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Hässliche neue Arbeitswelt

Kai Doering • 09. October 2008

Angie und die Freiwilligen, Foto: Neue Visionen Filmverleih
Angie und die Freiwilligen, Foto: Neue Visionen Filmverleih

Angie ist schlagfertig und steht mitten im Leben. Als sie ihren Arbeitsplatz als Personalvermittlerin verliert, gründet sie gemeinsam mit ihrer Freundin Rose in London eine eigene Agentur. Sie spezialisieren sich auf die Vermittlung von Gastarbeitern aus Osteuropa. Das Geschäft läuft gut an, doch der Erfolg macht hungrig und Angie ist bereit, dafür einiges auf Spiel zu setzen. Als eines Tages ein Unternehmen bankrott geht, muss sie ihren aufgebrachten Arbeitern Rede und Antwort stehen. Steine fliegen und Angie wird verletzt. Mit dem Rücken zur Wand, entschließt sich Angie, alles auf eine Karte zu setzen.

In gut 90 Minuten gewährt Ken Loach einen Einblick in die raue Welt der Zeitarbeit. Regeln gibt es so gut wie keine und wenn doch, dann sind sie nur dazu da, überschritten zu werden. Arbeit ist billig und die Menschen jagen wie Bittsteller einer Beschäftigung nach - vollständig ausgerichtet auf die Bedürfnisse der Unternehmer. Alles, was zählt, ist der Profit.

Wandlung in 60 Minuten

In diesem Kosmos der Grausamkeiten steht die taffe und attraktive Angie zunächst als Fels in der Brandung. Sie arbeitet zwar von Anfang an für eine Vermittlungsagentur, bleibt dabei jedoch sympathisch. In der folgenden Stunde erlebt der Zuschauer jedoch, wie die Geschäftspraktiken der Unternehmer sie Stück für Stück verändern, bis sie letztendlich sogar dazu bereit ist, diejenigen ans Messer zu liefern, die sie zuvor noch geschützt hat. Exemplarisch durchlebt die junge Unternehmerin die Veränderungen der Arbeitskultur unter dem Druck der Globalisierung. Wer da standhaft bleibt, ist selber schuld.

Als Korrektiv wirkt ihre Freundin Rose. Zuerst unwillig, steigert sich auch bei ihr die Lust an Gewinn und schnellem Geld. Den entscheidenden Schritt wagt sie allerdings nicht mitzugehen und der Skrupellosigkeit von Angie anheim zu fallen. Ihr Charakter jedoch steht hinter dem der Hauptperson deutlich zurück, was auch an Darstellerin Juliet Ellis liegen mag. Sie entfaltet zu keiner Zeit die Authentizität von Kierston Wareing als Angie, der man die skrupellose Unternehmerin zu jedem Zeitpunkt abnimmt.

Täter als Opfer

Letztlich jedoch sind beide Frauen selbst nur Opfer, auch wenn sie eine Täterrolle spielen. Hintergründig ist es die moderne Arbeitswelt, in der menschliches Arbeiten über seine Auswechselbarkeit definiert ist und in der Mitleid und Einfühlung hinter knallharte Geschäftsinteressen zurücktreten.

Ken Loach beschreibt diese massiven Transformationen der Arbeitskultur und ihre Auswirkungen auf die menschliche Identität anschaulich und beispielhaft. London könnte ebenso gut Berlin sein, ein bisschen Angie steckt in jedem von uns. Er habe sich die Haltung und die Denkweisen der Menschen anschauen wollen, die für das Ausbeuten zuständig sind, hat der Regisseur in einem Interview gesagt. Auch über seine Hauptfigur hat er darin eine Bemerkung gemacht, die nachdenklich stimmt: "In ein paar Jahren könnte sie die Geschäftsfrau des Jahres sein."

It's a free world, Spielfilm, Englisch mit UT, Regie: Ken Loach, UK, Italien, Deutschland, Spanien, Polen 2007, 92 min, Kinostart: 27. November 2008

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