Herr Vogel, Helmut Schmidt ist besonders bei Jüngeren sehr populär. In einer Forsa-Umfrage wurde er zum "coolsten Kerl" Deutschlands gewählt. Das ist die heutige Ausdrucksweise.
Wie erklären Sie sich dieses Phänomen?
Im Kern steckt darin schon ein bisschen Wahrheit. Ich würde es nur anders umschreiben: Helmut Schmidt ist sehr selbstbeherrscht, sehr diszipliniert, scharf in seinen Analysen, pointiert in
seinen Aussagen und beharrlich in seinen Positionen.
Können Sie ein Beispiel nennen?
Ich denke zunächst einmal an die Überwindung der beiden Ölpreiskrisen 1973/ 1974 und 1979/1980, an die Weiterführung der Brandtschen Ostpolitik und vor allen Dingen an das Zustandekommen
der Schlussakte von Helsinki.
Sie beziehen sich auf die KSZE-Konferenz 1975, als die Ost- und Westmächte Vereinbarungen über Grenzen, wirtschaftliche Zusammenarbeit und Menschenrechte unterzeichneten.
Genau. Zu den weiteren Leistungen Helmut Schmidts zählt, was er für den Fortgang der Einigung Europas getan hat. Man darf nie vergessen: Der Euro hat seine Wurzel in einer Initiative, die
er gemeinsam mit dem damaligen französischen Staatschef Valéry Giscard d'Estaing schon in den 70er Jahren ergriffen hat. Und schließlich die größte Leistung: die Auseinandersetzung mit den
RAF-Anschlägen im Herbst 1977.
Wo Helmut Schmidt insbesondere seine Beharrlichkeit zeigte.
Und ein hohes Maß an Selbstbeherrschung. Es war ihm vollständig klar, dass es bei seinen Entscheidungen um ganz konkrete Menschenleben ging. Zunächst um das von Hanns Martin Schleyer und
dann von über 90 Personen in der "Landshut".
Auf diese Situation konnte ein Politiker nicht vorbereitet sein.
Nein, für die Bundesrepublik des Jahres 1977 war das eine völlig neue Herausforderung. Es hatte schon Morde gegeben aber keine Geiselnahme. Ich schreibe es in erster Linie Helmut Schmidt
zu, dass diese Herausforderung bewältigt worden ist, ohne dass die rechtstaatlichen Prinzipien unseres Gemeinwesens verletzt worden wären.
Schmidt blieb bei der Haltung: "Die Bundesrepublik Deutschland ist nicht erpressbar."
Die Freilassung der gefangenen RAF-Terroristen kam nicht in Frage. Die Erfahrungen im Falle des entführten Politikers Peter Lorenz hatten gezeigt, dass die Freigepressten ihre mörderischen
Aktivitäten fortsetzen würden. Es ging um die Schutzfähigkeit des Staates gegenüber seinen Bürgern.
Eine sehr schwierige Situation für den Bundeskanzler.
Ja. Helmut Schmidt hat auch viel später noch gesagt, wie stark ihn das belastet und berührt hat.
Wenn wir uns dem Beginn seiner Regierungszeit zuwenden: Wie hat er das angepackt?
Es war ja kein regulärer Amtsantritt eines Bundeskanzlers. Willy Brandt war in Folge der Guillaume-Spionageaffäre zurückgetreten. Gleichzeitig machten Rezession und Wirtschaftskrise den
Bürgern zu schaffen.
Er hat ungefähr eine Woche in Anspruch genommen, um sein Programm zu konkretisieren und seine Personenauswahl abzuschließen. Dann hat er mit einer Regierungserklärung begonnen, die sehr
präzise war. Das Stichwort war Kontinuität und Konzentration. Er hatte die Dinge bereits vom ersten Tag an im Griff.
Er ist es sehr inhaltlich angegangen?
Ja - schon wegen seiner Sachkunde. Von Volkswirtschaft verstand er weiß Gott was, außerdem vom Verteidigungswesen, weil er zuvor Verteidigungsminister war. Dazu kam eine hamburgische Kühle
- die aber nicht verletzend war.
Seine Schlagfertigkeit wurde gleichermaßen kritisiert und geschätzt.
Er war ein begnadeter Parlamentsredner. Aber auch bei den Diskussionen im kleineren Kreis äußerte er sich präzise und mit überzeugenden Argumenten. Widerspruch hat er akzeptiert - wenn er
knapp formuliert war und die Gründe ihm einleuchteten. Weitschweifigen Betrachtungen war er nicht zugetan.
Wie beschreiben Sie seinen Führungsstil?
Sehr konzentriert. Helmut Schmidt hat auf Entscheidungen gedrängt. Willy Brandt wollte eher zusammenführen. Notfalls hat er eine Sache auch einmal vertagt und die Diskutanten beauftragt,
sich zu verständigen. Das war bei Schmidt seltener der Fall.
Es war für ihn sicher nicht leicht, einer so prägenden Figur wie Willy Brandt nachzufolgen?
Er war immer Helmut Schmidt. Es gibt die Meinung, er habe sich als leitender Angestellter der Bundesrepublik verstanden und sei einfach ein Pragmatiker gewesen. Da möchte ich ausdrücklich
widersprechen. Er hat sich bei vielen Gelegenheiten auf Philosophen bezogen. Auf Marc Aurel und Immanuel Kant oder auf Karl Popper, mit dem er auch in persönlichem Kontakt stand. Helmut Schmidt
war überzeugt, dass ein Kanzler ohne eine philosophisch-ethische Grundlage seine Arbeit nicht leisten kann.
Hans-Jochen Vogel war von 1987 bis 1991 SPD-Parteivorsitzender und von 1974 bis 1981 Justizminister unter Kanzler Helmut Schmidt.







