Artikel (Archiv) > Blick zurück im Zorn?

Hauptinhalt

Artikel (Archiv)

Übersicht

Icon   Novemberrevolution

Blick zurück im Zorn?

Helga Grebing • 09. November 2008

Foto: Dirk Bleicker
Foto: Dirk Bleicker

War sie nun fehlgeschlagen, stecken geblieben, unvollendet, gescheitert gar oder nicht doch wenigstens teilweise erfolgreich? Welche Kennzeichnung man wählt, hängt von den Erfolgsvorstellungen ab, die man mit der Revolution verbindet, zeitgleich oder im Blick zurück zumeist im Zorn. Hätte sie vielleicht eine Revolution nach dem Modell der Oktoberrevolution der Bolschewiki werden sollen, oder sollte sie eine mit imperativem Mandat ausgestattete Räteherrschaft hervorbringen oder eine soziale Republik begründen, die die Formen der repräsentativen Demokratie verknüpfte mit sozialstaatlichen Elementen und erweiterten politischen Beteiligungsrechten der aktiven Bürger an der politischen Willensbildung oder hätte sie besser gar nicht stattfinden sollen; denn hätte es nicht einen sanften Übergang von der Monarchie in ein parlamentarisch-repräsentatives Regierungsmodell geben können, in dem auch ein Kaiser Platz gehabt hätte?

Von der Mehrheit abgelehnt

Die Revolution begann relativ gewaltlos, wenn auch hoch aufgeladen mit der Bereitschaft der Soldaten- und Arbeitermassen, darunter viele Frauen und Jugendliche, die entmündigende Herrschaft von Kaiser, Adel und konservativem Bürgertum zu beenden, zumal das alte Regime ziemlich hilflos und inkompetent auf Niederlagen an der Front und Notstände in der Heimat reagierte. Aber warum dann die Eile, mit der die Sozialdemokraten unter der Führung von Friedrich Ebert die revolutionäre Massenbewegung in einen legalen Volksstaat einmünden lassen wollten? Das hatte seine Gründe: Die Revolution wurde nämlich von der Mehrheit der deutschen Bevölkerung abgelehnt: von Adel, Militär, konservativ nationalistischen Bürgertum, kapitalistischen Großunternehmern, gewerblichen Mittelstand, Bauern und von den Kirchen. Sie alle verziehen der Revolution nicht die Beseitigung der Monarchie und die Absicht, eine freiheitlich-demokratische Republik zu errichten.

Aber auch die Linksradikalen in der Arbeiterbewegung wollten diese Revolution nicht, hielten sie für gescheitert und bekämpften sie, weil sie nicht einen Umbruch der kapitalistischen gesellschaftlichen Strukturen auslöste. Die Vorwürfe der radikalen Linken, dies verhindert zu haben, trafen in erster Linie die Mehrheitssozialdemokraten. Und möglicherweise hätte ja die Nutzung der revolutionären Legitimation, die der von ihnen geführte Rat der Volksbeauftragten besaß, zumindest einige Fakten schaffen können, um die Jahrhunderte lang bestehenden Herrschaftsstrukturen in Verwaltung, Wirtschaft, Justiz, Militär, Schule und Universitäten grundsätzlich zu korrigieren.

Im Nachhinein können die Historiker weitgehend einhellig feststellen, welche, wenn auch insgesamt geringen Spielräume zur Erweiterung der politischen Willensbildung und zur demokratischen Strukturierung der gesellschaftlichen Verhältnisse bestanden haben und nicht genutzt wurden. Faktisch ist davon wenig belegbar, aber manches vermutbar. Welche Folgen solche Versuche gehabt hätten, können wir nicht wissen, aber ahnen: vielleicht wäre ja die konservative Gegenrevolution womöglich noch früher und noch rabiater erfolgreich tätig geworden, wie dann seit Januar 1919, als sich die Revolution radikalisierte und in einen bürgerkriegsnahen Aktionismus abrutschte und Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht von der Konterrevolution ermordet wurden.

