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Icon   Fotografien von Mario Giacomelli

Zwischen Dokumentation und Abstraktion

Birgit Güll • 09. November 2011

Mario Giacomelli, Priesterserie 1961-1963, © Simone Giacomelli
Mario Giacomelli, Priesterserie 1961-1963, © Simone Giacomelli

"Man könnte genauso Dichter mit einem Objektiv sein wie mit einem Stift", zitiert Gisela Kayser vom Freundeskreis Willy-Brandt-Haus e.V. in ihrer Eröffnungsrede Mario Giacomelli. Sie erzählt vom Leben des 1925 im italienischen Senigallia geborenen Künstlers, von seiner Kindheit in bescheidenen Verhältnissen, von seiner Entdeckung der Fotografie und vom internationalen Ruhm. 1952 kaufte Giacomelli seine erste Kamera. 1964 machte eine Schau im New Yorker "Museum of Modern Art" ihn weltberühmt. Heute sind seine Arbeiten Teil der Sammlungen der bedeutendsten Museen der Welt.

Lyrik als Quelle der Inspiration

Die Fotografien die nun im Berliner Willy-Brandt-Haus zu sehen sind, sind eine Leihgabe der Stadt Locarno. Giacomelli selbst hat sie zusammengestellt und der Stadt geschenkt. Es sind tief beeindruckenden Serien zu denen Giacomelli seine Arbeiten zusammenfasste. Einige haben Gedichtzeilen zum Titel. "Der Tod wird kommen und er wird Deine Augen haben" heißt die Serie aus dem Krankenhaus in Giacomellis Heimatstadt Senigallia. Es ist der Titel eines Gedichts von Cesare Pavese. Giacomellis Blick auf die alten Menschen hat etwas zärtliches. Zugleich konfrontiert er den Betrachter mit seiner schlimmsten Angst, denn Giacomelli beschönigt nichts, er zeigt uns Bilder von Leben die zu Ende gehen.

Die Lyrik ist eine bedeutende Inspiration für Giacomelli. Dem wird an dem Eröffnungsabend in Berlin Rechnung getragen. Die Schauspielerin Elettra Di Salvo liest Gedichte vor, die den Künstler inspirierten. Sie liest sie im Italienischen Original und auf Deutsch. Man hat den Klang der Gedichte noch im Ohr wenn man an diesem Abend vor den Fotografien steht. Etwa vor jener berühmten Serie der jungen Männer eines Priesterseminars. "Ich habe keine Hände, die mein Gesicht streicheln" heißt die 1962/63 entstandene Serie, benannt nach einem Gedicht von David Maria Turoldo. Giacomelli hat die angehenden Priester beim Spielen im Schnee fotografiert. Eine lange Belichtungszeit hat für eine leichte Unschärfe gesorgt. In der Dunkelkammer hat er die Kontraste verstärkt. Schwerelos scheinen die Jungen zu schweben.

Zwischen Dokumentation und Abstraktion

All die Bilder Giacomellis bewegen sich zwischen Dokumentation und Abstraktion. Eine detailgetreue Wiedergabe der Außenwelt interessierte ihn nie. "Ich nehme den Landschaften ihre Realität, um sie mit etwas von mir neu zusammenzusetzen" hat Giacomelli gesagt. Gisela Kayser zitiert ihn. Die Landschafts-Serien die im Willy-Brandt-Haus zu sehen sind zeichnen sich durch ungewöhnliche Blickwinkel aus, durch die von Giacomelli verstärkten Kontraste, die den Bildern eine grafische Qualität verleiht. Mit diesen grafischen Effekten prägte und beflügelte Gicaomelli die moderne Fotografie.

"Das Unscharfe, das Lebhafte, die Körnung, das sich verschluckende Weiß, das geschlossene Schwarz - all dies ist wie eine Explosion der Gedanken und gibt ihnen ein dauerhaftes Bild. In der Fotografie treffen Harmonie des Materials und Realität aufeinander und dokumentieren in ihrer ewigen Wiederkehr das Drama des Lebens", so Mario Giacomelli. Im Jahr 2000 ist er gestorben. Die Berliner Werkschau ist noch bis zum 22. Januar 2012 zu sehen.

Willy-Brandt-Haus Berlin, Stresemannstr. 30, 10963 Berlin; Dienstag bis Sonntag, 12 bis 18 Uhr; Eintritt frei, Ausweis erforderlich

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