vorwärts.de: Das durchschnittliche SPD-Mitglied ist Mitte 50, die AG SPD 60plus seit Jahren die größte Arbeitsgemeinschaft. Wie verändert sich Parteiarbeit, wenn die Mitglieder immer
älter werden?
Angelika Graf: Es stimmt: In der SPD gibt es, wie in den anderen Parteien auch, relativ viele ältere Mitglieder. Das Älterwerden hat aber keinen Einfluss auf die Zusammensetzung
der Parlamente. Die SPD-Bundestagsfraktion zum Beispiel hatte meines Wissens noch nie so viele junge Abgeordnete wie im Moment. Aber an der Basis, in den Ortsvereinen und Unterbezirken, ist der
Trend der Alterung deutlich sichtbar. Das kann ein Problem sein, weil sich Junge, die neu zur Partei kommen, eventuell nicht gut angesprochen fühlen. Auf der anderen Seite wären viele Ortsvereine
tot, wenn es die Ältern nicht gäbe. Sie haben die Erfahrung, Spaß und Zeit, etwas zu machen. Die Wahlkämpfe werden schon seit Jahren von den Jusos und vor allem von der AG 60 plus bestritten.
Wie muss sich die Partei verändern, um mit dieser Entwicklung umzugehen?
Man wird die Strukturen nicht über die Köpfe der Betroffenen hinweg reformieren können. Die Erkenntnis, dass etwas geändert werden muss, muss vielmehr bei ihnen selbst reifen. Das ist ein
- manchmal auch langwieriger - Prozess. Ältere halten aber nicht nur an Bewährtem fest! Neue Veranstaltungsformate nehmen ältere Parteimitglieder zum Beispiel sehr gerne an. Bodenzeitungen sind
bei Senioren der Renner. Auch Lehrgänge finden sie toll. Erfahrungsgemäß sprechen auch eher die Älteren mutig die Passanten an und klammern sich nicht an den Info-Ständen fest.
Wird die Parteireform, die auf dem Parteitag im Dezember verabschiedet werden soll, dem gerecht?
Zu Anfang stand ich dieser Reform sehr skeptisch gegenüber. Das hat sich mittlerweile etwas geändert. In der AG 60 plus war die Angst groß, dass sie über die geplanten Themenforen
überflüssig gemacht wird. Wir dürfen da keine Parallelstrukturen schaffen. Ich denke aber, mittlerweile hat die Parteiführung verstanden, dass es diese Ängste gibt und im aktuellen Entwurf wurde
ja auch festgeschrieben, dass die Arbeitsgemeinschaften stärker einbezogen werden müssen. Die Parteiführung wäre auch schlecht beraten, die Arbeitsgemeinschaften zu schwächen oder gar
abzuschaffen, weil ein Wahlkampf ohne sie nicht vorstellbar ist.
Wie sieht es mit den anderen Vorschlägen aus?
Wir haben vor allem darüber diskutiert, welche Rechte Nichtmitglieder in Zukunft haben sollen. Zu Anfang hat es ja so ausgehen, dass jemand, der als Schnuppermitglied zur SPD kommt,
dieselben Rechte hat, wie jemand, der seit Jahrzehnten dabei ist. Dieser Vorschlag wurde mittlerweile zum Glück relativiert. Auch die Vorwahlen sehen wir kritisch, weil sie Geld aus dem
eigentlichen Wahlkampf abziehen und Konflikte vorprogrammiert wären. Mir liegt besonders die Finanzordnung am Herzen, die ja auch geändert werden soll. Ich plädiere dafür, dass wir eine
"Mitgliedschaft Null" einführen.
Was soll das sein?
Es geht dabei um die Parteimitglieder, die in einem Pflegeheim leben und einen gesetzlichen Betreuer haben. Derzeit ist es oft so, dass der Betreuer die Mitgliedschaft kündigt, um das Geld
zu sparen. Das ist absolut legal, bedeutet aber für ein Mitglied, das 60 oder mehr Jahre dabei ist, einen krassen Einschnitt. Wenn dieser Mensch stirbt, gibt es nicht mal einen Kranz von der
Partei, geschweige denn eine Anzeige in der Tageszeitung. Eine Mitgliedschaft Null könnte so aussehen, dass dieses Mitglied auf Antrag seines Ortsvereins beitragsfrei gestellt wird oder sogar
kostenlos wieder in die Partei aufgenommen wird, falls die Mitgliedschaft von seinem Betreuer gekündigt wurde. Das sind wir unseren langjährigen Mitgliedern schuldig. Sie haben es nicht verdient,
derart würdelos aus ihrer Partei auszuscheiden. Die derzeitige "Krücke", das über Patenschaften zu regeln, ist m.E. nicht zufriedenstellend. Deshalb werde ich auf dem Parteitag versuchen,
Mehrheiten für eine solche Regelung zu organisieren.
Warum schottet sich die AG 60 plus ab und richtet nicht eigene Mitgliedschaften ein wie etwa die Jusos?
Es ist ja schon jetzt so, dass in den Untergliederungen überall Ältere bei uns mitarbeiten, auch wenn sie kein Parteibuch haben. Eine eigene Mitgliedschaft wie bei den Jusos brauchen wir
dafür nicht, allerdings wollen wir unsgerne noch intensiver um eventuelle "Unterstützer" kümmern.
Interview: Kai Doering