Chaotischer Putschismus

Dabei führten beide nur eine lautstarke Minderheit an, eine radikale Linke verschiedener Richtungen, die keine in sich stimmige konkrete Perspektive zu bieten hatte; was sie allerdings bot, waren gefährliche Fehleinschätzungen. Auf der Reichskonferenz der Arbeiter- und Soldatenräte im Dezember 1918 stellten die Linksradikalen von 498 Delegierten gerade zwanzig, MSPD dagegen 291 und USPD 80. Nach der Ermordung der beiden Führer versank die Ende 1918 gegründete KPD erst einmal in einen chaotischen Putschismus.

War also die Revolution nicht doch gescheitert? Nein, sie ist nicht gescheitert! Um dies zu begründen, sei zunächst auf Überlegungen verwiesen, die zwei sozialdemokratische Autoren vertreten haben: Peter von Oertzen hielt die Errichtung einer "sozialen Demokratie" auf der Grundlage veränderter gesellschaftlicher Herrschaftsverhältnisse für möglich. Richard Löwenthal bezweifelte dies; er hielt Revolutionen in hoch entwickelten und hoch organisierten industriellen Gesellschaften für nicht durchführbar: die Sorge um die technisch-organisatorische Kontinuität der Ordnung des täglichen Lebens verhindere sie. Insofern kann man sagen, dass 1918 zwei Seelen in der proletarischen Brust der Revolutionäre miteinander stritten: Chaos verhindern bzw. beseitigen und gleichzeitig die gesellschaftlichen Machtverhältnisse durch einen revolutionären Feuersturm verändern. Das aber musste die Kontinuität der Lebensordnung gefährden.

Unter diesen Gesichtspunkten ist Bilanz zu ziehen. Die Hauptverdienste der Sozialdemokratie waren: Kein Zerfall des Reiches, kein Bürgerkrieg, keine konservative Diktatur, sondern eine demokratische Republik, die erste auf deutschem Boden. In der Konsequenz dieser Entscheidung lag die Integration der liberal-bürgerlichen Kräfte sowie des katholischen Zentrums und der katholischen Arbeiterschaft, aber auch von Teilen der eher konservativ-nationalen christlichen Gewerkschaften. Nach der Staatslehre beider Kirchen konnte man keiner Revolution zustimmen, wohl aber, wenn sie stattgefunden hatte, sich auf den Boden der Tatsachen stellen. Integriert ins republikanische Lager wurden auch die freien Gewerkschaften, die noch in den ersten Tagen der Revolution im Alleingang mit den Unternehmern in eine Arbeitsgemeinschaft eingetreten waren. Dies alles ergab - unter Ausschluss der Kommunisten - eine Art Einheit der Arbeiterbewegung, die dann in der Republik fortgeführt wurde.

Vorbildliche Verfassung

Die erste deutsche Republik erhielt die seinerzeit modernste demokratische Verfassung und in ihr einen Grundrechtsteil, der als vorbildlich gelten konnte. Bereits die Verordnungen des Rates der Volksbeauftragten im November 1918 hatte das allgemeine Wahlrecht für Männer und Frauen dekretiert und die Aufhebung aller Gesindeordnungen in Deutschland angeordnet; die Arbeitsgemeinschaft zwischen Gewerkschaften und Unternehmern hatte als Normalarbeitstag acht Stunden vereinbart, und nun fügte die am 11. August 1919 verabschiedete Verfassung die Unverletzlichkeit der Freiheit der Person, die Versammlungsfreiheit, die Religionsfreiheit, die Trennung von Staat und Kirche und die Gleichstellung der unehelichen Kinder hinzu; Artikel 165 sah außerdem die Errichtung von Arbeiterräten vom Betrieb bis zur Reichsebene vor.

Noch immer hält sich die Behauptung, die SPD sei zur Begründung eines nachrevolutionären republikanischen sozialen Rechtsstaates nicht wirklich vorbereitet gewesen. Sie habe nur Kompetenz für Sozialpolitik und Wahlkämpfe besessen und sei ohne Kenntnis des Regierungshandelns gewesen. Dagegen ist einzuwenden: Zwar gab es keine Theorie oder Strategie für die Machtübernahme in der Revolution, die man bekanntlich nicht machte, die aber aufgrund der Entwicklung des Kapitalismus naturnotwendig kommen würde. Aber die Sozialdemokraten besaßen ein weites Feld von Erfahrungen in vielen Bereichen der Politik, selbst der Militärpolitik. Und sie hatte in ihren Reihen bedeutende und international bekannte Juristen wie Hugo Sinzheimer, den Vater des modernen Arbeitsrechtes, und Gustav Radbruch, der später mehrfach Reichsjustizminister wurde. Vermissen muss man allerdings einen wesentlichen Faktor für politischen Erfolg: das politische Machtbewusstsein fehlte den Sozialdemokraten damals zwar nicht ganz, galt aber eher als notweniges Übel.

