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Ein Stück Genugtuung

Barbara Hendricks • 11. September 2008

Foto: Dirk Bleicker
Foto: Dirk Bleicker

Lieber Hans-Jochen Vogel, lieber Guido Schmitz, liebe Genossinnen und Genossen, liebe Gäste, Zu Beginn des 19. Jahrhunderts war das Grundstück Stresemannstraße 30 noch unbebaut. Es gehörte als Garten zur Plamannschen Erziehungsanstalt in der Wilhelmstraße 139. Der prominenteste Schüler der Erziehungsanstalt war von 1822 bis 1827 der spätere Reichskanzler Otto von Bismarck. Es ist eine Bestätigung unserer Geschichte, dass dort, wo der Erfinder des Sozialistengesetzes zur Schule gegangen ist, heute ein Haus der Sozialdemokratie steht. 1805 hatte der Pädagoge Johann Ernst Plamann hier die staatlich geförderte "Pestalozzische Knabenschule" gegründet. Zu ihren Lehrern gehörten so bedeutende Reformpädagogen wie Christian Wilhelm Harnisch, Karl Friedrich Friesen, Friedrich Ludwig Jahn und Ernst Wilhelm Eiselen. Vorwiegend Söhne hoher preußischer Beamter wurden nach den Methoden Pestalozzis, verbunden mit Turnen und körperlicher Abhärtung bis zur Tertia-Reife des Gymnasiums unterrichtet. Die berühmten Lehrer arbeiteten nicht mehr am Institut, als ihr prominentester Schüler von 1822-1827 die Schule besuchte. Biedere Deutschtümelei und Drill waren an die Stelle des humanen Geistes getreten. Es ist ein Stück Genugtuung, ein Stück Gerechtigkeit, dass dieses 1878 errichtete Haus Stresemannstraße 30 heute nach Paul Singer benannt wird, der unter Berufung auf die Sozialistengesetze am 29. Juni 1886 aus Berlin ausgewiesen wurde. Geschichte des Hauses 1878 ließ der Rentier Friedrich August Herold das heutige Haus an der damaligen Königgrätzer Straße als Wohnhaus bestehend aus dem Vorderhaus, zwei Seitenflügeln und einem Rückgebäude mit Pferdestall und Remise bauen. Die Straßenfassade des Vorderhauses war mit prächtigem Stuck und einem Ziergiebel versehen. 1937 erlitt das in Kubatur und Gestalt großbürgerliche Wohnhaus das Schicksal vieler Berliner Häuser mit einer prächtigen Stuckfassade. Im Zuge eines staatlich geförderten Programms entfernte man den "hässlichen Aufsatz und die überflüssigen Ornamente". Der architektonische Zeitgeist nahm dem Gebäude damit unwiederbringlich sein Gesicht. Nur auf der Rückfassade des Vorderhauses konnte ein Tondo mit der Abbildung des germanischen Donnergottes durch uns bei der Sanierung des Hauses wieder sichtbar gemacht werden. Mieter des Hauses waren preußische Beamte und Offiziere sowie Kaufleute. Später nutzte ein Tischler für viele Jahre das Souterrain des Vorderhauses als Werkstatt. 1965 mietete die Telefunken AG einen Teil des 3. Obergeschosses und richtete dort ein Wohnheim für ausländische Arbeitnehmerinnen ein. Ein Jahr später erhielt die Firma die Genehmigung auch das 1. und 2. Obergeschoss als Wohnheim für insgesamt 193 Gastarbeiterinnen auszubauen. 1973 ging das Haus dann in das Eigentum des Landes Berlin über. Es musste sehr schnell gehen, nachdem wir im Dezember 1998 der Konzentration GmbH den Auftrag erteilten, Grundstück und Haus Stresemannstraße 30 zu erwerben. Vor Klaus Uwe Benneter wurde am 30. Dezember der Kaufvertrag über das fast leer stehende Haus unmittelbar neben dem Willy-Brandt-Haus geschlossen. Innerhalb von nur acht Monaten musste das Haus für die gewünschte extensive Nutzung umgebaut, saniert und modernisiert werden. Die Umwidmung des Hauses verlangte zudem eine Baugenehmigung. Unter Leitung von Christoph Lehmann wurde im Willy-Brandt-Haus eine Projekt- und Planungsgruppe eingerichtet. Die Architekten Armin Sgodda, Eckhard Günzel und Manfred Sitte mussten mit den Ingenieuren der HL Technik AG um Peter Poon und den Mitarbeitern der Konzentration zuletzt im Zwei-Schicht-Betrieb arbeiten. In der Nacht wurde geplant, am Tag wurden Vergabeverhandlungen geführt, Bauverträge geschlossen, vor allem wurden die Bauarbeiter angeleitet - Details mussten in der Kürze der Zeit am Bau entschieden werden - und die Bauarbeiten kontrolliert. In den Hof des Objektes musste ein neuer lichtdurchfluteter Baukörper für das "Politische Archiv der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands" eingestellt werden um Platz für seine umfangreichen Sammlungen zu schaffen. Dieser Neubau zeichnet sich durch große Sachlichkeit und seine Bescheidenheit gegenüber der historischen Bausubstanz aus. Vor allem musste das Hinterhaus vollständig entkernt und neu aufgebaut werden. Die alten Holz-Balken-Decken waren aus Kriegszeiten beschädigt und hätten die neuen Lasten nicht tragen können. Ca. 3 Mio. Euro Baukosten wurden in nicht einmal fünf Monaten Bauzeit aufgewandt, im Monat durchschnittlich 600.000 Euro. Eine enorme Leistung der Beteiligten. Entstanden sind 1.600 m², die nach den Wünschen der Mieter aus- und umgebaut, vor allem gestaltet wurden. Heute ist das Haus unter anderem Sitz der Office Consult GmbH, unserer Verlage und des SPD-Reiseservice. Vor allem aber arbeitet im ersten Obergeschoss des Hauses die Berliner Vorwärts Verlagsgesellschaft mbH. Vor 124 Jahren finanzierte Paul Singer das "Berliner Volksblatt". Die Zeitung hatte den Untertitel "Organ für die Interessen der Arbeiter". Nach dem Auslaufen des Sozialistengesetzes 1891 war das Berliner Volksblatt Grundlage für die Wiedergründung unseres Vorwärts. Welches Haus in Berlin wäre besser geeignet, an Paul Singer zu erinnern und ihn zu ehren? Aus Anlass der heutigen Namensgebung haben wir im Treppenhaus des Vorderhauses mit zahlreichen Dokumenten und Bildern die Geschichte des vorwärts nachgebildet. Ich finde, es ist eine beeindruckende Geschichte, die hier gezeigt wird und in der sich die Geschichte unseres Landes spiegelt. Ich freue mich sehr, dass du, lieber Hans-Jochen Vogel, uns nun von dem Leben und Wirken eines deiner Vorgänger im Amt des Vorsitzenden unserer Partei erzählen wirst. Zuvor aber wollen wir noch ein Musikstück von Karsten Troyke hören.

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