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Icon   Am 1. Oktober 1876 erschien der erste »Vorwärts«

Streiter für Presse-Freiheit

Michael Haller • 01. October 2011

Titelseite des „Vorwärts“ um 1902: Nach einem  Entwurf der Künstlerin Julie Wolfthorn, die 1944  im KZ Theresienstadt umgekommen
Titelseite des „Vorwärts“ um 1902: Nach einem Entwurf der Künstlerin Julie Wolfthorn, die 1944 im KZ Theresienstadt umgekommen ist.

Im 19. Jahrhundert kämpften in den deutschen Ländern die Publizisten gegen die Knebelung durch die Staatszensur. Woche für Woche wurden Zeitungen verboten, Redakteure angeklagt und wegen allzu forscher Ansichten hinter Gitter gebracht. Diese Vorkämpfer für Pressefreiheit waren keine Kaufleute, sondern politische Publizisten, die ihre Kritik an den herrschenden Verhältnissen mit ihren Vorstellungen von einer freieren Gesellschaft publik machten.

So war und blieb die Parteipresse - allen voran der "Vorwärts" und "Der Sozialdemokrat" - bis in die Zeit der Weimarer Republik eine Streiterin für Pressefreiheit. Den Untergang der freien Presse im Zuge der Gleichschaltung durch die Nazis hat ja auch nicht die Presse vorbereitet, sondern der deutschnationale Hugenberg, dessen Pressekonzern ein Agentur- und Anzeigenmonopol errichtete und die übrige Presse systematisch ruinierte.

Pingelig und gewissenhaft
Geburtshelfer der modernen Gesellschaft waren demnach die Zeitungen der demokratischen Parteien. Sie agierten unabhängig vom Kapital der Großindustrie und von der Staatsbürokratie - aber abhängig von ihrer politischen Gesinnung. Die deutschen Publizisten bestünden mit überraschender Pingeligkeit auf
ihrer gewissenhaften Überzeugung, staunte der britische Publizist Sidney Whitman, als er zu Bismarcks Zeiten das Deutsche Reich bereiste. Er ahnte nicht, wie manipulierbar diese Überzeugungstäter dennoch waren.

Heute, in der nachideologischen Ära, sind viele so genannte unabhängige Medien in Wahrheit fest eingebunden in ökonomische Zwänge und Abhängigkeiten. Daraus folgt freilich nicht, dass eine Wiederkehr der Parteilichkeit erwünscht sei. In der offenen Gesellschaft kommt es auf Offenheit an, auf die Transparenz der Macht- und Abhängigkeitsverhältnisse.

Glaubwürdig aus Überzeugung
Dies könnte eine Aufgabe der sozialdemokratischen Parteipresse sein: Dank ihrer institutionellen Bindung ist sie wirtschaftlich nicht korrumpiert - ich hoffe, nicht erpressbar. Sie besitzt damit jene spezifische Glaubwürdigkeit, die aus der Bindung erwächst - als Forum für die Parteimitglieder, als Positionierung für alle politisch Interessierten und, nicht zuletzt, als kritischer Journalismus, der die geheuchelte Unabhängigkeit so genannter Meinungsmacher entschleiert und deren Abhängigkeitsverhältnisse offenlegt.

Der Autor Michael Haller ist Wissenschaftlicher Direktor des Instituts für Praktische Journalismusforschung (IPJ) Leipzig.

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