Das Grab hat die Nummer neun. Sie steht in geschwungener Schrift weiß auf schwarz auf dem welligen Lageplan des alten jüdischen Friedhofs im polnischen Wrocław, dem früheren Breslau. Hinter
der Zahl steht der Beruf des Verstorbenen, "polityk", und sein Name: Lassalle, Ferdinand.
Er sei ein "Bonvivant" gewesen, hatte Helga Grebing am Abend zuvor über den 1864 Verstorbenen gesagt. Die Historikerin meinte damit vor allem seinen Hang zu jungen Frauen, der ihm
schließlich auch den Tod brachte: Am 31. August 1864 starb Lasalle im Alter von 39 Jahren an den Folgen eines Pistolenduells mit einem Nebenbuhler.
Wrocław statt Düsseldorf
"Ursprünglich sollte er in Düsseldorf beerdigt werden, aber Lassalles Familie hat sich durchgesetzt", erzählt Helga Grebing. Sie steht vor einem kleinen Zaun. Dahinter glänzt schwarz der
Marmor eines übermannshohen Grabmals, rechts und links eine Säule. Grebing hat den Kragen ihres Mantels hochgeschlagen. Der Wind weht kühl an diesem Herbstdonnerstag. Das Laub der Bäume und der
Sträucher, die die Grabsteine überwuchern, ist gelb und rot.
"Eigentlich wollte ihn seine Gönnerin, die Gräfin von Hatzfeldt, bei sich haben", so Grebing weiter über Lassalle, "aber schließlich wurde er dann doch hier an seinem Geburtsort beerdigt."
Die Männer und Frauen, die um sie herumstehen, nicken stumm. 250 sind aus ganz Deutschland Richtung Osten gereist. In kleinen Gruppen pilgern sie zum Grab des Gründers des "Allgemeinen Deutschen
Arbeitervereins". Aus ihm wurde später ihre Partei, die SPD.
Drei Länder in sechs Tagen
Es ist der vierte Tag ihrer Reise, als sie am Grab Lasalles stehen. Am Dienstag wurden sie vom Bürgermeister der Stadt Jelenia Góra, die früher Hirschberg hieß, begrüßt. Am Mittwoch standen
sie an der Quelle der Elbe. Das diesjährige SPD-Herbsttreffen findet im Riesengebirge statt, im Dreiländereck zwischen Polen, Tschechien und Deutschland. "Drei Länder in sechs Tagen - das machen
sonst nur japanische Touristen", lacht Dieter Lasse. Er war früher persönlicher Referent von Willy Brandt. Jetzt, im Ruhestand, unterstützt er den SPD-ReiseService bei Touren wie dieser.
Für Anita Fietz ist es eine Reise in die eigene Vergangenheit. Die 73-Jährige wurde in Wrocław geboren, als es noch Breslau hieß und zum Deutschen Reich gehörte. Als die Stadt wegen der
nahenden Roten Armee 1944 von Hitler zur "Festung" erklärt wurde, war Fietz mit ihrer Familie auf dem Land. "Aber als wir zurückkehrten, lag alles in Schutt und Asche", erinnert sie sich.
Lange hielt es die Familie in der nun polnischen Stadt nicht aus: 1946 ging es nach Emden in Ostfriesland. Erst 1986 kehrte Anita Fietz mit ihren Eltern zurück - für einen Besuch. Dem
folgten viele weitere. "Wir haben inzwischen einige gute Freunde in Polen", erzählt sie. Fietz' Heimat ist mittlerweile Hürth in Nordrhein-Westfalen, doch nach Wrocław kommt sie immer gerne.
90 Prozent der Touristen kommen aus Deutschland
"Nach dem Ende der Sowjetunion und dem EU-Beitritt Polens hat sich hier eine Menge verändert", erzählt Maria. Die blonde Polin steht in der Herbstsonne auf dem Markplatz in Wrocław. Um sie
herum leuchten die Fassaden der Bürgerhäuser. Maria hat in Wrocław studiert. Jetzt begleitet sie hauptberuflich Reisegruppen durch das früher deutsche Schlesien. 90 Prozent kommen aus
Deutschland.
Jedoch habe sich die Motivation der Reisenden über die Jahre verändert. "Der Ansturm ehemaliger Schlesier hat stark nachgelassen. Früher kamen sie busseweise, um die alte Heimat zu sehen."
Während sie das sagt, rollt Maria jedes R so, dass es klingt, als würde es unter ihrer Zunge klemmen und nicht herauswollen.
