Nach dem ersten Kaffee um 9 Uhr früh werde ich dann circa 12 Stunden durch die Stadt fahren und bei Wählern, die wir als Obama-Unterstützer identifiziert haben, an die Tür klopfen und sie zum Wahlgang überreden.
Über Handy werde ich darüber informiert, wer aus meiner Wähler-Zielgruppe noch nicht im Wahllokal war. Wenn die Wahllokale gegen 20 Uhr Ortszeit schließen, stehen noch drei Stunden
Telefon-Anrufe an. Wir rufen die unentschlossen Wähler in den anderen östlicheren Zeitzonen an, bis dann um 23 Uhr auch die letzten Wahllokale an der Westküste geschlossen haben und nach
und nach die ersten Wahlprognosen eintrudeln.
Wahlkampf der Superlative
Dann ist eine gigantische Wahlkampagne vorbei, die Amerika von Grund auf verändert hat, nicht zuletzt die Art der Kampagnenführung. 650 Millionen US-Dollar Spendenaufkommen, meist über das
Internet und in kleinen Mengen, durchschnittlich 86 US-Dollar pro Spende. Wer Obama 20 Dollar spendet, erhält innerhalb von 10 Minuten eine Email mit den Kontaktdaten eines weiteren Spenders, der
die 20 Dollar "gematched" hat, also gleichviel gespendet hat. Obama verlinkt seine Unterstützer in Ohio, Kalifornien, New Jersey und Texas untereinander, und motiviert sie so zu immer weiteren
Spendenrekorden.
Mit dem Geld konnte eine Medienschlacht geführt werden wie noch nie zuvor in der Geschichte der modernen Demokratie. Der Höhepunkt war die 30minütige Obama-Sendung letzten Donnerstag, die
auf allen großen Fernseh-Kanälen der USA unmittelbar vor dem Baseball-Finale lief und
mit mehr als 20 Millionen Zuschauer für eine politische Sendung eine riesige Resonanz hatte, die nur von den den Debatten zwischen McCain und Obama übertroffen wurden.
Ein Herr von Freiwilligen
Der entscheidende Vorteil von Obama aber war das "Ground-Game", der Wahlkampf vor Ort. Mehr als 20.000 bezahlte Mitarbeiter, meistens Studenten, und mehr als eine Million Freiwillige
Unterstützer,
arbeiteten für Obama seit seiner Nominierung im Sommer. Allein in New Hampshire, einem wahlentscheidenen Swing-State, waren in den letzten Wochen ca. 6000 Freiwillige aus anderen
Bundesstaaten angereist, um den Wahlkampf hier vor Ort zu unterstützen.
Das Herr der Freiwilligen brauchte seit dem Auftakt des Präsidentschaftswahlkampfs nach der Nominierung 3 Wochen, um 2 Millionen neue Wähler für Obama zu gewinnen. Die nächsten 2 Millionen
neuen Wähler waren in nur einer Woche gewonnen. Seit Anfang September hat die Obama-Kampagne pro Woche 2.5 Millionen Wähler erreichen können, vor allem in persönlichen Gesprächen am Telefon
oder an der Tür. Obamas Erfolg liegt darin, dass er es geschafft hat, dass die Amerikaner wieder miteinander über Politik sprechen, von Nachbar zu Nachbar.
Die Wähler-Landkarte in den USA hat sich dadurch drastisch verändert. In North Carolina, einem stark republikanisch geprägten Staat im Süden der USA, hat das Obama-Team einen Vorsprung von
einer halben Million Briefwahl-Stimmen vor McCain bei den Briefwahlstimmen, in Florida sogar mehr als 7, 5 Millionen Briefwahlstimmen. Für viele Schwarze in den Südstaaten ist diese Wahl die
erste, in den ihre Stimmen wirklich zählen könnten, weil sie entscheidend das Wahlergebnis verändern
könnten.
