Traurig sind die Geschichten alle. Kinder die ihr ganzes Leben noch vor sich hatten, die heute alt sein und auf ein mit Erinnerungen angefülltes Leben zurückblicken sollten, traten
unfreiwillig ihre letzte Reise an. Die fast immer in ein Konzentrationslager führte und damit den Tod bedeutete. Das Schicksal der Schwestern Silvi und Hanni Steinbock aus Köln geht Hans-Rüdiger
Minow besonders nahe. Während viele andere Juden lange glaubten, sie hätten in Deutschland zwar Einschränkungen zu ertragen, seien im Grunde aber doch sicher, ahnten die Eltern der
Steinbock-Mädchen wohl etwas. Jedenfalls schickten sie ihre Töchter in ein Waisenhaus nach Holland. Wie schwer muss es ihnen gefallen sein, die eigenen Kinder in die Fremde zu schicken. Nur die
Überzeugung, dass es ihnen dort besser gehen, dass sie fern der Nazi-Diktatur eine Zukunft haben würden, wird die Eltern zu diesem Schritt bewogen haben. Sie täuschten sich.
Zwei Jahre später, im Mai 1940, besetzten Hitlers Truppen die Niederlande. Nun waren Juden auch dort nicht mehr sicher. Die Schwestern wurden zunächst im Durchgangslager Westerbork gefangen
gehalten und dann per Bahn in das polnische Vernichtungslager Sobibor gebracht. "Dieser Zug", sagt Minow, "fuhr durch Köln." Er stellt sich vor, wie es für die Mädchen gewesen sein muss.
Vielleicht fuhr der Zug langsamer im Stadtgebiet. Vielleicht sahen die Kinder durch die Ritzen der verschlagartigen Waggons Straßenzüge ihrer Heimatstadt.
Fragten sich, wo ihre Eltern sich in diesem Moment befänden. Eine bis heute erhaltene Deportationsakte bestätigt den "Empfang" von Hanni Steinbock in Sobibor. "Das ist gleichzusetzen mit
ihrem Tod", so Minow. Und weiter: "Es sind Ausnahmefälle, in denen Kinder nicht sofort bei ihrer Ankunft getötet wurden. Sie waren nutzlos für die SS, weil sie nicht schwer arbeiten konnten." Von
ihrer Schwester Silvi fehlt bis heute jede Spur. Vielleicht gelingt es aber doch noch, Jahrzehnte später, ihr Schicksal aufzuklären. Minow und zahlreiche Mitstreiter versuchen es.
Jeder kann sich an der Spurensuche beteiligen
Der Publizist und Fernsehautor ist Vorstandsvorsitzender des Vereins "Zug der Erinnerung", den Bürgerinitiativen in ganz Deutschland im Frühjahr dieses Jahres gegründet haben, um an Schicksale
wie die der Kölner Schwestern zu erinnern. Am 8. November startet der Zug in Frankfurt am Main zu einer 3000 Kilometer langen Reise durch die Bundesrepublik. 20 bis 40 Bahnhöfe wird er anfahren
und dort jeweils einige Tage verweilen. Ausstellungsräume sind zwei eigens umgebaute Waggons. Sie dokumentieren das System der Deportationen, enthalten Informationen über die schätzungsweise 1,5
Millionen Kinder, die auf dem Schienenweg in Vernichtungslager gebracht wurden. Die Mehrzahl gehörte jüdischen Familien an. Unter den Opfern waren aber auch Sinti und Roma sowie die Kinder von
Kommunisten, Sozialdemokraten und anderen politischen Gegnern. 12 000 von ihnen lebten in Deutschland, die anderen in besetzten europäischen Staaten.
Ein wissenschaftlicher Beirat aus Universitätsprofessoren hat diese allgemeinen Informationen zu den Deportationen zusammen getragen. Zusätzlich forschen aber in allen Städten, in denen der
"Zug der Erinnerung" Halt machen wird, engagierte Bürger, wie das in ihrer Region war. In Göttingen beispielsweise hat sich schon vor Jahren das "Bündnis Gedenken an die Opfer des
Nationalsozialismus" formiert. Diese Gruppe ist auch dabei, wenn es darum geht, insbesondere an die jungen Opfer zu erinnern. Es haben sich aber auch so unterschiedliche Gruppierungen
angeschlossen wie die Freien Alteneinrichtungen, die Kinoinitiative Lumiere, die Regionalgruppe des DGB, die jüdische Gemeinde und die KZ-Gedenkstätte Moringen. Sie alle suchen die Spuren der 110
jüdischen Menschen, die aus Göttingen ins Warschauer Ghetto und das KZ Theresienstadt gebracht wurden. Sie versuchen herauszubekommen, was mit den Sinti und Roma war, die plötzlich verschwanden.
Eine große Hilfe bei der geschichtlichen Sucharbeit sind laut Anne Berghoff, Mitglied des Vereins in Göttingen, die Stadtarchive.