Auf der Jagd nach Waschmittel
Sie schafft es auch, in jeden dritten Satz ihrer Erklärungen die Anrede "liebe Gäste" einzuflechten, während sie die Gruppe durch Wrocławs wiederauferstandene Altstadt führt. So geht es
vorbei am Rathaus, in die Universität mit ihrer prachtvollen "Aula Leopoldina" und schließlich auf die Dominsel mit dem erst 1992 vollständig wieder aufgebauten Gotteshaus, einem Wahrzeichen
Wrocławs. "Das Fundament ist original, oben ist alles aus Stahlbeton", erklärt Maria.
"Auferstanden aus Ruinen" ist auch das letzte Ziel der Herbst-Reise. Am folgenden Tag geht es in die Grenzstadt Görlitz, die von ihrem polnischen Pendant Zgorzelec nur durch die Neiße
getrennt wird. "Früher mussten wir hier lange warten, ehe wir durchgelassen wurden", erklärt Reiseführer Jan, als der Bus langsam von der polnischen auf die deutsche Seite fährt. Die Brücke, die
er überquert, ist nach Papst Johannes Paul II. benannt. Ein kleiner Stein erinnert an den ersten polnischen Pontifex.
Während Jans Gruppe an der "Kaisertrutz", einem mittelalterlichen Wehrturm, in dem ein Museum untergebracht ist, zur Stadtführung startet, geht der Stadtführer auf die Jagd. "Waschmittel
und Kaffee sind in Deutschland billiger als in Polen", erklärt er. "Meine Schwiegermutter hat mir eine Liste mitgegeben."
Schöne Stadt ohne Einwohner
Unterdessen nimmt seine deutsche Kollegin die Gruppe mit durch eine Stadt, die zwar 1945 kampflos an die Rote Armee übergeben wurde, deren Bausubstanz in den folgenden DDR-Jahren aber
deutlich gelitten hat. Erst nach der Wiedervereinigung wurde die Innenstadt restauriert und zu einem Kleinod für Touristen.
"Leider fehlen uns aber mehr und mehr die Görlitzer", klagt die Stadtführerin. "Seit 1990 haben wir ein Viertel unserer Einwohner verloren." Besser sieht es auf der anderen Seite der Neiße
aus. In Zgorzelec ist die Einwohnerzahl nahezu konstant geblieben. Ein Grund mehr für gute deutsch-polnische Zusammenarbeit. "Viele Aufgaben erledigen wir gemeinsam."
Im vergangenen Jahr wären Görlitz und Zgorzelec auch gerne zusammen "Kulturhauptstadt Europas" geworden. "Doch obwohl Essen sich schließlich durchgesetzt hat, haben wir gewonnen", sagt die
Stadtführerin mit einem Lächeln unter ihrer schwarzen Wollmütze. "Oder haben Sie vorher schon derart viel über Görlitz gehört?"
Dank Aschewolke in die Verlängerung
Elfriede Weber gefällt die Stadt. Bis vor sieben Jahren ist sie mit ihrem Mann Walter im Wohnwagen durch Europa gereist. Doch nun schätzen die beiden Münchener den Service einer
organisierten Busreise. "Letztes Jahr haben wir mit dem ReiseService eine Flusskreuzfahrt in Russland gemacht", erzählt sie. "Und davor waren wir beim Frühlingstreffen auf Sizilien."
Damals verlängerte sich die Reise für die 450 Teilnehmer unfreiwillig um drei Tage. Wegen der Aschewolke aus einem isländischen Vulkan war der Flugverkehr in Europa lahm gelegt. Die Gruppe
musste per Fähre und Bus die Heimreise antreten. "Das war ein Abenteuer", erinnert sich Dieter Lasse. Eines, das ihm diesmal erspart bleibt. Die Busse, die die Teilnehmer des Herbsttreffens
zurück in die Heimat bringen, verlassen am Samstagmorgen pünktlich den Hotelparkplatz. Und am Abend sind die Reisenden wieder zuhause.
Die Termine 2012
23. bis 30. April
8. Frühlingstreffen
Barcelona und die Costa Brava
28. April bis 2. Mai
zum 1.Mai auf ins "Rote Wien":
22. bis 26. Juli
4.Sommertreffen der AG 60 plus
Sternfahrt in den Harz
16. bis 19. August
3. SPD-Kultursommer
Potsdamer Schlössernacht und Berlin
weitere Informationen bei SPD-Reiseservice
030/25594600
info@spd-reiseservice.de
spd-reiseservice.de







