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"Was ihnen bis dahin zu Unrecht vorenthalten wurde"

Wolfgang Eichler • 17. January 2009

Archiv der sozialen Demokratie in der FES
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Am 20. Dezember wurde dieser Beschluss von einer Mehrheit der Reichskonferenz der Arbeiter und Soldatenräte bestätigt. Damit fand ein über sieben Jahrzehnte währender Kampf für das Frauenwahlrecht seinen erfolgreichen Abschluss. Unter maßgeblicher Beteiligung der Sozialdemokratie waren sowohl bürgerliche als auch proletarische Kräfte daran beteiligt. Im Dezember 1918 stand in der sozialdemokratischen "Gleichheit" auf der Titelseite: "Heute sind die deutschen Frauen die freiesten der Welt."

Von den Anfängen im Vormärz

Louise Otto-Peters (1819-1895) schrieb 1843 in einem Aufsehen erregenden Leserbrief: "Die Teilnahme der Frauen an den Interessen des Staates ist nicht ein Recht, sondern eine Pflicht." In der politischen und gesellschaftlichen Aufbruchstimmung des Vormärz formierte sich in Deutschland die Frauenbewegung. Es entwickelte sich ein solidarisches Bewusstsein für die Situation aller Frauen. Aktive Feministinnen organisierten Frauenvereine. Frauenzeitungen erzielten Breitenwirkung.

Im April 1848 gründete die Journalistin Louise Otto-Peters ihre erste politisch orientierte Frauenzeitung und erklärte in der ersten Ausgabe: "Wir wollen unseren Teil fordern: das Recht, das Rein-Menschliche in uns in freier Entwicklung aller unserer Kräfte auszubilden, und das Recht der Mündigkeit und Selbständigkeit im Staat." Für die bürgerliche Frauenbewegung stand die Forderung nach dem gleichen Recht auf Ausbildung und freie Berufswahl im Vordergrund. In der Bedeutung, die die Berufsarbeit für die Gleichberechtigung der Frau hat, sah Clara Zetkin (1857-1933) das Beste an Vorarbeit, das die bürgerliche für die proletarische Frauenbewegung geleistet hat.

Mill und Taylor prangern Versklavung der Frau an

Bewusstseinsbildend war das Buch "Hörigkeit der Frau" des britischen Philosophen und Nationalökonomen John Stuart Mill (1806-1873) und seiner Frau Harriet Taylor (1807-1858), das 1869 in deutscher Sprache erschien. Darin wurde die fortdauernde Versklavung der Frau in materieller und geistiger Hinsicht verurteilt und erstmals auch das Frauenwahlrecht gefordert.

Dohm, Lenin und Zetkin fordern Gleichheit der Geschlechter

Die Theoretikerin des Feminismus Hedwig Dohm (1831-1919) verlangte 1873 als erste Frau in Deutschland das Frauenwahlrecht. Im Jahre 1879 erschien der Bestseller "Die Frau und der Sozialismus" von August Bebel (1840-1913), in dem er ein flammendes Bekenntnis zur Gleichberechtigung der Geschlechter ablegte. Von Clara Zetkin, der Herausgeberin der "Gleichheit", ging die Organisierung der proletarischen Frauenbewegung aus. Ihr Referat "Die Arbeiterinnen- und Frauenfrage der Gegenwart" beim Gründungskongress der II. Internationale in Paris im Jahre 1889 wurde zusammen mit dem Werk von August Bebel bestimmend für die sozialistische Theorie der Frauenemanzipation. Gesetzlicher Schutz für Arbeiterinnen, gleicher Lohn für gleiche Arbeit, gleiche Bildung und freie Wahl der Berufstätigkeit und die volle politische Gleichstellung gehörten zu den politischen Forderungen der proletarischen Frauenbewegung vor dem Ersten Weltkrieg.

