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Bei Bollmann zum Bier

05. January 2006

August Bebel, Wilhelm Liebknecht und Friedrich Ebert
August Bebel, Wilhelm Liebknecht und Friedrich Ebert

Ein kleines Haus in der Bakenstraße 63 in Halberstadt (Sachsen-Anhalt) schrieb SPD-Geschichte. Im Jahr 1862 entstand in Bollmanns Gaststätte der erste Arbeiterbildungsverein Halberstadts, ein Jahr später gründete dessen Initiator August Heine wieder in diesem Lokal die Halberstädter Ortsgruppe des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins, des Vorläufers der heutigen Gewerkschaften. Im September 1871 wurde hier schließlich die SPD-Ortsgruppe Halberstadt ins Leben gerufen. Prominente Gäste besuchten Bollmanns Gaststätte in den Gründerjahren der Partei: Paul Hasenclever, Paul Singer, August Bebel, Wilhelm Liebknecht und Friedrich Ebert.

Obdach während der Sozialistengesetze

Als die Sozialdemokraten auf Grund der Bismarckschen Sozialistengesetze verfolgt wurden, gab ihnen Wirtin Johanna Bollmann Obdach und ermöglichte der noch jungen Partei halbwegs geschützte Versammlungen. Ihrer Schwiegertochter Minna Bollmann, die das Lokal später weiterführte, genügte es nicht, hinter der Theke zu stehen und Gläser zu spülen. Sie war eine engagierte Frauenrechtlerin, saß sowohl im Halberstädter Stadtrat als auch im Preußischen Landtag. Neben zahlreichen Fotos erinnern auch Wahlkampfplakate im Restaurant an diese Zeit.

Minna Bollmann führte das Lokal auch nach der Machtergreifung der Nazis fort. Stets unter den misstrauischen Augen von Blockwarten und Polizisten. Auf Grund von Denunziationen wurde das Lokal 1935 vorübergehend geschlossen. Ihrer unmittelbar bevorstehenden Verhaftung entzog sich Minna Bollmann auf dem Dachboden des Hauses durch den Freitod.

Verhaftet wegen "Sozialdemokratismus"

Nach Aufhebung der Schließungsverfügung führte ihr Sohn Otto das Gasthaus fort, bis auch er 1936 verhaftet, zu sechseinhalb Jahren Zuchthaus und sechs Jahren Konzentrationslager verurteilt wurde.

Er überlebte beides und gehörte im Juni 1945 zu den Wiederbegründern der SPD. Da er glaubte, nur in einer linken Einheitspartei ein Wiedererstarken des Faschismus verhindern zu können, ging er in die SED. Das Gasthaus überschrieb er der Konsumgenossenschaft. Fortan war er Angestellter im einstigen Familienbesitz. Seine politische Einstellung erwies sich als folgenschwerer Fehler. Otto Bollmann fiel schon der ersten großen Säuberungswelle der SED gegen den "Sozialdemokratismus" in den eigenen Reihen zum Opfer und nahm sich 1950 in kommunistischer Haft das Leben.

Unter Bewirtschaftung der Konsumgenossenschaft kam das Haus zunehmend herunter. Noch lange vor der Wende wurde es wegen Einsturzgefahr geschlossen. Es waren Sozialdemokraten und Gewerkschafter aus Halberstadts Partnerstadt Wolfsburg, die das Haus nach der Wende liebevoll sanierten und Bollmanns Gaststätte wieder eröffneten. Eine Messingtafel an der Fassade des Hauses erinnert an die Geschichte des Hauses. Ehrensache, dass sich Halberstadts Sozialdemokraten auch heute wieder in Bollmanns Gaststätte treffen.

Von Eberhard Löblich

Quelle: vorwärts 5/2003

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