Artikel (Archiv) > Ende der Gefälligkeit? Das literarische Erbe von ’68

Hauptinhalt

Artikel (Archiv)

Übersicht

Icon   Literatur

Ende der Gefälligkeit? Das literarische Erbe von ’68

Christian Hippe • 10. June 2008

Achtundsechzig stehe für ein "Denken in gesellschaftlichen Alternativen", verkündete Volker Braun in seiner essayistischen Eröffnungsrede. Diese Jahreszahl sei ein "Appell gegen das Dulden" und bleibe "Chiffre eines weltweiten emanzipatorischen Aufbruchs", der sich in Anti-G8-Protesten ebenso aktualisiere wie im symbolischen Kampf um die Rudi-Dutschke-Straße in Berlin. All das war in einer Klarheit formuliert, die wenig zu wünschen übrig ließ. Eines aber war es sicherlich nicht: die Einladung zu einem kritischen Diskurs, einer Evaluation der Revolte. Das aber wäre spannender gewesen.

Zur Einstimmung in den Abend folgte eine Lesung von Texten der Zeit: eine hochkarätig besetzte, fein austarierte Gruppen-Lesung mit Uwe Timm und Günther Grass als Repräsentanten der 68er-Generation (West), Christa Wolf und Volker Braun als Vertreter für '68 (Ost) sowie Ulrich Peltzer, Raul Zelik und Tanja Dückers als Delegierte der jungen Generation.

Lese-Reigen

Die ungeschriebene Regel war, dass keiner der Lesenden einen eigenen Text vortrug: So las Timm beispielsweise Delius, Grass las Johnson. Angesichts der gut gemischten Podiums-Besetzung verwundert es, dass die ausgewählten Texte ausschließlich das westdeutsche '68 in Erinnerung riefen: Studentenproteste, Polizeieinsätze, Anti-Springer-Kampagne und Notstandsgesetze. Noch unverständlicher - und ein wohl gehütetes Geheimnis der Veranstalter - aber war es, dass die anschließende Diskussion über "Literatur und politisches Engagement" gleich ganz auf die Beteiligung von Wolf und Braun und somit von vornherein auf die DDR-Perspektive verzichtete.

Ulrich Peltzer preschte mit der Bemerkung voran, dass Kunst weder einen Auftrag habe noch Erfüllungsgehilfe für irgendetwas sei. Politisch sei Literatur nur, insofern ästhetische Fragen immer auch politische Fragen sind. Bisweilen hatte es gar den Anschein, er hätte ohnehin lieber über Avantgardekunst als über Engagement diskutiert. Günter Grass widersprach ihm mit seltener Entschiedenheit. Ein Autor, so Grass, sei mit der Gesellschaft, ihrer Sprache und ihren Themen verbunden, "ob er wolle oder nicht". Für ihn und seine Generation wären es vor allem die NS-Verbrechen gewesen, denen man nicht hätte ausweichen können.

Neues '68

Zwar vermied es Grass, die pathetische Formel vom 'gesellschaftlichen Auftrag des Künstlers' in den Mund zu nehmen. Nichts anderes aber war gemeint. Und umso emsiger war er fortan bemüht, etwaigen Missverständnissen vorzubeugen. Als Dichter, so Grass weiter, brauche man keine Kompromisse zu schließen, als Bürger aber schon. Die Weimarer Republik sei am Radikalismus politischer Forderungen gescheitert, und auch heute noch sei die Demokratie in Gefahr.

Jetzt wäre es an der Reihe gewesen, mit den Ideologen von rechts und links ins Gericht zu gehen. Aber das Gegenteil war der Fall: nicht von links, von rechts oder vom Terrorismus gehe heute die Gefahr aus, so Grass plötzlich, sondern vom Lobbyismus, der selbst in den Ministerien Einzug gehalten habe, oder noch allgemeiner: von der Ökonomisierung. Nun wurde er doch noch pathetisch und forderte gar ein "neues '68", für das seine Generation vielleicht die Stichwörter liefern könne.

Gefälligkeiten zwischen den Generationen

Grass beipflichtend, plädierte auch Tanja Dückers für politische Inhalte. Sie verwies auf die Konkurrenz durch die reaktionsschnelleren Medien und sprach sich vehement dafür aus, das Politische nicht den Nachrichten zu überlassen. Ein Roman über einen Arbeitslosen, so Dückers, sei etwas anderes als die Meldung der neuesten Arbeitslosenzahlen; Literatur leiste eine Art "sinnlicher Geschichtsschreibung". Soweit so gut. Doch dann zitierte Dückers unbeholfen aus einem Essay, den sie unlängst zur Ehrenrettung der Achtundsechziger geschrieben hatte: einem unverzeihlich peinlichen Text, inhaltlich wie rhetorisch.

