Nur 34 Prozent der westdeutschen und lediglich 19 Prozent der ostdeutschen Bürgerinnen und Bürger haben eine positive Meinung von der sozialen Marktwirtschaft. Liegt es am Konzept oder nur an der aktuellen Ausprägung, fragt die Hochschulprofessorin Gesine Schwan in einem aktuellen Beitrag in der " Financial Times Deutschland" (Dienstagausgabe). Ihre Antwort: Nach dem Globalisierungsschub der 80-er Jahre und den neoliberalen Reformen sei von dem einstigen deutschen Erfolgsmodell kaum noch was übrig geblieben.
Leiharbeiter als Opfer der Krise
So kauften sich Hedge-Fonds in Traditionsfirmen ein und würden diese unter einen bisher nicht gekannten Renditedruck setzen. Die Flucht der Arbeitgeber aus den Tarifverträgen und Arbeitgeberverbänden sei nicht zu stoppen, der Flächentarifvertrag sei auf dem Rückzug. Schwans weitere Bilanz: "Zugleich verlieren die Gewerkschaften an Organisationsmacht. Die Reallöhne stagnieren. Einige Unternehmen sehen in Billigarbeit eine Alternative zur hoch qualifizierten deutschen Facharbeit und heuern in großer Zahl Leiharbeiter als industrielle Reservearmee an - die ersten Opfer der jetzigen Krise."
Debatte über Wirtschaftsmodell führen
Für Schwan steht fest, dass ein bloßes "Weiter so" unter "falschen Etiketten neue Ungerechtigkeiten" produzieren werde. Die SPD-Kandidatin für das Bundespräsidentenamt fordert eine Diskussion
darüber, "was die Wurzeln unseres Wirtschafts- und Sozialmodells in der Vergangenheit ausgemacht hat, was wir davon bewahren wollen und wie wir uns für die Zukunft rüsten können." Der Staat sei
mehr als ein Reparaturbetrieb in Krisenzeiten. Wenn wir eine zukunftsgerichtete Debatte führen und uns am Ende darauf verständigen, auch diesen neuen Gesellschaftsvertrag als soziale
Marktwirtschaft zu bezeichnen, ist dies nur zu begrüßen.







