Achtundsechzig stehe für ein "Denken in gesellschaftlichen Alternativen", verkündete Volker Braun in seiner essayistischen Eröffnungsrede. Diese Jahreszahl sei ein "Appell gegen das Dulden"
und bleibe "Chiffre eines weltweiten emanzipatorischen Aufbruchs", der sich in Anti-G8-Protesten ebenso aktualisiere wie im symbolischen Kampf um die Rudi-Dutschke-Straße in Berlin. All das war
in einer Klarheit formuliert, die wenig zu wünschen übrig ließ. Eines aber war es sicherlich nicht: die Einladung zu einem kritischen Diskurs, einer Evaluation der Revolte. Das aber wäre
spannender gewesen.
Zur Einstimmung in den Abend folgte eine Lesung von Texten der Zeit: eine hochkarätig besetzte, fein austarierte Gruppen-Lesung mit Uwe Timm und Günther Grass als Repräsentanten der
68er-Generation (West), Christa Wolf und Volker Braun als Vertreter für '68 (Ost) sowie Ulrich Peltzer, Raul Zelik und Tanja Dückers als Delegierte der jungen Generation.
Lese-Reigen
Die ungeschriebene Regel war, dass keiner der Lesenden einen eigenen Text vortrug: So las Timm beispielsweise Delius, Grass las Johnson. Angesichts der gut gemischten Podiums-Besetzung
verwundert es, dass die ausgewählten Texte ausschließlich das westdeutsche '68 in Erinnerung riefen: Studentenproteste, Polizeieinsätze, Anti-Springer-Kampagne und Notstandsgesetze. Noch
unverständlicher - und ein wohl gehütetes Geheimnis der Veranstalter - aber war es, dass die anschließende Diskussion über "Literatur und politisches Engagement" gleich ganz auf die Beteiligung
von Wolf und Braun und somit von vornherein auf die DDR-Perspektive verzichtete.
Ulrich Peltzer preschte mit der Bemerkung voran, dass Kunst weder einen Auftrag habe noch Erfüllungsgehilfe für irgendetwas sei. Politisch sei Literatur nur, insofern ästhetische Fragen
immer auch politische Fragen sind. Bisweilen hatte es gar den Anschein, er hätte ohnehin lieber über Avantgardekunst als über Engagement diskutiert. Günter Grass widersprach ihm mit seltener
Entschiedenheit. Ein Autor, so Grass, sei mit der Gesellschaft, ihrer Sprache und ihren Themen verbunden, "ob er wolle oder nicht". Für ihn und seine Generation wären es vor allem die
NS-Verbrechen gewesen, denen man nicht hätte ausweichen können.
Neues '68
Zwar vermied es Grass, die pathetische Formel vom 'gesellschaftlichen Auftrag des Künstlers' in den Mund zu nehmen. Nichts anderes aber war gemeint. Und umso emsiger war er fortan bemüht,
etwaigen Missverständnissen vorzubeugen. Als Dichter, so Grass weiter, brauche man keine Kompromisse zu schließen, als Bürger aber schon. Die Weimarer Republik sei am Radikalismus politischer
Forderungen gescheitert, und auch heute noch sei die Demokratie in Gefahr.
Jetzt wäre es an der Reihe gewesen, mit den Ideologen von rechts und links ins Gericht zu gehen. Aber das Gegenteil war der Fall: nicht von links, von rechts oder vom Terrorismus gehe heute
die Gefahr aus, so Grass plötzlich, sondern vom Lobbyismus, der selbst in den Ministerien Einzug gehalten habe, oder noch allgemeiner: von der Ökonomisierung. Nun wurde er doch noch pathetisch
und forderte gar ein "neues '68", für das seine Generation vielleicht die Stichwörter liefern könne.
Gefälligkeiten zwischen den Generationen
Grass beipflichtend, plädierte auch Tanja Dückers für politische Inhalte. Sie verwies auf die Konkurrenz durch die reaktionsschnelleren Medien und sprach sich vehement dafür aus, das
Politische nicht den Nachrichten zu überlassen. Ein Roman über einen Arbeitslosen, so Dückers, sei etwas anderes als die Meldung der neuesten Arbeitslosenzahlen; Literatur leiste eine Art
"sinnlicher Geschichtsschreibung". Soweit so gut. Doch dann zitierte Dückers unbeholfen aus einem Essay, den sie unlängst zur Ehrenrettung der Achtundsechziger geschrieben hatte: einem
unverzeihlich peinlichen Text, inhaltlich wie rhetorisch.
So war es vor allem Raul Zelik zu verdanken, dass das Gespräch zumindest kurzzeitig noch einmal Biss bekam. Zelik, mahnte, dass der Leidensdruck gegenwärtig um ein Vielfaches stärker sei
als in den 60er Jahren, über deren Probleme man heute nur lachen könne. Dann griff er völlig unvermutet Günter Grass an, der sich zuvor gerühmt hatte, schon Mitte der 60er Jahre den Wahlkampf der
SPD begleitet zu haben.
Gerade diese Haltung galt Zelik als jener "absolute Mainstream", gegenüber dem Literatur ihre "Radikalität" zu bewahren habe. Das war polemisch, mitunter auch billig. Andererseits aber
aktualisierte er lediglich jenen Vorwurf, den der gerade verstorbene Peter Rühmkorf bereits 1967 ganz ähnlich gegen Grass erhoben hatte. So aber hatte man sich das "neue '68" nicht vorgestellt -
jedenfalls nicht Moderator Martin Lüdke, der umgehend das Wort ergriff und abzulenken versuchte.
Heißer Sommer - Prager Frühling
Eine Lesung von Christa Wolf und Volker Braun leiteten zum zweiten Diskussionsthema des Abends über: der Frage nach der Bedeutung des Jahres '68 für die DDR. Noch vor der eigentlichen
Diskussion gab Wolf zu bedenken, dass die Chiffre '68 noch immer und völlig zu Unrecht ausschließlich mit dem Westen verbunden werde.
Die eigentliche Diskussion über "'68 im Osten" bestritten dann Günther Zschorsch, Thomas Günther und Florian Havemann. Leider gingen sie von der Fehlannahme aus, die DDR sei für die
West-Linken schlicht "ein Land der Zukunft" gewesen. Als noch weit ungünstiger aber stellte sich heraus, dass die Diskutanten als Sympathisanten des Prager Frühlings zwar in besonderem Maße durch
das Jahr 1968 (und die in der Folgezeit erlittenen Repressionen) geprägt waren. Insofern sie seinerzeit jedoch alle noch die Schulbank drückten, war auch ihr Protest in einer erschreckenden Weise
banal, intellektuell in keiner Weise aufgefangen, kurzum und eingestandener Maßen: ein Ausdruck jugendlich-pubertären, politisch unausgegorenen Aufbegehrens. Eine Diskussion konnte derart nicht
zustande kommen.
Ohnehin war der Abend längst fortgeschritten. Parallel angesetzte Lesungen, eine kleine, äußerst lohnenswerte Ausstellung mit Funden aus dem Archiv der Akademie der Künste sowie ein
ambitioniertes Filmprogramm sorgten für zusätzlichen Besucherschwund. Spätestens als, weit nach Mitternacht, dann noch ein dritter Lese-Block begann, leerten sich die Reihen derart sprunghaft,
dass allen klar wurde, dass die "lange Nacht der Literatur" zwar ihrem Namen alle Ehre machte, letztlich aber doch ein klein wenig zu lang geraten war.
Christian Hippe