SPD fordert Frauenwahlrecht bereits 1918

Auf dem Erfurter Parteitag 1891 forderte die SPD als erste deutsche Partei das Frauenwahlrecht. Im Jahre 1902 erhielt die SPD Unterstützung vom linken Flügel der bürgerlichen Frauenbewegung, als Anita Augspurg (1857-1903) mit Lida Gustava Heymann in Hamburg den "Deutschen Verein für Frauenstimmrecht" gründeten. In Preußen und in anderen Staaten galten von 1850 bis 1908 Vereinsgesetze, die Frauen die Mitgliedschaft und Mitarbeit in politischen Parteien verboten. Am 17. Januar 1907 forderte Rosa Luxemburg (1870-1919) auf einer Wahlversammlung vor 1500 Ascherslebener Bürgerinnen und Bürgern das Frauenwahlrecht.

1908 gab das neue Vereinsrecht Frauen die Müglichkeit, Mitglied in politischen Parteien zu werden. Wenige Jahre zuvor war das sogenannte "Segment", das heißt ein abgetrennter Teil des Saales geschaffen worden, in dem die Frauen den Männern wohl zuhören aber selbst nicht reden durften. Der Protest gegen die Diskriminierung der Frauen kristallisierte sich im "Internationalen Frauentag", an dem am 19. März 1911 erstmals Zehntausende auf die Straße gingen.

Nur SPD und USPD kämpften für das Frauenwahlrecht

Als Eduard Bernstein (1850-1932) 1917 im Reichstag eine Resolution für einen Gesetzentwurf zum Frauenwahlrecht einbrachte, wurde diese nur von SPD und USPD unterstützt. Die bürgerlichen Parteien lehnten ab. Zwei Jahre später war der Durchbruch geschafft. Am 19. Januar1919 wählten die Frauen zum ersten Mal. 82 Prozent der wahlberechtigten Frauen gaben ihre Stimme ab. 300 Frauen kandidierten, 37 Frauen wurden in die Verfassungsgebende Nationalversammlung nach Weimar entsandt. Unter ihnen Marie Juchacz (1879-1956), die Gründerin und bis 1933 Vorsitzende der "Arbeiterwohlfahrt" und Luise Zietz (1865-1922), Mitglied des SPD-Vorstandes und seit 1912 zentrale Frauensekretärin.

Marie Juchacz spricht als erste Frau im Parlament

Als erste Frau in einem deutschen Parlament spricht am 19. Februar 1919 Marie Juchacz aus Berlin, einst Dienstmädchen, Krankenwärterin, Schneiderin und seit 1905 aktive Sozialdemokratin: "Ich möchte hier feststellen, dass wir deutschen Frauen dieser Regierung nicht etwa in dem althergebrachten Sinne Dank schuldig sind. Was diese Regierung getan hat, das war eine Selbstverständlichkeit: sie hat den Frauen gegeben, was ihnen bis dahin zu Unrecht vorenthalten worden ist."

Damit hatte der Kampf um die Gleichberechtigung der Frau einen ersten Etappensieg errungen. Abschließend sollen zwei Frauen genannt werden, die nach dem Zweiten Weltkrieg den Anspruch der Frauen auf politische Teilhabe verkörpert haben: Louise Schröder (1887- 1957), 1946 Bürgermeisterin von Berlin, und Elisabeth Selbert (1896-1986), auf die der Satz "Männer und Frauen sind gleichberechtigt" im Grundgesetz zurück geht.

Ohne gesellschaftliche Utopien gibt es keine Hoffnung auf Verbesserung der Verhältnisse und ohne Hoffnung kein politisches Engagement.

Mehr zum Thema:

SPD-Veranstaltung am 12. November 2008 zu 90 Jahre Frauenwahlrecht

Im Anhang: Broschüre der Arbeitsgemeinschaft Sozialdemokratischer Frauen 90 Jahre Frauenwahlrecht und 20 Jahre Quotenbeschluss der SPD als pdf zum download

Historisches Material zum 19.01.1919 im Archiv der Friedrich-Ebert-Stiftung




Der Autor Dr. Wolfgang Eichler ist stellvertretender SPD-Landesvorsitzender in Sachsen-Anhalt


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