Puzzle aus verlorenen Lebensgeschichten
Aber nicht nur die Vereinsmitglieder graben in der Geschichte. Ein wichtiger Pfeiler des "Zuges der Erinnerung" soll die Einbeziehung von Schülern sein. "Wir wollen keine Reinszenierung der
Deportationen. Der Zug soll in der Gegenwart ankommen", so Minow. Schulklassen sollen die Ausstellung nicht nur anschauen, sondern, wenn möglich, selbst Material zusammentragen. Der Verein hat
Anleitungen zur Spurensuche erstellt. Informationen über die einzelnen Schicksale werden interessierten Jungen und Mädchen sowie ihren Lehrern in die Hand gegeben und diese können versuchen,
selbst in Archiven, vielleicht auch durch Befragungen im Ort oder auf Wegen, die ihnen selbst einfallen, die Puzzles der verlorenen Lebensgeschichten zusammenzusetzen.
"Wenn Jugendliche von einem Schicksal Gleichaltriger emotional angerührt sind, dann hat das womöglich eine größere Wirkung als das rein geschichtliche Wissen", hofft Minow. Und führt weiter
aus: "Wenn diese Jugendlichen dann sehen, dass jemand zusammengeschlagen wird, dass die extreme Rechte immer mehr in den öffentlichen Raum dringt, dann tun sie vielleicht eher etwas dagegen und
sind selbst weniger anfällig für rechte Parolen."
Die Göttinger werden den Halt des Zuges in ihrer Stadt mit Veranstaltungen flankieren. Historische Stadtführungen sind geplant, die zu den so genannten "Judenhäusern" führen, in die alle
Juden gepfercht und von wo sie in die Todeslager abtransportiert wurden, Filmreihen soll es geben und Workshops, die sich mit ideologischen Kontinuitäten beschäftigen, etwa dem schon lange vor
1933 gewachsenen Antisemitismus. "Aber auch jüdisches Leben in Göttingen heute könnte ein Thema sein", so Berghoff.
Was sie und ihre Mitstreiter an Material zusammentragen, wird dem Zug beigegeben. So wird an jedem Haltepunkt verfahren, und am Ende werden die Waggons sicherlich voll sein mit Puzzleteilen
menschlicher Schicksale und deutscher Geschichte. Ziel der Reise ist die Gedenkstätte im Konzentrationslager Auschwitz in Polen. Dort soll das Ausstellungsmaterial symbolisch niedergelegt werden.
Der Termin dafür steht noch nicht fest. Es kommen nämlich immer noch neue Haltepunkte des Zuges hinzu, so groß ist das Interesse.
Konflikte mit der Deutschen Bahn
Am 27. Januar, dem Gedenktag der Befreiung von Auschwitz, wird übrigens eine weitere Ausstellung zum Thema eröffnet: Die Deutsche Bahn und das Bundesverkehrsministerium erarbeiten derzeit eine
Wanderausstellung zu den Deportationen. Teile dieser Ausstellung werden von einem französischen Ehepaar beigesteuert, das vor allem Fotos von französischen jüdischen Kindern gesammelt hat, die
per Bahn in KZ transportiert und dort ermordet wurden. Deren Sammlung war mehrere Jahre an französischen Bahnhöfen zu sehen. Sie war auch Antrieb der Bürgerinitiativen, aus denen der Verein "Zug
der Erinnerung" hervor gegangen ist.
Dass es jetzt zwei Ausstellungen gibt, liegt an massiven Konflikten zwischen der Deutschen Bahn und den Initiativen. Diese verlangten eine Ausstellung an den Bahnhöfen, jenen Orten, die die
Züge der Nazis passierten. Den Vorschlag der Bahn, eine Ausstellung statt an Bahnhöfen lieber im DB-Museum in Nürnberg zu zeigen, sahen sie als Verstecken-Wollen der Deportations-Geschichte des
Unternehmens an (die DB ist Rechtsnachfolger der Reichsbahn).
Es folgten kleine Demonstrationen, Versammlungen vor Bahnhöfen, immer mit Plakaten kindlicher Nazi-Opfer. An mehreren Orten kam es daraufhin zu Ausschreitungen. 2006 plakatierten Mitglieder
der Göttinger Initiative vier Kinderfotos an einen Bauzaun des Bahnhofes. "Bahnbedienstete haben die Bilder abgerissen. Als sich unsere Leute davor stelllten, wurde auf die eingeschlagen",
schildert Minow. Eine Reihe ähnlicher Vorfälle und ihre eigene Fassungslosigkeit darüber bewog die Bürger dazu, nun selbst die Organisation der Ausstellung in die Hand zu nehmen.
Bundesverkehrsminister Wolfgang Tiefensee begrüßt das Engagement - und schob die zweite Ausstellung an. Daran arbeitet nun DB-Unternehmenshistorikerin Susanne Kill. Vorwürfe, die Bahn wolle
ihre Geschichte verdrängen, weist sie zurück. "Wir haben das Thema schon sehr lange aufgegriffen", so Kill. Seit 2002 sind die Deportationen zu Reichsbahnzeiten ein Schwerpunkt der
Dauerausstellung im Nürnberger DB-Museum. 140 000 Besucher zählt die Einrichtung jährlich, darunter auch alle Azubis der DB. Die neue Wanderausstellung wird in Berlin eröffnet. Dort und an den
anderen Stationen würden jeweils öffentlich gut zugängliche und möglichst prominente Orte ausgewählt, sagt Kill. Ob aber beispielsweise der Berliner Hauptbahnhof zur Verfügung steht, sei noch
unklar.
Quelle:
Zeitblende Nr. 11, Beilage des vorwärts 11/2007