Beginn des modernen Sozialstaats

Darüber sollte man nicht vergessen, dass das, was damals, ausgehend von den revolutionären Ereignissen im November 1918 von den Sozialdemokraten, vor allem von ihnen, geschaffen wurde, mit Fug und Recht als Begründung des modernen Sozialstaats bezeichnet werden kann. Es sollte auch nicht vergessen werden, dass in der frischen Luft der freien Republik ein Aufblühen der demokratischen Arbeiterbewegung erfolgen konnte und eine Entwicklung in gang gesetzt wurde, die zu einer Demokratisierung der Gesellschaft wesentlich beitrug. Die Sozialdemokratie galten nun nicht mehr als eine Ansammlung von verfemten Vaterlandsverrätern in einer Klassengesellschaft, sondern waren die Träger einer Demokratisierung hin zu einer offenen Gesellschaft.

Dass die aus der Revolution 1918/19 hervorgegangene erste deutsche Republik mit der Übergabe der politischen Macht an diejenigen endete, die dann eine nationalsozialistische terroristische Diktatur errichteten, darf selbstverständlich nicht verschwiegen werden; aber zwischen der Geburt der Republik und diesem Ende geschah so manches, an das wir nach 1945 wieder anknüpfen konnten: an die Tradition des sozialen Rechtsstaates sozialdemokratischer Prägung. Und ohne die revolutionären Akte der demokratischen Arbeiterbewegung am 9. November 1918 und in den folgenden Wochen und Monaten hätte es den epochalen Wechsel von der autoritären Monarchie zur demokratischen Republik nicht gegeben und die Anfänge des modernen sozialen Rechtsstaatesauch nicht.



Inhalt rechte Spalte

 

Hauptinhalt 2

Buchtipp

Econ Verlag

Icon Rezension; Rudolf Hickel: „Zerschlagt die Banken"

„Zerschlagt die Banken"

Icon Rezension; Hans-Christian Jasch: „Staatssekretär Wilhelm Stuckart und die Judenpolitik"

Massenmord, geplant von Beamten

Icon Kathrin Hartmann: "Wir müssen leider draußen bleiben"

Von der Politik über den Tisch gezogen

Icon Rezension; Alexander Dill: „Gemeinsam sind wir reich"

Mehr Sozialkapital

Interview

Eren Güvercin

Icon Eren Güvercin im Interview

„Ich habe nie ein Identitätsproblem gehabt“

Icon Interview mit Frank Mentrup

Lust auf den Wechsel

Icon Interview mit dem Deutsch-Iraner Omid Pouryousefi

"Viele haben die Nase voll"

Icon Interview mit Katja Kullmann

„Dann ist da diese andere europäische, große Idee, die wir Sozialdemokratie nennen“

Veranstaltung

vorwärts-Fest in Bayern

Icon vorwärts-Fest

„Der Wandel in Bayern hat angefangen!“

Icon Buchvorstellung

Naziverbrecher ohne Reue

Icon Fotoausstellung im Willy-Brandt-Haus

Das kulturelle Gesicht Afghanistans

Icon Bildungspolitik

Gleiche Chancen für alle?

Kolumne

Icon Willst du mit mit (wählen) gehen?

Das Allerletzte von Martin Kaysh

Icon Notiert von Uwe Knüpfer

Berliner Tagebuch

Icon Abzug aus Afghanistan

Global gedacht von Rafael Seligmann

Icon Notiert von Uwe Knüpfer

Berliner Tagebuch

Filmtipp

 „Genug der Farce“, sagt sich Monsieur Demanet.

Icon Film der Woche: Kill me please

Selbstmord inklusive

Icon Film der Woche: Die Vermissten

Mit dem Rücken zum Nichts

Icon Film der Woche: Medianeras

Wir sind die Stadt

Icon Film der Woche: Ufo In Her Eyes

„Ein ideologischer Schrottplatz“