Der Wiener wandert allein. Trifft er jemanden, grüßt er freundlich. Am Ende begegnet er, das bleibt unausweichlich, dem Tod. "Servas, Krankheit, servas Tod!", sagt er dann. So beschreibt es Georg Kreisler in dem soeben neu aufgelegten Buch "Wien. Die einzige Stadt der Welt in der ich geboren bin". 1922 ist er in Wien zur Welt gekommen, als Sohn eines jüdischen Rechtsanwalts. 1938, nach dem "Anschluss" Österreichs an Hitler-Deutschland musste die Familie in die USA fliehen. Fünf Jahre später erhält Georg Kreisler die amerikanische Staatsbürgerschaft.
1955, Kreisler hatte in der US-Armee gedient, hatte beim Film gearbeitet und war als Unterhalter und Sänger aufgetreten, kehrte er zurück nach Wien. Er hoffte auf mehr Erfolg, doch sein bissiger, hintergründiger Humor stieß nicht überall auf Gegenliebe. Auch nicht als er in München und später in Berlin lebte. "Es gibt Wiener, die im Alter von zwei Jahren ausgewandert und nie wieder nach Wien zurückgekehrt sind. Aber für uns Wiener bleiben die ihr ganzes Leben lang Wiener ... Nur bei Juden machen die Wiener manchmal eine Ausnahme", schreibt Kreisler in seinem Wien-Buch.
"Mei' Muatterl war a Weanerin"
Seiner Heimatstadt blieb Georg Kreisler in inniger Hassliebe verbunden. "Heimat bleibt Heimat, auch wenn man mit ihr geschlagen ist", schreibt er. Wie einen Rucksack trägt er die Stadt mit sich herum, auch als er sich später in Basel und noch später in Salzburg niederlässt. "Mutter hat ihn gepackt, mei' Muatterl war a Weanerin". So wanderte er mit dem Rucksack, schließlich ginge viel verloren, wenn man ihn nur in die Ecke schmeiße und nie wieder ansehe.
Also hat Kreisler sich mit Wien, mit seinem Rucksack, beschäftigt, schon die letzten 30 Jahre. "Ich schrieb dieses Buch 1977, und 1987 wurde es von einem Wiener Verlag veröffentlicht und schnell wieder fallen gelassen", notiert Kreisler im Vorwort zur Neuauflage. Es freue ihn sehr, "dass der Atrium Verlag das Buch nun aus dem Donaukanal geholt hat, in den es geworfen worden war." Ein dankenswertes Unterfangen, die lesenswerten Satiren sind wieder greifbar.
"Warum ist Wien meine Heimat? Nun, ich identifiziert mich mit dem Wiener Charakter, der zwar nicht sehr positiv zu beurteilen ist, aber dafür kann ich mich auf seine negativen Aspekte verlassen", so Kreisler. Sein Humor war schwarz, seine Texte - ob Lieder, Gedichte oder Prosa - waren scharfsinnig. Sie werfen ein helles Licht auf unsere Gesellschaft. Die nahm ihm seine Treffsicherheit nicht selten übel. Am 22. November ist der große Künstler in Salzburg gestorben. Servus, Georg Kreisler.
Georg Kreisler: "Wien, die einzige Stadt der Welt, in der ich geboren bin", erw. Neuausgabe, Atrium Verlag, Zürich 2011, 223 Seiten, 19,90 Euro, ISBN 978-3-85535-366-8