So war es vor allem Raul Zelik zu verdanken, dass das Gespräch zumindest kurzzeitig noch einmal Biss bekam. Zelik, mahnte, dass der Leidensdruck gegenwärtig um ein Vielfaches stärker sei als in den 60er Jahren, über deren Probleme man heute nur lachen könne. Dann griff er völlig unvermutet Günter Grass an, der sich zuvor gerühmt hatte, schon Mitte der 60er Jahre den Wahlkampf der SPD begleitet zu haben.

Gerade diese Haltung galt Zelik als jener "absolute Mainstream", gegenüber dem Literatur ihre "Radikalität" zu bewahren habe. Das war polemisch, mitunter auch billig. Andererseits aber aktualisierte er lediglich jenen Vorwurf, den der gerade verstorbene Peter Rühmkorf bereits 1967 ganz ähnlich gegen Grass erhoben hatte. So aber hatte man sich das "neue '68" nicht vorgestellt - jedenfalls nicht Moderator Martin Lüdke, der umgehend das Wort ergriff und abzulenken versuchte.

Heißer Sommer - Prager Frühling

Eine Lesung von Christa Wolf und Volker Braun leiteten zum zweiten Diskussionsthema des Abends über: der Frage nach der Bedeutung des Jahres '68 für die DDR. Noch vor der eigentlichen Diskussion gab Wolf zu bedenken, dass die Chiffre '68 noch immer und völlig zu Unrecht ausschließlich mit dem Westen verbunden werde.

Die eigentliche Diskussion über "'68 im Osten" bestritten dann Günther Zschorsch, Thomas Günther und Florian Havemann. Leider gingen sie von der Fehlannahme aus, die DDR sei für die West-Linken schlicht "ein Land der Zukunft" gewesen. Als noch weit ungünstiger aber stellte sich heraus, dass die Diskutanten als Sympathisanten des Prager Frühlings zwar in besonderem Maße durch das Jahr 1968 (und die in der Folgezeit erlittenen Repressionen) geprägt waren. Insofern sie seinerzeit jedoch alle noch die Schulbank drückten, war auch ihr Protest in einer erschreckenden Weise banal, intellektuell in keiner Weise aufgefangen, kurzum und eingestandener Maßen: ein Ausdruck jugendlich-pubertären, politisch unausgegorenen Aufbegehrens. Eine Diskussion konnte derart nicht zustande kommen.

Ohnehin war der Abend längst fortgeschritten. Parallel angesetzte Lesungen, eine kleine, äußerst lohnenswerte Ausstellung mit Funden aus dem Archiv der Akademie der Künste sowie ein ambitioniertes Filmprogramm sorgten für zusätzlichen Besucherschwund. Spätestens als, weit nach Mitternacht, dann noch ein dritter Lese-Block begann, leerten sich die Reihen derart sprunghaft, dass allen klar wurde, dass die "lange Nacht der Literatur" zwar ihrem Namen alle Ehre machte, letztlich aber doch ein klein wenig zu lang geraten war.

Christian Hippe

Inhalt rechte Spalte

 

Hauptinhalt 2

Buchtipp

Econ Verlag

Icon Rezension; Rudolf Hickel: „Zerschlagt die Banken"

„Zerschlagt die Banken"

Icon Rezension; Hans-Christian Jasch: „Staatssekretär Wilhelm Stuckart und die Judenpolitik"

Massenmord, geplant von Beamten

Icon Kathrin Hartmann: "Wir müssen leider draußen bleiben"

Von der Politik über den Tisch gezogen

Icon Rezension; Alexander Dill: „Gemeinsam sind wir reich"

Mehr Sozialkapital

Interview

Eren Güvercin

Icon Eren Güvercin im Interview

„Ich habe nie ein Identitätsproblem gehabt“

Icon Interview mit Frank Mentrup

Lust auf den Wechsel

Icon Interview mit dem Deutsch-Iraner Omid Pouryousefi

"Viele haben die Nase voll"

Icon Interview mit Katja Kullmann

„Dann ist da diese andere europäische, große Idee, die wir Sozialdemokratie nennen“

Veranstaltung

vorwärts-Fest in Bayern

Icon vorwärts-Fest

„Der Wandel in Bayern hat angefangen!“

Icon Buchvorstellung

Naziverbrecher ohne Reue

Icon Fotoausstellung im Willy-Brandt-Haus

Das kulturelle Gesicht Afghanistans

Icon Bildungspolitik

Gleiche Chancen für alle?

Kolumne

Icon Willst du mit mit (wählen) gehen?

Das Allerletzte von Martin Kaysh

Icon Notiert von Uwe Knüpfer

Berliner Tagebuch

Icon Abzug aus Afghanistan

Global gedacht von Rafael Seligmann

Icon Notiert von Uwe Knüpfer

Berliner Tagebuch

Filmtipp

 „Genug der Farce“, sagt sich Monsieur Demanet.

Icon Film der Woche: Kill me please

Selbstmord inklusive

Icon Film der Woche: Die Vermissten

Mit dem Rücken zum Nichts

Icon Film der Woche: Medianeras

Wir sind die Stadt

Icon Film der Woche: Ufo In Her Eyes

„Ein ideologischer Schrottplatz“