. Sie spricht dem Menschen die Fähigkeit zu, eine Balance zu schaffen zwischen Privat- und Gemeinwohl und verteidigt die Liberalität als sozialdemokratischen Urgedanken.

Dabei bleibt sie durchaus nicht im Gestern stehen, sondern beschreibt gerade die Phänomene der modernen nationalen Gesellschaften. Diese, so Schwan, leben mit unterschiedlichen Erfahrungen und uneinheitlichen Leitbildern, brauchen Orientierung und müssen neue Regeln finden: für veränderte Arbeitsbiografien in einem längeren Leben, für die Bekämpfung der Massenarbeitslosigkeit und für den Umgang mit dem Einzug des Internationalen, das hinter den Türen der Deutschen Universitäten längst seinen Alltag pflegt.

Dem Markt Regeln geben

Die zunehmende Hilflosigkeit demokratischer Politik gibt Schwan offen zu. Die Lösung sucht sie dennoch in der Demokratie, die sich mit ihrem Gestaltungsanspruch und als regulierendes Instrument gegen die entfesselte Ökonomie behaupten muss. Es brauche neue Formen zivilgesellschaftlicher sowie eine Stärkung der internationalen Organisationen, um den Markt Regeln zu unterwerfen und vor Verzerrungen zu schützen, argumentiert die Professorin.

Die Kultur der Argumentation, die Schwan zweifellos beherrscht, ist gleichzeitig eine Kultur der Hoffnung - gepaart mit einem christlichen Glauben und dem spürbar unaufdringlichen aber entschlossenen Wunsch, nun auch im höchsten Amt des Staates in bester demokratischer Tradition zusammenzuführen, was zusammen gehört. "Freiheitliche Politik vertraut auf die Zukunft und auf Möglichkeiten", sagt Schwan.


Die Augen nicht verschließen

Jedoch: Beim offenen Blick auf die derzeitige Krise der Welt und auf die unterschiedlichen Lebenssituationen wird jedes Argument verschwindend klein. Denn die Schere zwischen Arm und Reich auf der Welt, zwischen Chancen und Chancenlosigkeit ist unvorstellbar groß.

Vielleicht werden entschlossenes Handeln, gutes politisches Handwerk und grenzüberschreitende Kooperation im Sinne des Gemeinwohls tatsächlich helfen können. Gesine Schwan ist eine Politikerin, der man glauben möchte, dass sie dazu bereit ist. Bei Kolakowski heißt die Moral für den Einzelnen: "Güte ohne falsche Nachsicht, Mut ohne Fanatismus, Intelligenz ohne Verzweiflung, und Hoffnung ohne Verblendung."


"Woraus wir leben - Das Persönliche und das Politische", Gesine Schwan, ein Gespräch mit Christian Geyer, Piper-Verlag, München 2009, 16,95 Euro, 220 Seiten, ISBN 9783492052788

Hier bestellen

Inhalt rechte Spalte

 

Hauptinhalt 2

Buchtipp

Econ Verlag

Icon Rezension; Rudolf Hickel: „Zerschlagt die Banken"

„Zerschlagt die Banken"

Icon Rezension; Hans-Christian Jasch: „Staatssekretär Wilhelm Stuckart und die Judenpolitik"

Massenmord, geplant von Beamten

Icon Kathrin Hartmann: "Wir müssen leider draußen bleiben"

Von der Politik über den Tisch gezogen

Icon Rezension; Alexander Dill: „Gemeinsam sind wir reich"

Mehr Sozialkapital

Interview

Eren Güvercin

Icon Eren Güvercin im Interview

„Ich habe nie ein Identitätsproblem gehabt“

Icon Interview mit Frank Mentrup

Lust auf den Wechsel

Icon Interview mit dem Deutsch-Iraner Omid Pouryousefi

"Viele haben die Nase voll"

Icon Interview mit Katja Kullmann

„Dann ist da diese andere europäische, große Idee, die wir Sozialdemokratie nennen“

Veranstaltung

vorwärts-Fest in Bayern

Icon vorwärts-Fest

„Der Wandel in Bayern hat angefangen!“

Icon Buchvorstellung

Naziverbrecher ohne Reue

Icon Fotoausstellung im Willy-Brandt-Haus

Das kulturelle Gesicht Afghanistans

Icon Bildungspolitik

Gleiche Chancen für alle?

Kolumne

Icon Willst du mit mit (wählen) gehen?

Das Allerletzte von Martin Kaysh

Icon Notiert von Uwe Knüpfer

Berliner Tagebuch

Icon Abzug aus Afghanistan

Global gedacht von Rafael Seligmann

Icon Notiert von Uwe Knüpfer

Berliner Tagebuch

Filmtipp

 „Genug der Farce“, sagt sich Monsieur Demanet.

Icon Film der Woche: Kill me please

Selbstmord inklusive

Icon Film der Woche: Die Vermissten

Mit dem Rücken zum Nichts

Icon Film der Woche: Medianeras

Wir sind die Stadt

Icon Film der Woche: Ufo In Her Eyes

„Ein ideologischer Schrottplatz“