Entscheidung im Internet
Mehrere Senatoren der Republikaner aus traditionell republikanisch wählenden Staaten haben große Probleme, wiedergewählt zu werden. Republikanische Urgesteine wie der Alaska-Senator Ted
Stevens werden wahrscheinlich abgewählt. Selbst in Arizona, dem Wohnsitz von McCain, schwankt die scheinbar sichergeglaubte Mehrheit für die Republikaner. Die Demokraten werden wahrscheinlich
fast 60 Sitze im Senat erringen und auch ihre Mehrheit im Abgeordnetenhaus ausbauen. Damit könnte
Obama zumindest für zwei Jahre, bis zur nächsten Wahl des Abgeordnetenhauses, auf stabile Mehrheiten für den Politikwandel setzen.
Das Geheimnis von Obama war, dass er verstanden hat, wie ein Wahlkampf im Web 2.0 funktioniert. Profile bei Facebook, Myspace, Youtube und anderen Social Networks sammeln den Datenverkehr
und lenken ihn zu
my.barackobama.com um. Dort kann sich jeder Besucher ein Profil machen, sich mit anderen Vernetzen, oder Blog-Artikel schreiben. Man kann sich auch über
Obama und Biden informieren, aber man kann auch selbst aktiv werden und auf die Lügenkampagnen reagieren, die im
Wahlkampf massiv zugenommen hatten.
Jeder Benutzer der Webseite kann selber andere Wähler kontaktieren. Dafür erhält er ein paar Bonus-Punkte, aber das Obama-Team erhält darüber sehr genaue Informationen, welche Funktionen
die Obama-Fans am stärksten nutzen und wie sie angespornt werden können, noch mehr zu tun.
Viel wichtiger ist aber noch eine zweite Datenbank, die in den Kampagnenbüros vor Ort verwendet wird: Votebuilder! Diese Datenbank enthält nicht nur die Adressdaten der meisten Wähler,
sondern auch deren bisherige Wahlentscheidungen. Zusammen mit anderen demographischen Merkmalen kann man so die Wahlkampagnen genau auf die einzelnen Wähler zuschneiden. Die Arbeit der
Mitarbeiter und Unterstützer wird effizienter, weil sie möglichst nur die Wähler ansprechen, die noch unentschlossen sind oder schon Richtung Obama tendieren.
Selbst Bill Clinton, der am Sonntag in Rochester war, mußte zugeben, dass Obama mit Hilfe des Internets den Wahlkampf revolutioniert hat. Wer so eine Kampagne durchführt, der schafft es
auch, ein Land grundlegend zu verändern, so Clinton.
Noch vier Stunden, dann geht es los. 30.000 Wähler in Rochester, New Hampshire, sind meine Zielgruppe. 2004 hat John Kerry hier nur mit 14 Stimmen Vorsprung gewonnen. 2000 hatte Al Gore
gegen Bush in New Hampshire mit wenigen Stimmen Hundert Stimmen verloren Jede Stimme
zählt. Jeder Obama-Unterstützer muss motiviert werden, zur Wahlurne zu gehen. Noch ca 24 Stunden, dann wird hoffentlich das historische Ereignis eintreten, dass Obama der erste schwarze
Präsident der USA wird. Der Präsident des Web 2.0-Wahlkampfs ist er schon jetzt.
Für mich war das eine tolle Zeit. Ich konnte Barack Obama, Joe Biden, Hillary und Bill Clinton, und sogar Sarah Palin live erleben. Ich hab viele hochmotivierte und spannende Leute in den
USA kennengelernt. Ich hab einen Blick hinter die Kulissen der Obama-Kampagne werfen können
und hab verstanden, wie der Wahlerfolg hart erarbeitet worden ist. Ich hoffe, ich kann diese ganzen wertvollen Erfahrungen in der einen oder anderen Form weitergeben, aber wie, das muß ich
mir nach meiner Rückkehr genau überlegen.
Noch drei Stunden, dann geht es los...
Karsten Wenzlaff arbeitet derzeit im Wahlkampfteam von Barack Obama.







