vorwärts.de: Benzin ist so teurer wie nie, auch die Preise für Strom und Gas sind auf Rekordniveau, wann ist mit einer Entspannung zu rechnen?
Claudia Kemfert: Schwer zu sagen. Kurzfristig können die Preise volatil bleiben, d.h. sie können sinken, so hoch bleiben oder aber auch steigen - alles ist möglich. Der Ölmarkt ist
angespannt, die Nachfrage ist hoch, das Angebot kann nur begrenzt ausgeweitet werden, dazu müssen umfangreiche Investitionen in die Exploration fließen - was nur bedingt stattfindet.
Der Dollar ist schwach, daher die Gegenbewegung beim Öl, die US Krise führt dazu, dass vermehrt in Rohstoffe als Anlageform investiert wird, zudem treibt Spekulation den Preis. Daher ist es
völlig unklar, wohin sich der Preis kurzfristig bewegen wird.
Die Einschätzung von Goldman Sachs, dass der Ölpreis in den kommenden zwei Jahren auf 200 Dollar/Barrel steigen wird, halte ich für unwahrscheinlich. Sollte die Ölnachfrage weiterhin stark
steigen und die Länder nicht rechtzeitig auf Alternativen umstellen, kann der Preis durchaus weiter stark ansteigen.
Sollte der Dollar sich wieder etwas stabilisieren, könnte auch die Preisspirale des Ölpreises - d.h. mit fallenden Dollar steigt der Ölpreis - unterbrochen werden. An den Ölpreis ist der
Gaspreis gekoppelt, mit einem hohen Ölpreis steigen alle Energiepreise.
Sie haben sich für eine Sondersteuer für Autofahrer mit niedrigem Einkommen ausgesprochen. Wie soll die funktionieren?
Die Idee ist, die Gewinne Mineralölkonzerne mit einer Sondersteuer zu belegen, das Aufkommen sollte in erster Linie dazu genutzt werden, alternative Kraftstoffe zu erforschen. Ein
nachhaltiges Mobilitätskonzept ist dringend erforderlich. In der Praxis wird es jedoch schwierig sein, die Ölmultis zu besteuern, dazu wäre wohl eine internationale Initiative erforderlich -
diese Idee wird derzeit verstärkt in den USA diskutiert.
Das Thema Energie und Energiesicherheit spielt auf der politischen Agenda eine immer wichtigere Rolle. Brauchen wir vor diesem Hintergrund ein nationales Energieministerium?
Eindeutig: ja!!! Denn das Thema Energiesicherheit ist DAS zentrale Thema. Die Ministerien verfolgen derzeit fast alle sehr unterschiedliche Strategien. Daher ist es dringend notwendig, dem
Thema Energieversorgung die Relevanz und Wichtigkeit zuzubilligen, die es benötigt.
Dies kann- wie in vielen anderen Ländern der Welt- anhand eines Energieministeriums sichergestellt werden. Ein solches Energieministerium sollte alle unterschiedlichen Interessen bündeln
und eine einheitliche Strategie festlegen. Auch nach außen hin wäre es dringend notwendig, mit einer Stimme zu sprechen und die Wichtigkeit des Themas symbolisieren.
Die Dena warnte unlängst vor einer Stromlücke in Deutschland im Jahr 2020 sollte nicht zügig in neue Kraftwerke investiert werden. Der Bundesverband Erneuerbare Energien wies das als
Angstmache zurück. Wie sicher ist die Energieversorgung in Deutschland tatsächlich?
Das Problem, welches die Dena aufzeigt, ist nicht neu - die Bundesnetzagentur warnt seit über einem Jahr nachdrücklich, dass deutlich mehr Investitionen in Netze und Kraftwerke fließen
müssen. Die Energieversorgung ist in Deutschland nur dann sicher, wenn diese Investitionen getätigt werden.
Zur Integration der erneuerbaren Energien und für den verbesserten Zusammenschluss der Europäischen Netze müssen dringend mehr Investitionen in die Netze getätigt werden. Alte
Kohlekraftwerke durch neue zu ersetzen, ist zwar nicht unbedingt die nachhaltigste Lösung, da die CO2-Abscheidung und Einlagerung noch nicht flächendeckend genutzt werden kann, dennoch ist es
besser, neue, effiziente Kraftwerke zu nutzen als alte und ineffiziente.
Es nützt wenig, wenn alle Bürger gegen den Ausbau jeglicher Kraftwerkskapazitäten - ob Kohle- Atom, Wind etc. - und gegen den Netzausbau protestieren, denn dann droht uns wirklich ein
kompletter Blackout. Daher muss auf die Problematik hingewiesen, die Bürger müssen aufgeklärt und die Investitionen notfalls angewiesen werden.
Interview: Karsten Wiedemann
Claudia Kemfert leitet die Abteilung Energie, Verkehr, Umwelt beim
Deutschen Institut für Wirstchaftsforschung.







