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Icon   Neu im Kino: „Cirkus Columbia“

Irres Vorspiel zum Völkermord

Nils Michaelis • 21. October 2011

In der bosnischen Provinz bleibt alles anders. Quelle: Movienet Film
In der bosnischen Provinz bleibt alles anders. Quelle: Movienet Film

Weiß Divko Buntic, in welches Land er nach 20-jährigem Exil zurückkehrt? Überblickt in dieser bosnischen Kleinstadt im Sommer 1991 überhaupt jemand die Lage? "Der Nationalismus sprang mit elementarer Gewalt hervor, ähnlich dem für tot gehaltenen Monster am Ende eines Horrorfilms", so der Schriftsteller Geert Mak.

Buntic macht es so wie die meisten seiner alten und neuen Nachbarn: Er zimmert sich sein Bild zurecht, um sich mit den diffusen Realitäten im politischen Vakuum zu arrangieren. Während in Kroatien längst Panzer rollen, möge der Zwist am "Jugoslawien im Kleinen" vorüberziehen. Was für eine fatale Illusion, zumal sich Buntic längst im Netz der neuen Fronten in der multiethnischen Teilrepublik verheddert hat.

Ende Juni 1991 hatten sich Slowenien und Kroatien von Belgrad losgesagt. Auch in Bosnien-Herzegowina stieg der Dampf im Kessel: Im Oktober des gleichen Jahres verabschiedete das Parlament ein Memorandum zur Unabhängigkeit. Kaum war diese im darauf folgenden Frühjahr Realiät, flogen Granaten auf Sarajewo.

Buntics Rückkehr ist ein Neuanfang: Als die Kommunisten ihn aus dem Land trieben, ließ er Frau und Kind zurück. Nun sitzt in seinem dicken Mercedes eine Begleiterin, die seine Tochter sein könnte. Und die Roten haben nichts mehr zu melden.

Hier kommt der Boss

Gleichsam angewidert und sentimental begutachtet der Aufsteiger das armselige Städtchen. Keine Frage: Jetzt werden die Karten neu gemischt. Und Buntic ist ganz oben mit dabei. Wozu sonst sollte die neue Mini-Oligarchie aus Nationalisten und Mafiosi sonst gut sein? Als er aus seinem Traum erwacht, ist es fast zu spät.

In "Cirkus Columbia" widmet sich Oscarpreisträger Danis Tanovic erneut dem Bosnienkrieg. Doch im Gegensatz zu "No Man's Land" endet der Film vor dem eigentlichen Schlachten. Jeder weiß, welchen Weg der Konflikt nimmt. Dennoch scheint zunächst alles offen. Dass jenseits der kroatischen Grenze die Waffen sprechen, schwingt allenfalls in Fernsehmeldungen und Gesprächsfetzen mit. Zunächst geht es erst einmal darum, die lokale Macht neu zu verteilen.

Oder eben darum, sich den Alltag nicht von den Nachrichten vermiesen zu lassen. Tanovic inszeniert das kollektive Dahindämmern am Abgrund in unaufdringlichen Details, ohne zu tief in die Dekadenz-Kiste zu greifen. Mag kommen, was will: Die mit leeren Bierkisten beladene Oma wird wohl bis ans ihrer Tage ihrem stolzen Gatten hinterhertrotten.

Der Status fordert Opfer

In dieser verheißungsvollen Krisenzeit ist für Buntic das Private auch politisch: Um statusgemäß zu residieren, lässt er die geschmierte Polizei seine Noch-Ehefrau Lucija mitsamt Sohn Martin aus dem Haus werfen, das sie seit seiner Flucht bewohnen - schließlich ist es sein Eigentum!

Die Szene, in der Buntic und seine Geliebte Azra ihr Heim beziehen, gehört zu den eindringlichsten dieses grotesken Dramas. Buntic, ein Sinnbild lakonischer Rücksichtslosigkeit, findet ein Porträt Lucijas auf dem Bett. Ohne es wirklich zu betrachten, wirft er es durchs Fenster. Während es draußen klirrend zu Fall kommt, fixieren seine Augen Azra. Jetzt wird es richtig gemütlich!

Doch Buntic hat die Rechnung ohne Lucija und Martin gemacht. Schließlich sind auch sie nicht ohne Verbündete, wenn auch auf der anderen Seite - und nicht nur dort. So entschieden Buntic seine fragwürdigen Pfründe verteidigt, so unaufhaltsam rutscht er ins Absurde ab.

Gefährliche Witzfigur

Miki Manojlovic ist die ideale Besetzung für den gescheiterten Pseudo-Patriarchen. Mit gewitzter Mimik bringt er die Brüche dieser hinterhältigenWitzfigur zum Schwingen, macht sie bis zum Schluss unberechenbar, im Guten wie im Schlechten - kein Wunder, dass man sich manchmal an den durchgeknallten Standesbeamten aus Emir Kusturicas "Schwarze Katze, weißer Kater" erinnert fühlt.

Die bodenständige Lucija, dargestellt von Mira Furlan, bildet den konsequenten Gegenpol: Ihr kämpferischer Gerechtigkeitssinn ist die personifizierte Entzauberung jeglicher Spinnereien, ohne als verklärte Symbolfigur zu nerven.

Skurriler Moment der Wahrheit

Auch wenn die Entwicklung der Charaktere bisweilen etwas holpert: Tanovics Versuch, die Blindheit und Naivität jener darzustellen, die sich mitten im Strom der - zumal verhängnisvollen - Geschichte bewegen, geht gerade wegen der Überzeichnung und Verfremdung auf. Selbst den Moment der kriegerischen Wahrheit wendet der Regisseur ins Abwegige.

Für Tanovic ist "Cirkus Columbia" auch ein Stück Erinnerungsarbeit. Zu Kriegszeiten betreute er das Filmarchiv der bosnischen Armee. Lange war für den 42-Jährigen das Leben vor jener Zeit, als Nachbarn zu Killern wurden, verblasst. Nun kehrt es zurück - und es lässt sich kaum so leicht entsorgen wie ein lästiges Souvenir.

Info:

Cirkus Columbia (BIH, F, GB, SLO, SRB, B 2010), Regie: Danis Tanovic, Drehbuch: Danis Tanovic und Ivica Dikic, mit Miki Manojlovic, Boris Ler, Mira Furlan. Jelena Stupljanin u.a. www.movienetfilm.de/circus

Ab sofort im Kino


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